Eilat

Ferienstadt als Flüchtlingslager

Auf einem Campingplatz in Eilat richten Mitarbeiter von IsraAID temporäre Klassenzimmer ein. Foto: Sabine Brandes

Es regnet so gut wie nie, und das laue Wasser lädt das ganze Jahr über zum Baden ein. Hier, an den Ufern des Roten Meeres, kann man wunderbar entspannen. Eilat ist eine Ferienstadt. Auch mitten im Winter sind alle Hotels voll belegt. Doch Urlauber gibt es hier momentan keine. Die Gäste sind ausnahmslos Vertriebene. Sie kommen aus dem eigenen Land: geflüchtet vor dem Terror der Hamas in der Nähe des Gaza­streifens und vor der Hisbollah im Norden.

Eilat hat sich verdoppelt. Seit dem 7. Oktober kamen mehr als 60.000 Menschen aus den Gemeinden in der Nähe des Gazastreifens, Kiriat Schmona und anderen Orten an der israelisch-libanesischen Grenze mit Sack und Pack hier an. In ganz Israel sind mehr als 200.000 Menschen nun Binnenflüchtlinge.

Yotam Polizer, Geschäftsführer von IsraAID, steht in dem blauen T-Shirt, das alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation tragen, vor einem Holztisch auf einem Campingplatz in Eilat. Hinter ihm weiße Zelte, wie sie oft für Veranstaltungen aufgebaut werden. »Die Stadt ist der Hotspot der Vertriebenen«, sagt er. Entweder seien sie von den Behörden aufgefordert worden, ihr Zuhause zu verlassen, wie in den Gemeinden, die vom Massaker der Hamas betroffen waren, und Orten, die unmittelbar an den Libanon angrenzen, oder flüchteten aus Angst vor dem Raketenterror auf eigene Faust.

Die meisten wissen nicht, wann sie wieder zurückkehren können

Die meisten wüssten nicht, wann sie wieder zurückkehren könnten. In der von der Hamas geschundenen Gegend sind viele Häuser völlig zerstört. Es werde mindestens ein bis zwei Jahre dauern, bis wieder etwas aufgebaut sei. In der Zwischenzeit ist IsraAID aktiv: Normalerweise bringt die internationale Nichtregierungsorganisation israelisches Know-how in die ganze Welt. Doch dies sind keine normalen Zeiten. Und so ist sie im eigenen Land tätig – zum ersten Mal in der Geschichte der Organisation.

IsraAID hat 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit. Von denen sind derzeit rund 100 in Eilat und am Toten Meer sowie bei der Hilfe für beduinische Gemeinden eingesetzt und übernehmen an zwölf Orten die Koordination der humanitären Aktivitäten in Notunterkünften. IsraAID betreibt auch sogenannte kinderfreundliche Räume, in denen betroffene Mädchen und Jungen spielen, ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten und inmitten des Chaos einfach Kinder sein können. Denn das Credo der Organisation ist: »Mentale Hilfe ist genauso wichtig wie Ernährung.«

»Bildungseinrichtungen spielen eine besondere Rolle, um den Kindern Stabilität zu geben.«

Geschäftsführer Yotam Polizer

»Bildungseinrichtungen spielen eine besondere Rolle, um den Kindern Stabilität zu geben«, hebt Geschäftsführer Polizer hervor. Hier, auf dem Campingplatz, entsteht gerade eine Schule. Drei hat die Organisation bereits in Hotels eingerichtet. Die Leute von IsraAID bauten innerhalb eines Tages 18 Zelte auf, die als Klassenzimmer fungieren, inklusive Klimatisierung und Einrichtung. »Damit die Kinder und Jugendlichen der Eschkol-Region am Gazastreifen gemeinsam mit ihren Freunden Unterricht haben und einen Teil Normalität zurückbekommen.«

Eine andere Schule entstand in der Feldschule einer Naturschutzorganisation in Ein Gedi oberhalb des Toten Meeres. Auch in den Hotels von Ein Bokek sind Tausende von Familien untergekommen. Das Gebäude wurde prompt zur Grundschule umfunktioniert. »Die meisten Kinder, die herkommen, stammen aus ländlichen Gemeinden und Kibbuzim«, weiß Shachar May, die Sprecherin der Organisation. »Deshalb ist es so wichtig, dass sie auch hier Natur um sich haben. Es gibt ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl.«

IsraAID stellt auch Lehrkräfte ein

IsraAID stellt auch Lehrkräfte ein. »Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer der betroffenen Regionen sind in der Lage zu unterrichten. Einige sind schwer traumatisiert, haben Familienangehörige, die ermordet oder gekidnappt wurden. Andere wurden in den Reservedienst der Armee eingezogen.«

Bei der Schulbildung gebe es vier Partner: die Gemeinden, die Stiftung Dror Batei Chinuch Israel, IsraAID und das Bildungsministerium. Doch wer bezahlt all das: die Schulzelte, ihre Ausstattung, und die Gehälter der Lehrer? May gibt sich etwas ausweichend: »Wir hoffen, dass das Ministerium die Kosten übernimmt. Doch wir befinden uns noch in Verhandlungen.« Dann hebt sie hervor: »Egal, wer letztendlich bezahlt – wir verpflichten uns, die Gemeinden zu unterstützen, solange unsere Hilfe benötigt wird.«

22 Jahre lang ist IsraAID in 62 Ländern tätig, darunter Syrien, Irak, Afghanistan. »Jetzt sind wir zu Hause – das ist ein historischer Moment«, so Polizer. Es gebe viele Traumata wegen der grauenvollen Geschehnisse, der Geiselnahmen und des Krieges. »Doch auch Vernachlässigung schafft Trauma. Deshalb bleibt IsraAID so lange, wie wir gebraucht werden.« Der Geschäftsführer hofft, dass »die Regierung bald übernimmt«, doch bislang organisiere die Zivilgesellschaft den Großteil der Hilfe. Die Arbeit von IsraAID wird komplett durch Spenden finanziert, die aus aller Welt kommen, auch aus Deutschland.

Eilat liegt am südlichsten Zipfel Israels: Im Westen liegt Ägypten, nur wenige Autominuten sind es zur Grenze. Und im Osten schimmern die Bergzüge Jordaniens über dem Meer im Sonnenuntergang. Überall in der Stadt, an Straßenkreuzungen, Zäunen, Balkonen und Palmen hängen Poster mit Dankesbekundungen: »Toda raba, Eilat!« Polizer ist stolz auf seine Landsleute: »Es ist unglaublich, wie die Israelis zusammenkommen, um zu helfen.« Selbstverständlich sei das nicht. »Denn praktisch über Nacht ist aus der Ferienstadt ein riesengroßes Flüchtlingslager geworden.«

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