Know-how

Galut der Gehirne

Should I stay or should I go? Israelische Akademiker stehen vor der Entscheidung. Foto: Thinkstock

In jeder Hand einen Koffer, unter dem Arm das Surfbrett, so machte sich Oron Zachar auf den Weg. Seinen ersten Abschluss hatte der junge Physiker bereits in der Tasche, doch immer noch große Pläne im Kopf. Auf dem Weg zum Doktortitel in den USA ließ er seine Heimat Israel hinter sich. Der Wunsch nach »dem Besten vom Besten« beflügelte seinen Entschluss. »Und zu Hause war das nicht zu bekommen.« So wie Zachar machen es viele. Es ist zwar kein ausschließlich israelisches Phänomen, doch für den kleinen Nahoststaat ist es ein dramatisches.

Junge Frauen und Männer aus Israel zieht es öfter ins Ausland als andere. Der »Tijul Hagadol« (großer Trip) steht für die meisten nach dem langen Militärdienst ganz oben auf der Wunschliste. Doch auch im Anschluss haben viele Fernweh. Vor allem die hervorragend Ausgebildeten mit Ambitionen. Man spricht vom »Brain Drain«, dem Abwandern der Gelehrten.

Die Zahlen der Regierung zur Abwanderung werden gern niedrig angesetzt, um die Probleme nicht hochzustilisieren. Tatsache ist jedoch, dass die Emigration der Schlauen und Säkularen die Veränderung der Gesellschaft beschleunigt. Denn die im Land verbleibenden weniger Gebildeten, ultraorthodoxe Juden und israelische Araber haben schlicht mehr Nachwuchs.

Diaspora In der ersten weltweiten Konferenz zum Thema »Israelis living abroad« sprachen die Redner von einer Million, die ihre Zelte in New York, Berlin oder Sydney aufgeschlagen hat. Eine Zahl, die Experten realistischer erscheint als die 700.000 aus offiziellen Angaben. Die Million bedeutet 13 Prozent der Bevölkerung. Eine hohe Zahl im OECD-Vergleich, wo der Prozentsatz der Auswanderer um die zehn liegt.

Eine Tatsache, die die Regierung nicht mehr ignorieren kann. Diaspora-Minister Yuli Edelstein sprach es kürzlich aus: »Es ist an der Zeit, dass wir die emigrierten Israelis als eine jüdische Diaspora mit eigenen Bedürfnissen anerkennen.«

Doch warum lassen viele das Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen, hinter sich? Meist werden bessere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten als Begründung genannt, einhergehend mit einem höheren Lebensstandard. Oft geben junge Israelis zudem Pessimismus in Sachen Frieden an.

Bewegung »Milch und Honig sind fast versiegt«, glaubt Hila. Die quirlige junge Frau, die ihren vollständigen Namen nicht verraten möchte, ist vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Hilas Großeltern waren Holocaust-Überlebende aus Deutschland. Sie sei in der deutschen Hauptstadt jedoch nicht auf der Suche nach ihren Wurzeln, sondern nach beruflichen Herausforderungen. Hila ist ausgebildete Musikerin und DJ. »Die Szene in Israel ist begrenzt und nicht sonderlich aufregend«, findet sie. In Berlin indes sei alles in Bewegung und stehe niemals still. Zudem gehe ihr die »politische Engstirnigkeit der momentanen Regierung« gegen den Strich. Dennoch ist für sie klar: »Wenn ich Familie will, geht es zurück.«

Von den Israelis im Ausland leben Schätzungen zufolge mehr als 60 Prozent in Nordamerika, hauptsächlich in New York und Los Angeles. 25 Prozent haben sich in Europa niedergelassen, die meisten in London und Berlin. Der Rest ist über den gesamten Globus verstreut. Von den im Land lebenden Israelis verfügen 22 Prozent über einen Universitätsabschluss, bei Emigranten ist es fast die Hälfte. Zudem seien diese säkularer, liberaler und weltgewandter als ihre Landsleute, die niemals über den heimischen Tellerrand geschaut haben.

Empathie Etwas, das Zachar aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Der heute 49-Jährige hat für sich nur Positives aus seiner Zeit fern der Heimat mitgenommen. Es gebe einen großen Unterschied zwischen Israelis, die im Ausland gelebt haben, und anderen, findet er. Und der liege vor allem im Bereich der Empathie: »Auf einmal merkst du, Israel ist nicht der Nabel der Welt, und es ist sinnvoll, die Dinge von außen oder aus der Sicht einer anderen Person zu betrachten, statt immer nur dem eigenen Spiegelbild in die Augen zu schauen.«

Nach fünf Jahren in der Armee und seinem ersten Abschluss an der Universität Tel Aviv zog es Zachar zur akademischen Elite in die USA. Sieben Jahre lang studierte er an der University of California in Los Angeles (UCLA), bis er »Dr.« vor seinen Namen setzen konnte. Anschließend ging der frisch promovierte Physiker nach Paris und Italien, um als Wissenschaftler zu forschen. Zu dieser Zeit habe er das Leben in der alten Heimat nicht als besonders reizvoll empfunden, gesteht er. Auch war er nicht erpicht darauf, zurückzukehren.

Menschen wie Zachar – ob Physiker, Biologe, Mediziner oder Künstler – würde die Regierung liebend gern zurück ins Land locken. Nach Angaben des Rates für höhere Bildung in Israel forscht derzeit mindestens ein Viertel aller heimischen Wissenschaftler im Ausland. Ein Bericht zeigt, dass 2011 mehr als 14 Prozent der Israelis mit einem Doktortitel länger als drei Jahre im Ausland lebten.

Verschiedene Aktionen der nationalen Wissenschaftsakademie und des Bildungsministeriums sollen die Leute zurückholen. Dank eines Programms für flexiblere und besser bezahlte Jobs sind bereits 300 Wissenschaftler an die Unis gekommen, die Hälfte von ihnen Rückkehrer. »Doch das sind viel zu wenige, um den massiven Brain Drain aufzuhalten«, heißt es von offizieller Stelle.

Lebensqualität Stanley Fischer, Noch-Chef der Bank of Israel und Einwanderer aus den USA, glaubt: »Es wäre das Beste für unsere Nation, wenn die Menschen herkommen wollen, weil die Lebensqualität bei uns höher ist als in westlichen Ländern.«

Die Verheißung eines besseren Lebens lockte Zachar nach 15 Jahren jenseits der Grenzen nicht nach Hause – auch keine Ideologien oder das so oft gerühmte »Wir-Gefühl«. Das Leben traf die Entscheidung für ihn. Mit 36 wurde er ungeplant Vater eines Sohnes. Letztendlich der Grund für ihn, nach Israel zurückzukehren, wo sein Kind lebt.

Mittlerweile ist er seit sechs Jahren wieder in Tel Aviv, hat eine Firma für medizinische Geräte gegründet und arbeitet als Erfinder. So unfreiwillig die Rückkehr war, so gut hat er sich mit der Situation arrangiert. Obwohl der Physiker hin und wieder die große weite Welt vermisst, habe er sich an das »dörfliche Flair« seiner Heimat gewöhnt. »Es gibt eine gewisse Lebensqualität in Tel Aviv, die ich an keinem anderen Ort der Welt gespürt habe. Es ist die persönliche Freiheit, spontan zu sein und das Leben ohne große Pläne oder Vorbereitungen zu genießen.«

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