Zeitzeugin

»Fluggranaten waren meine Spezialität«

»Wir haben 1948 gefeiert, als würde es kein Morgen geben«: Ruth Westheimer Foto: dpa

Frau Westheimer, wie haben Sie 1948 als junge Israelin den Unabhängigkeitstag erlebt?
Ich war damals Scharfschützin bei der Hagana und fuhr in Jerusalem mit meinen Kameraden zu einem Einsatz. Wir hörten Radio, auf einmal wurde das Programm unterbrochen. Als wir vernahmen, wie David Ben Gurion die Unabhängigkeit Israels verlas, brachen wir spontan in Jubel aus. Wir haben gefeiert, als würde es kein Morgen geben. Es war eine wunderbare Atmosphäre. Nach allem, was wir erleben mussten, hatten wir Juden endlich einen eigenen Staat – ein Wunder! Keiner von uns ahnte damals, dass unmittelbar nach der Staatsgründung dieser grässliche Krieg mit unseren neuen Nachbarn folgen würde.

Eine Allianz arabischer Staaten griff Israel noch in derselben Nacht an.
Ja, das weiß ich noch, als sei es gestern gewesen. Ich erhielt als Scharfschützin den Auftrag, von einem Dach aus andere israelische Soldaten vor den Arabern zu beschützen. Fluggranaten werfen war meine Spezialität, schießen konnte ich auch hervorragend. Eines Tages explodierte in meiner Nähe eine Bombe. Die Schrapnelle trafen meine Beine, ich hatte höllische Schmerzen. Meine schönen neuen Schuhe, die ich zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, waren voller Blut. Die gute Nachricht war: Ich hatte, Gott sei Dank, überlebt.

Wie ging es dann weiter mit Ihnen?
Nach meiner Verletzung lag ich mehrere Wochen im Krankenhaus, dann machte ich weiter mit bei der Hagana. Ich fühlte mich sehr wohl in Jerusalem. 1950 lernte ich dann aber meinen ersten Mann kennen und ging mit ihm nach Paris. Ich studierte an der Sorbonne Psychologie, mein Mann Medizin. Gleichzeitig leitete ich einen Kindergarten für die Kinder von Displaced Persons. 1956 schließlich ging ich nach Amerika, um meinen Onkel zu besuchen, der die Schoa in Schanghai überlebt hatte. In New York lebe ich als »Dr. Ruth« fast 60 Jahre später noch heute.

Sie sind gebürtige Deutsche. Haben Sie nach 1945 jemals darüber nachgedacht, in Ihr Geburtsland zurückzukehren?
Nein! Ich habe zwar kein Problem damit, einmal im Jahr zur Frankfurter Buchmesse nach Deutschland zu kommen. Und die jungen Leute in der Bundesrepublik sind alle auch ganz wunderbar. Mich für längere Zeit in Deutschland aufhalten oder gar dort leben, wollte ich aber unter keinen Umständen. Die Nazis haben einen Großteil meiner Familie ausgelöscht. Ich will in einem Land leben, in dem ich Männern und Frauen meines Jahrgangs ohne Bedenken die Hand schütteln kann. Meine Heimat ist New York – und Israel natürlich. Dahin komme ich immer wieder heißen Herzens zurück.

Israel feiert am Montag seinen 65. Geburtstag. Was wünschen Sie dem Land zu seinem Jubiläum?
Israels Staatsgründung war für mich als junge Frau etwas, das ich mir immer erhofft hatte. Wirklich daran geglaubt habe ich, bis es 1948 so weit war, allerdings nie. Insofern ist es heute eine große Freude zu sehen, dass 65 Jahre später Israel immer noch existiert – und quicklebendig ist. Ich mag gar nicht daran denken, wie das Land dastünde, wenn im Nahen Osten endlich Frieden herrschte. Die gesamte Region würde ein Paradies sein. Trotz des ganzen Troubles mit den Palästinensern bin ich optimistisch: Eines Tages wird es so weit sein und Frieden einkehren.

Was bedeutet Ihnen Jom Haazmaut heute?
Die Verbundenheit mit jenem 14. Mai 1948, als Ben Gurion die Gründung des jüdischen Staates proklamierte, ist bei mir nach wie vor außerordentlich stark. Ich reise jedes Jahr mehrmals nach Israel sowohl für wohltätige Zwecke als auch, um dort meine ganzen Freunde zu besuchen. Der Unabhängigkeitstag ist für mich jedes Jahr aufs Neue etwas ganz Besonderes.

Wie feiern Sie in diesem Jahr?
Ich nehme wie immer an der großen Jom-Haazmaut-Parade in New York teil. In einem Golfkarren fahren ein Freund und ich dann immer die Fifth Avenue hoch und runter, vorbei an Menschen, die israelische Fahnen schwenken und sich die Gesichter blau-weiß geschminkt haben. »Dr. Ruth, Dr. Ruth!« rufen sie dann, wenn ich vorbeifahre. Andere jüdische Promis sind auch immer mit dabei. Ich habe schon mit Michael Douglas, Goldie Hawn und Adrien Brody gefeiert. Die Parade wird definitiv mein Highlight in diesem Jahr!

Das Gespräch führte Philipp Engel.

Israel

Jesus-Statue beschädigt: 30 Tage Haft für israelische Soldaten

Mit einem Hammer attackierte ein Soldat die christliche Heilsfigur im Libanon. Jetzt hat ein Militärgericht den Mann und seinen Kameraden verurteilt

 21.04.2026

Nachrichten

Schule, Posten, Verschwörung

Meldungen aus Israel

von Sabine Brandes  21.04.2026

Landwirtschaft

Von Staub zu Öl

Im Kibbuz Sde Boker wird Bio-Olivenöl produziert. Das Projekt interpretiert die alte zionistische Idee neu, die Wüste zum Blühen zu bringen

von Sabine Brandes  21.04.2026

Gesellschaft

»Ich lasse das nicht in mein Leben«

Yuval Amshalem zieht der Liebe wegen nach Berlin. Bei der Online-Wohnungssuche sah der 24-Jährige sich mit einem antisemitischen Shitstorm konfrontiert, auf den der AI-Experte entspannt reagiert. Ein Gespräch über Ziele im Leben

von Sophie Albers Ben Chamo  21.04.2026

Musik

Vom Kinderzimmer in Cholon in die US-Charts

Die israelische Band Temper City nimmt mit ihrem Song »Self Aware« einen weltweiten Hit auf

von Sabine Brandes  21.04.2026

Warschau/Jerusalem

Polen und Israel streiten über Vorwürfe von Kriegsverbrechen

Der Warschauer Außenminister Sikorski sagt, IDF-Soldaten räumten selbst Kriegsverbrechen ein. Sein israelischer Kollege Sa’ar spricht von »haltlosen und verleumderischen Aussagen«

 21.04.2026

Jom Hasikaron

Israel begeht Gedenktag für Gefallene – Appelle an Einheit und Hoffnung

»Diese Kriegsgeneration verdient es, vom Tag danach zu träumen. Sie verdient ein Lied der Hoffnung«, sagt Präsident Isaac Herzog

 21.04.2026

Jom Hasikaron

So viele Verluste

Mein Vater floh vor der Schoa, wurde beinahe in seinem Kibbuz ermordet und starb als Flüchtling im eigenen Land. Der Gedenktag wird dieses Jahr für mich besonders schmerzhaft sein

von Eshkar Eldan Cohen  20.04.2026

Jom Hasikaron

Wenn Hunde heilen

Ein Projekt in Israel bringt Soldaten und traumatisierte Überlebende mit jungen Hunden zusammen – und schafft stille Rettungsräume im Alltag. Eine Begegnung im Yarkon-Park in Tel Aviv

von Sabine Brandes  20.04.2026