Jerusalem

Gallant: Geiseldeal »in Reichweite«

Hunderttausende Israelis protestierten auch an diesem Samstagabend für einen Geiseldeal. Foto: Copyright (c) Flash90 2024

Nun will auch Verteidigungsminister Yoav Gallant den Druck auf Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erhöhen, einer Einigung zuzustimmen. Wie Channel 13 am Freitagabend in seinen Hauptnachrichten berichtete, erwäge er, jetzt öffentlich zu erklären, dass Israel »in Reichweite« eines Deals mit der Hamas für einen Waffenstillstands und eine Geiselbefreiung sei.

Laut dem Bericht gehe Gallant davon aus, dass die Hamas an einem Abkommen interessiert sei. Zwar sei das auf dem Tisch liegende Papier »nicht perfekt«, aber der Boden sei reif für eine Einigung. Der Verteidigungsminister wirft Netanjahu jedoch vor, den Fortschritt zu behindern, um die Unterstützung rechtsextremer Parteien der Koalition zu behalten. Die Rechtsaußen-Minister Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich haben wiederholt erklärt, die Regierung verlassen zu wollen, wenn ein Deal mit der Hamas unterzeichnet werde, was sie als »Kapitulation vor der Hamas« ansehen.

Weiter hieß es in dem Fernsehbericht, dass Gallant in einer öffentlichen Äußerung erklären könnte, dass der aktuelle Vorschlag die letzte Chance sei, Geiseln lebend freizubekommen. Quellen gaben auch an, dass Gallant hinter den Kulissen gesagt habe, dass das Schicksal der Entführten »besiegelt« sei, wenn in den nächsten zwei Wochen keine Einigung erzielt werde. Auch Stabschef Herzi Halevi habe während einer Sicherheitsbesprechung am Donnerstagabend Netanjahu aufgefordert, so schnell wie möglich einem Geiselabkommen zuzustimmen, wird berichtet.

Neue Klauseln werden den Vermittlern übergeben

Bereits der Chef des Geheimdienstes Mossad, David Barnea, hatte klargemacht, dass junge weibliche Geiseln der Hamas keine Zeit hätten, auf einen Rahmen für ein neues Abkommen zu warten.

Im Hintergrund des Drucks vonseiten des israelischen Verteidigungsestablishments auf Netanjahu stellte dieser neue Forderungen bezüglich einer fortgesetzten israelischen Präsenz im Philadelphi-Korridor zwischen Gaza und Ägypten sowie außerdem der Schaffung eines Mechanismus zur Verhinderung der Rückkehr bewaffneter Palästinenser in den Norden Gazas. Diese Forderungen hätten die Verhandlungen verlangsamt, werden beteiligte arabische und israelische Beamte in der Internetzeitung Times of Israel zitiert.

Israels Vorschlag vom 27. Mai nennt den Philadelphi-Korridor und den Grenzübergang Rafah nicht als Orte, an denen israelische Truppen bleiben dürfen. Auch legt sein Wortlaut keinen Mechanismus fest, um bewaffnete Terroristen daran zu hindern, in den Norden Gazas zurückzukehren. Laut den Nachrichten von Channel 13 beabsichtigen die Unterhändler, die neuen Klauseln den US-amerikanischen, katarischen und ägyptischen Vermittlern zu übergeben, bevor sie an die Hamas weitergeleitet werden.

»Wir sind innerhalb der Zehn-Yard-Linie und steuern auf die Ziellinie zu, um eine Einigung zu erzielen.«

US-Außenminister Antony Blinken

Netanjahu hatte wiederholt erklärt, dass ein Abkommen nahe, aber noch weiterer militärischer Druck auf die Hamas erforderlich sei. »Wenn Israel härter angreifen würde, könnten wir einen Deal zustande bringen. Hamas beginnt zu bröckeln«, sagte er.

US-Außenminister Antony Blinken äußerte sich am Donnerstag auf dem Aspen Security Forum ebenfalls zu angeblichen Fortschritten bei den Verhandlungen: »Wir sind innerhalb der Zehn-Yard-Linie und steuern auf die Ziellinie zu, um eine Einigung zu erzielen, die zu einem Waffenstillstand führt, die Geiseln nach Hause bringt und uns auf einen besseren Weg bringt, dauerhaften Frieden und Stabilität aufzubauen.« Er führte aus, das sich Israel und die Hamas auf einen Rahmen für ein Abkommen geeinigt hätten, das US-Präsident Joe Biden im Mai vorgelegt hatte. Derzeit werde daran gearbeitet, die verbleibenden Probleme zu lösen.

Währenddessen protestieren jeden Tag Tausende Menschen in Israel, für einen Geiseldeal und gegen Netanjahus Reise in die USA, um vor dem Kongress zu sprechen. »Erst Deal, dann die Reise« skandieren sie. Demonstrationen fanden in Tel Aviv, Haifa, Jerusalem und an vielen anderen Orten in ganz Israel statt, darunter in der Küstenstadt Caesarea, wo Demonstranten zur Privatresidenz von Netanjahu marschierten.

Kurz vor Beginn der Proteste gaben Vertreter der Familien der Geiseln eine öffentliche Erklärung ab, inmitten von Berichten über Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas. Einav Zanguaker, die Mutter des israelischen Geisels Matan Zanguaker, sagte, für Netanjahu sei es »wichtiger, seinen Sitz zu retten, als Leben zu retten«.

Große Mehrheit in Israel spricht sich für einen Deal aus

Zu den Rednern und Rednerinnen gehörte auch Merav Tal, die im November im Rahmen des ersten und bislang einzigen Austauschabkommens aus der Gefangenschaft der Hamas freigekommen war. Ihr Lebensgefährte Yair Yaakov wurde am 7. Oktober ermordet. Sein Leichnam wird noch immer in Gaza festgehalten.

»In der furchterregenden Dunkelheit, die meine Zeit in Gaza umgab, hörte ich im Radio von den Protesten in Tel Aviv. Ihre Rufe waren wie ein Rettungsring in einem Meer aus Angst und Hass«, sagte Tal. »Wir müssen vereint sein, über die Politik hinaus, und alle Geiseln nach Hause bringen. Ich möchte allen und insbesondere dem Premierminister sagen, dass die Rückkehr aller Geiseln die einzige Hoffnung für den Tag danach ist. Der Sieg wird erst kommen, wenn alle zurück sind.«

Verschiedene Umfragen in den vergangenen Wochen zeigten, dass sich eine große Mehrheit der israelischen Bevölkerung für deinen Deal zur Geiselbefreiung ausspricht. Als Channel 12 am Freitag nach der Meinung der Menschen diesbezüglich fragte, sprachen sich 66 Prozent der Israelis für einen Deal auf der Grundlage des aktuellen Vorschlags aus, während nur 16 Prozent dagegen stimmten. 18 Prozent sagten, sie seien sich nicht sicher.

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