Musik

»Frank Sinatra der arabischen Welt«

Singen über Generationen: Dudu Tassa und Nir Maimon Foto: Uwe Steinert

Herr Tassa, in der Dokumentation »Iraq N‘ Roll« von Gili Gaon heißt es: »Iraker sind nur glücklich, wenn sie traurig sind«. Sehen Sie das auch so?
Dudu Tassa: Ja, auf jeden Fall. Wir müssen irgendwie traurig sein.

Aber warum denn?
Tassa: Ich weiß auch nicht. Das ist vielleicht etwas Grundsätzliches. Das hört man ja auch in den Liedern. In den alten Songs gibt es zu Beginn immer das Taqsim, bei dem man mithilfe von Instrumenten das Weinen darstellt. Oder das Mawal, eine Art Trauergesang. Das kann sich über viele Minuten hinziehen, und erst dann geht es mit dem eigentlichen Lied los.

Nir Maimon: Wir wissen nicht, woher es genau kommt, aber traditionelle Musik beginnt immer auf diese Art und Weise.

Sie haben sich auf Ihrem Album mit der Musik Ihres Großvaters und Großonkels, den Al‐Kuwaiti‐Brüdern, befasst. Wer waren die beiden?
Tassa: Sie kamen in Kuwait zur Welt und zogen mit 13 Jahren nach Bagdad. Eines Tages erhielten sie von einem Onkel, der von einer Reise nach Indien zurückgekehrt war, Geschenke. Saleh bekam eine Geige, und Daoud bekam ein Oud. So begann alles. Sie spielten Musik und schrieben ihre Texte dazu.

Sie haben sich auf die musikalischen Spuren Ihrer Großväter begeben. Weshalb?
Tassa: Mir waren die Klänge von Kindesbeinen an vertraut. Meine Mutter sang immer und erzählte von ihrem Vater. Es gab diesen bestimmten Moment, an dem ich wusste: Das möchte ich auch machen – singen und komponieren.

Und das haben Sie mit Ihrer Band auch viele Alben lang getan, allerdings eher mit Rock. Wieso diese musikalische Rückbesinnung?
Tassa: Nach neun erfolgreichen Alben in Israel dachte ich mir, dass es nun der richtige Zeitpunkt sei, sich dieser Geschichte zu widmen. Ich war bereit dazu.

Maimon: Saleh und Daoud Al‐Kuwaiti waren im damaligen Irak richtig berühmt. Von 1930 bis 1950 waren sie Stars in der arabischen Welt. Sie waren der Frank Sinatra der arabischen Welt. Sie haben in Stadien und Palästen gespielt, hatten ihre eigenen Klubs und haben beim Aufbau des ersten Radiosenders mitgeholfen. Sie spielten für den König. Faisal II. liebte sie. Dann kamen sie nach Israel, und alles war anders. Niemand wollte ihre Musik hören.

Wie haben sie das ausgehalten nach solch einer Karriere?
Maimon: Sie waren sehr deprimiert und spielten auf Haflas in der irakisch‐jüdischen Gemeinschaft. Um überhaupt finanziell überleben zu können, verkaufen sie Eier auf dem Markt. Es war tragisch, denn sie dachten, ihre Musik würde mit ihnen untergehen.

Tassa: Es traf meinen Großvater sogar so sehr, dass er allen in der Familie untersagte, je ein Instrument zu erlernen oder zu singen. Mit Musik Geld zu verdienen, war undenkbar. Die Kinder sollten studieren und andere Berufe ergreifen. Und ich bin der Erste in der Familie, der genau das macht, was sie nicht wollten.

Maimon: Selbst seine Mutter wollte Sängerin werden, durfte es aber nicht. Die Musik hatte die beiden betrogen.

Wie hat denn Ihre Mutter reagiert, als sie hörte, dass Sie Musiker werden wollen?
Tassa: Bis heute macht sie sich immer wieder Sorgen, ob das auch ein richtiger Beruf ist.

Maimon: Zu Beginn des Dokumentarfilms sieht man seine Mutter und Dudu auf einer Bank sitzen. Sie redet auf ihn ein und sagt: Werde Arzt, werde Anwalt. Dabei muss man wissen, dass Dudu zu diesem Zeitpunkt bereits sehr bekannt war in Israel und alles okay war. Trotzdem sorgte sie sich. Mütter eben …

Was haben Sie über das jüdische Leben in Irak gewusst, bevor Sie sich mit der Musik Ihres Großvaters befasst haben?
Tassa: Nicht viel. Mir war bekannt, dass es 1947/48 für Juden schwieriger wurde, in Bagdad zu leben, und dass meine Vorfahren 1951 Alija gemacht haben. Die ganzen Geschichten kannte ich nicht. Alle, die damals nach Israel kamen, hatten ein sehr hartes Leben. Das hat sich eigentlich erst in den vergangenen Jahren geändert.

Maimon: In Bagdad hatten die Juden ein sehr gutes Leben. Sie waren hoch angesehen. Doch nach dem Regimewechsel wurde Jagd auf sie gemacht. Deshalb wanderten sie aus. Dudus Familie hätte damals auch nach Australien oder Großbritannien gehen können, aber sie hatten diesen Traum von Israel. Es war schließlich ein junger Staat und eine Heimat für Juden.

Leicht hatten sie es dort allerdings nicht. Viele Juden schämten sich, Arabisch zu sprechen. Wie wird das sprachliche und kulturelle Erbe denn heute in Israel gesehen?
Tassa: Heute ist Arabisch in Israel cool. Es gibt arabische Musik, Restaurants …

Maimon: … alles ist heutzutage orientalisch. Aber damals war es nun einmal komplett anders. Die Menschen wollten westlich sein. Und die Europäer, die nach Israel kamen, waren im Vergleich zu unseren Vorfahren gut ausgebildet und sehr belesen. Meine Großmutter wusste nur, wie man kocht. Und mein Vater, dessen Familie aus Libyen einwanderte, wurde auch seiner Sprache wegen schlecht behandelt, da Arabisch als Sprache des Feindes galt. Die Stimmung zwischen Aschkenasim und Misrachim war damals einfach nicht gut.

Und heute ist sie besser?
Tassa: Na ja, es ist nicht mehr so krass wie damals. In den 70ern oder 80ern war es nicht schön. Unsere Eltern haben darunter sehr gelitten.

Maimon: Aber wie Dudu schon gesagt hat: Heute ist Arabisches doch eher cool. Die Musik …

Tassa: … es wird zwar auf Hebräisch gesungen, aber die Musik ist doch orientalisch.

Maimon: Als wir das erste Album veröffentlichten, hatte es so etwas bis zu dem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Es war also schon sehr mutig, dies zu tun. Dudu war schon ein berühmter Sänger in Israel, und plötzlich wollte er auf Arabisch singen. Wir waren etwas perplex und fragten uns: Warum will er das machen? Sing doch einfach auf Hebräisch weiter. Aber es war Dudus Traum.

Wie hat denn das Publikum darauf reagiert?
Tassa: Die Leute standen total darauf.

Maimon: Uns ist eigentlich bis heute nicht klar, warum unsere Musik so erfolgreich ist. Das erste Album veröffentlichten wir für Freunde, für die Familien, es war unser Herzensprojekt.

Tassa: Ich bin dem Publikum so dankbar, dass es sich unsere Musik angehört hat.

Was macht einen Misrachi‐Song aus? Die Texte haben ja oft so Grundsätzliches zum Thema. Natur, Liebe …
Tassa: Nun, die Juden aus dem Orient waren nie wirklich reich, konnten nicht studieren oder lange Recherchen machen. Deswegen thematisierten sie vermeintlich einfache Dinge.

Gibt es ein Revival orientalischer Musik?
Maimon: Also, wir beleben die Songs von Saleh und Daoud Al‐Kuwaiti wieder. Wir beleuchten ihr Erbe. Die beiden waren sich sicher, dass ihre Lieder mit ihnen verschwinden würden. Wir nehmen Teile ihres Werkes, arbeiten damit, modifizieren sie und wollen sie auch für, sagen wir, westliche Ohren oder ein jüngeres Publikum passend machen.

Was meinen Sie, würden Saleh und Daoud Al‐Kuwaiti zu Ihren Konzerten kommen?
Tassa: Ich denke nicht. Das wäre viel zu laut. Vielleicht würden sie sich ein paar Lieder anhören, aber danach lieber auf die Toilette gehen.

Immerhin haben Sie auch schon mit Ihrer Mutter auf der Bühne gesungen.
Tassa: Das war allerdings doch sehr ungewöhnlich.

Weshalb?
Tassa: Na, eigentlich holt man seine Mutter nicht so einfach zum Singen mit auf die Bühne. Außerdem stresst es mich ungemein. Ich bin angespannter, vor meiner Mutter zu singen als vor großem Publikum.

Maimon. Bei der ersten Show zu diesem Projekt sagte Dudu: »Mama, jetzt kommst du auf die Bühne. Nachdem du so lange darauf gewartet hast, kannst du nun endlich ein Lied singen.« Dudus Mutter hatte mehr als 40 Jahre bei einer Bank gearbeitet. Es war so wundervoll, sie singen zu hören.

Welchen Song haben Sie für Ihre Mutter ausgewählt?
Tassa: Er heißt »Eshrab Kasak weTahana«. Trink deinen Tee, genieß deinen Tee. Wenn wir alle zu Hause zusammenkommen, singen wir, reden und kochen. Alles gleichzeitig. Ein schönes Gefühl.

Mit den Musikern sprach Katrin Richter.

Dudu Tassa & The Kuwaitis spielen am 22. März um 20 Uhr im Berliner Gretchen.

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