Naher Osten

Frieden und Falafel

Man nehme eine Pitatasche, fülle vier, fünf Falafelbällchen hinein, Salat oder saure Gurken, dazu ein reichlicher Schuss Techina. »Und obendrauf eine Prise Weltpolitik, dann schmeckt es gleich noch mal so gut.« Dudi Cohen weiß, was seine Kunden wünschen. »Die Falafel mache ich, politisches Chaos gibt es in unserer Region kostenlos dazu. Be Te’avon – guten Appetit!«

In Cohens kleines Falafelrestaurant in Haifas Downtown kommen die Leute, um ihren Hunger zwischendurch zu stillen. Und um die aktuellen Geschehnisse zu diskutieren. An der Wand dominiert der große Fernseh-Flachbildschirm. Je nach Krisenregion läuft CNN, der israelische Kanal eins oder zwei. Debattiert wird tischeübergreifend, umgeschaltet nur, wenn Dudi es erlaubt. Derzeit auf der Speisekarte: die Unruhen in Ägypten.

respekt »Mubarak ist sicher für sein Volk nicht der angenehmste Präsident«, meint der Gast Schlomo Azoulay. »Aber wir Israelis müssen an uns denken, es tut ja sonst keiner. Für unser Land hat er immerhin drei Jahrzehnte Stabilität gebracht. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen.« Azoulay befürchtet, wie viele andere Israelis, dass Islamisten die Situation im Nachbarstaat ausnutzen könnten, sollte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak abtreten und ein Machtvakuum hinterlassen. »Der Sinai ist strategisch viel zu wichtig für Israel, als dass wir ihn Radikalen überlassen dürfen«, fügt sein Tischnachbar hinzu. Dann beißt er in seine Falafel und sagt: »Viele Leute im Westen sind naiv, wenn sie glauben, bei den Arabern könne auf einmal eine echte Demokratie entstehen.«

Dabei kann die große Mehrheit der Israelis den lautstarken Ruf nach Freiheit und Wohlstand in Ägypten durchaus nachvollziehen. Respekt wird den friedlichen Demonstranten überall ausgesprochen. Angehörige sämtlicher Parteien würden jederzeit die Demokratie einem Despoten vorziehen.

skepsis Mit Blick auf den südlichen Nachbarn jedoch überwiegt die Skepsis, gepaart mit der Angst vor dem Ungewissen. Viel zu fragil ist die Lage im Nahen Osten, als dass man pokern könne. »Eine Revolution mag ja romantisch sein, doch was geschieht am Tag danach?«, schreibt Kommentator Zvi Bar’el passend zur Gefühlslage eines Großteils der Bevölkerung in der Tageszeitung Haaretz.

Politik ist in Israel jedermanns Sache. Gefragt oder ungefragt geben die meisten gern Kommentare zur aktuellen Lage in aller Welt ab. Ungewohnt zurückhaltend zeigen sich stattdessen die Regierenden dieser Tage. Von Außenminister Avigdor Lieberman, der sonst nie ein Blatt vor den Mund nimmt, hört man gar nichts. Premierminister Benjamin Netanjahu gibt sich unverbindlich mit Sätzen wie: »Israel ist eine Demokratie und unterstützt das Fortschreiten liberaler und demokratischer Werte im Nahen Osten. Die internationale Gemeinschaft muss darauf bestehen, dass jede ägyptische Regierung den Friedensvertrag mit Israel einhält.«

Die Sorge, die gesamte Region könne ins Chaos fallen, ist groß. Seit 30 Jahren funktioniert der zwischen Menachem Begin und Anwar Al-Sadat geschlossene Frieden. Der ist zwar nicht herzlich, aber stabil. »Dank Mubarak«, sind sich alle einig. Auf höchster Ebene funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern bestens, gemeinsame Interessen wie die finanzielle Unterstützung der USA oder die Ablehnung des Regimes im Iran, das beide als größten Feind ansehen, wirken verbindend.

kontakte Beziehungen auf unteren Ebenen indes gibt es bis heute so gut wie nicht. Keinen Jugendaustausch, kaum kulturelle Verbindungen. Auch die Handelsbilanz ist nicht berauschend. Waren und Dienstleistungen für kaum mehr als hundert Millionen Euro gehen jährlich über die Grenzen. Im Vergleich zum Handel mit anderen Ländern ist das verschwindend gering. Ägyptischen Schriftstellern, Anwälten, Ärzten und anderen Berufsgruppen ist es offiziell untersagt, »zur Normalisierung der Beziehungen mit Israel beizutragen«. Jene, die es dennoch wagen, müssen mit Repressalien des Regimes rechnen. Wie der ägyptische Autor Ali Salem, der sich 1994 in seinen klapprigen Wagen aus Sowjetzeiten setzte und einfach über die Grenze nach Israel »zu einem Besuch beim Nachbarn« fuhr. Sein Buch A Drive to Israel ist ein mutiger Appell für bessere Beziehungen zwischen den beiden Völkern.

demokratie Dafür setzt sich auch Zeev Refael ein. Zwar glaubt der Tel Aviver auch nicht, dass »über Nacht eine Demokratie erwacht«, meint aber, dass es durch die Demonstrationen durchaus Reformen geben könne. »Es wird für die Menschen etwas besser werden, da bin ich sicher. Und dann kehrt hoffentlich wieder Ruhe ein.« Refael ist Ägyptenkenner und -liebhaber. Gut 40 Mal war er am Nil, hat Freunde und Bekannte jenseits der Grenze. Auch Jordanien kennt er gut, erst kürzlich war er da. »Doch warum soll ich hinfahren, wenn nirgendwo etwas läuft.«

In der Tat, die Geschäfte gehen schlecht. Refael ist Inhaber der Reiseagentur »Mazada«, die seit mehr als 30 Jahren Touren innerhalb des Nahen Ostens, vornehmlich in Israel, Ägypten und Jordanien organisiert. Für »spezielle Reisende« gebe es sogar Syrien im Angebot. Doch momentan geht es nirgendwo hin. »In Sachen Tourismus sieht es dieser Tage im gesamten Nahen Osten sehr schlecht aus.«

muslimbrüder Obwohl Refael Ägypten derzeit nicht besucht, hält er regelmäßigen Kontakt zu seinen Freunden und Geschäftspartnern. Er weiß, »sie wollen ein bisschen Wohlstand und Hoffnung für die Zukunft, so einfach ist es«. Dass die Muslimbrüder dort bald regieren werden, hält er für unwahrscheinlich. »Die Leute wollen Freiheit, nicht einen anderen Unterdrücker. Meine Freunde sagen, es sei ›ausgemachter Schwachsinn‹, dass die Ägypter radikale Islamisten wählen würden.«

Michael Eppel, Leiter der Fakultät für die Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Haifa, hält ein derartiges Szenario für nicht ganz ausgeschlossen, jedoch auch nicht für unbedingt wahrscheinlich. »Die Israelis haben die grundlegende Sorge, dass sich die iranische Geschichte wiederholt, im Falle Ägyptens, dass die Muslimbrüder an die Macht gelangen, sofort das Ende des Friedensvertrages verkünden und auch die Verhandlungen mit den Palästinensern für alle Zeit vorbei wären.«

hamas Außerdem würden dann die Verbindungen des Nachbarn zur Hamas gestärkt. »Mubarak ist ein Kritiker der Hamas, das ist für Israel natürlich sehr ange- nehm.« Doch, beruhigt der Professor, man könne Ägypten nicht mit dem Iran vergleichen. Zwar gäbe es einige Faktoren, die in beiden Ländern ähnlich, doch viele andere, die völlig unterschiedlich sind.

»Ohnehin weiß niemand wirklich, was kommen wird«, meint Eppel. »Keiner von uns ist ein Prophet und kann die Zukunft voraussagen.«

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