Bedrohung

Ferien in sicheren Räumen

Feuerwehrleute löschen den Brand in einer Lackfabrik. Foto: Flash 90

So zuverlässig, wie am Ende der Nachrichten die Wettervorhersage kommt, schalten die Fernseh- und Radiosender dieser Tage nach Sderot. In der Kleinstadt in Sichtweite des Gazastreifens gibt es »Niederschlag«. Doch nicht Regenwolken trüben den Himmel über dem »Gaza-Umschlag«, wie im Hebräischen die Kibbuzim, Kleinstädte sowie die Sapir-Hochschule in dem zwölf Kilometer breiten Gürtel um den palästinensischen Küstenstreifen genannt werden. Das Gebiet befindet sich in Reichweite der Kassamraketen aus dem Gazastreifen. Die Sprengköpfe der primitiven Raketen sind mit Metallstücken aus Kugellagern gefüllt, um deren tödliche Wirkung zu erhöhen.

Nur zwölf Sekunden bleiben den Menschen hier, um einen sicheren Unterschlupf zu finden, wenn es aus Lautsprechern »Zeva Adom« (Roter Alarm) scheppert. An jeder Bushaltestelle steht ein Luftschutzbunker aus Stahlbeton. In vielen Häusern gibt es einen Sicherheitsraum mit dicken Mauern, aber ältere Hauser bieten keinen Schutz gegen direkte Treffer oder Splitter.

Erst Ende vergangenen Jahres war Sderot ans Schienennetz angeschlossen worden. Nun gibt es einmal pro Stunde eine direkte Zugverbindung nach Tel Aviv. Das Bahnhofsgebäude ist vorsichtshalber raketensicher errichtet worden. Ebenso sind die Schulen in der Kleinstadt mit mächtigen Betondächern überbaut, um die Kinder während der Unterrichtszeit zu schützen.

Hitze Doch am Montag hätten eigentlich die Sommerferien beginnen sollen. Was tun? In der Region dürfen Sommerkurse und Ferienlager nur in geschlossenen, also halbwegs sicheren Räumen abgehalten werden. Die Stadtverwaltung hat daher beschlossen, das Schuljahr noch bis zum 24. Juli zu verlängern, damit die Schulkinder sich tagsüber wenigstens in gesicherten Gebäuden aufhalten und nicht in den Straßen herumwandern, wo sie jederzeit von Kassamraketen getroffen werden könnten.

Das städtische Schwimmbad ist fast leer, obgleich 40 Grad Hitze nach einem erfrischenden Bad rufen. Eine junge Frau im Bikini holt zwei Kinder aus dem Wasser und rennt zum Schutzbunker neben dem Schwimmbecken. »Was ist los?« Die junge Frau sagt nur »Zeva Adom«.

Michael Ravivo will an diesem Abend heiraten. Mit seiner Braut sitzt er am Küchentisch und telefoniert. Jeden Hochzeitsgast versucht er persönlich zu überzeugen, nach Sderot zu kommen, obgleich es seit der Entführung der drei Jugendlichen vor drei Wochen mehr als 50 Raketen gehagelt hat, davon 17 allein am vergangenen Dienstag.

Neuanfang Am Wochenende davor gab es ein regelrechtes Feuerwerk in Sderot. Im Industriegebiet waren gleich zwei Raketen in der Denber-Fabrik für feuerhemmende Farbstoffe eingeschlagen. Mit lodernden Flammen und der Explosion eines Terpentintanks wurde sie völlig zerstört. Drei Menschen erlitten leichte Verletzungen, der Schaden geht in die Millionen. Aber der Besitzer, Baruch Kogan, dem schon einmal eine Fabrik in Ofakim durch Brandstiftung zerstört worden ist, will nicht aufgeben und in Sderot einen Neuanfang wagen – auch für seine 30 Angestellten.

Alon Davidi, der Bürgermeister der Kleinstadt, hatte nach den Einschlägen vom Wochenende verkündet: »Die Bürger von Sderot lassen sich durch die verabscheuungswürdigen, feigen Aktionen der Terroristen nicht entmutigen.« Die meisten aus dem Gazastreifen abgeschossenen Raketen landen auf offenen Feldern, ohne Schaden anzurichten. Trotzdem wird jeder Einschlag in Israel gemeldet. Die Entwarnung kommt, sowie Polizei und Rettungsdienste sicher sind, dass niemand getroffen wurde. Einige der nicht-lenkbaren Raketen explodieren bereits im Gazastreifen und töten Menschen dort.

beschlüsse Benjamin Netanjahu will zwar die Hamas bestrafen. Doch der Premierminister kann nicht selbstherrlich operative Beschlüsse fassen. Dazu bedarf es einer Kabinettssitzung. Noch ist nichts beschlossen. Am Montag konnten sich die Minister auf kein Vorgehen einigen. Die Kluft zwischen Wirtschaftsminister Naftali Bennett (rechts) und Justizministerin Zipi Livni (links) war zu groß. Bennett forderte die Auflösung der Palästinensischen Autonomiebehörde, eine Annexion des Westjordanlandes und einen Einmarsch in den Gazastreifen. Ministerin Livni will dagegen weiterhin am Friedensprozess festhalten.

Netanjahu positioniert sich irgendwo dazwischen. Er will die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland zerschlagen und Abbas zur Auflösung der Gemeinschaftsregierung bewegen. Gleichwohl hat er am Sonntag vor dem Institut für Nationale Sicherheit sein Bekenntnis zur Zweistaatenlösung erneuert. Der künftige palästinensische Staat müsse jedoch entmilitarisiert sein.

Was wirklich im Interesse Israels ist, wird noch diskutiert. Für die Bewohner in Sderot und anderen Orten rund um den Gazastreifen sind das existenzielle Fragen. Jede Maßnahme, wie auch Nichtstun, kann weitere Raketenangriffe bedeuten – und damit die Gefahr, dass sie oder ihre Kinder getroffen werden.

Jerusalem

Netanjahu zum Iran-Krieg: »Wir sind deutlich über die Hälfte hinaus«

Nach Angaben des Ministerpräsidenten richtet sich die aktuelle Phase der Operation vor allem auf den Umgang mit angereichertem Uran

 31.03.2026

Nahost

Vier Soldaten sterben im Süd-Libanon

Die Lage im Überblick

 31.03.2026

Jerusalem

Todesstrafe für Terroristen: Knesset stimmt zu

Teile der Opposition rechnen damit, dass Israels höchstes Gericht das Gesetz kippen wird

von Sara Lemel  30.03.2026

Meinung

Diaspora-Schmerz

So sehr die Angst und Sorge um Familie und Freunde in Israel auch an einem zehren – haben wir überhaupt das Recht dazu, wo wir doch in Sicherheit sind?

von Sophie Albers Ben Chamo  30.03.2026

Jerusalem

Israels Parlament verabschiedet Rekordhaushalt

Die Zustimmung kam zustande, nachdem sich die ultraorthodoxen Parteien kurzfristig hinter den Haushaltsentwurf gestellt hatten

 30.03.2026

Jerusalem

Nach Kritik: Netanjahu gewährt Kardinal Zugang zur Grabeskirche

Der höchste katholische Vertreter wird an der Messe zum Palmsonntag gehindert. Israel begründet dies mit Sicherheitsbedenken, dennoch hagelt es Kritik. Nun schaltet sich der israelische Ministerpräsident ein

 30.03.2026

Nahost

Raketenangriff aus Iran und Libanon: Einschlag in Raffinerie bei Haifa, mehrere Verletzte

Über dem Bazan-Ölraffineriekomplex steigt dichter Rauch auf. Auch Wohnhäuser wurden getroffen

 30.03.2026 Aktualisiert

Nahost

Wasserversorgung für Gaza: Israel widerspricht UNRWA

Die UNO-Unterorganisation nennt die Versorgung »eingeschränkt und verschmutzt«, während die Behörde COGAT von »falschen Narrativen« spricht und Zahlen vorlegt

 30.03.2026

Erklärung

Geplante Todesstrafe: Europäische Minister appellieren an Israel

Vier europäische Außenminister warnen: Eine Ausweitung der Todesstrafe in Israel könnte nicht nur Menschenrechte verletzen, sondern auch das Vertrauen in demokratische Prinzipien erschüttern

 30.03.2026