Diplomatie

Feind meines Feindes

Kleine Inseln, großes Thema: Tiran und Sanafir in der Nähe von Scharm el-Scheich Foto: Screenshot

Viel Lärm um nichts? Der Nahe Osten ist in Aufruhr um zwei kleine Inseln, »auf denen sich überhaupt nichts befindet«. Das weiß der einstige israelische Botschafter in Ägypten, Yitzhak Levanon. »Es sind zwei winzige, gänzlich unbewohnte Eilande.« Und doch sorgen Tiran und Sanafir im Roten Meer für diplomatisches Geraune über die Grenzen der betreffenden Länder hinaus. Ägypten hatte die Inseln vor Kurzem an Saudi-Arabien übertragen – mit Israels Zustimmung. Es ist dieser Zusatz, der jetzt für wilde Spekulationen sorgt. Steht vielleicht sogar ein Friedensabkommen der einstigen Erzfeinde kurz bevor?

Historisch gehören die Inseln zu Saudi-Arabien. Doch seit den 70er-Jahren wechselte das Eigentum mehrfach zwischen Ägypten und Israel hin und her. Da die Inseln im Friedensabkommen zwischen Kairo und Jerusalem erwähnt werden, hat Israel ein Mitspracherecht. Nun gab Kairo die Inseln mithilfe amerikanischer Vermittlungen an Riad zurück. Doch es war nicht etwa ein gut gemeintes Geschenk. Ägypten erhält im Gegenzug einen Investmentfonds im Umfang von 16 Milliarden Dollar. Geld, das die geschundene Wirtschaft am Nil dringend braucht. Reiner Pragmatismus, oder steckt mehr dahinter?

Plot Ägyptische Medien, oft extrem israelfeindlich gesinnt, schrieben, dass der Transfer mit Zustimmung Israels erfolgte. Doch nicht nur das. Es handele sich um einen ägyptisch-saudisch-israelischen Plot, damit Israels Macht in der Region ausgeweitet werde. Weiter wurde erläutert, dass Jerusalem dem Deal nur deshalb zugestimmt habe, weil es über jeden Schritt eines geplanten Brückenbaus zu den Inseln informiert werde.

Die Reaktionen folgten umgehend: Auf den Straßen Kairos brodelte es. Tausende vornehmlich junge Menschen demonstrierten gegen die Übergabe und forderten den Rücktritt von Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Die Polizei setzte Tränengas ein, Dutzende wurden festgenommen. Al-Sisi versuchte zu beruhigen: Der Transfer wird tatsächlich erst im Jahr 2080 stattfinden. Und wer weiß, wie die Region in 65 Jahren ausschauen mag?

Doch in der aufgeheizten politischen Stimmung im Nahen Osten kann schon die bloße Diskussion über die Abgabe von Land schnell eine kriegerische Auseinandersetzung heraufbeschwören – zumal, wenn es strategische Gebiete umfasst. Und die Inseln – wenn auch unbesiedelt – sind strategisch äußerst bedeutend. Denn in der nur wenige Kilometer breiten Straße von Tiran, in der sie liegen, wird der Seeverkehr vom israelischen Seehafen Eilat ins Rote Meer kontrolliert. Und im Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten ist ratifiziert, dass die Fahrt durch das Rote Meer »für alle Nationen frei und ungehindert sein muss«. Saudi-Arabien erklärte sogar schriftlich, dass es sich an den bestehenden Vertrag halten und damit die Bewegungsfreiheit für Israel im Roten Meer garantieren werde.

Krieg »Früher hätte die Erwähnung des Transfers von Tiran und Sanafir einen Krieg bedeutet«, ist sich Levanon sicher, der von 2009 bis 2011 in der israelischen Vertretung in Kairo diente. »Doch heute nicht mehr, denn die Realität in Nahost hat sich verändert.«

Auch die beteiligten Parteien reagierten prompt und umsichtig, um die Gemüter zu beruhigen. Nach der Kritik in den Medien veröffentlichte die Regierung von al-Sisi alte Landkarten, die belegen, dass die Inseln einst Saudi-Arabien gehörten. Verteidigungsminister Mosche Yaalon erklärte vor Journalisten: »Wir haben eine Verständigung zwischen allen vier involvierten Parteien – den Saudis, den Ägyptern, den USA und Israel – erreicht, dass die Verantwortlichkeit für die Inseln übergeben wird. Unter der Voraussetzung, dass Saudi-Arabien die ägyptische Position im militärischen Anhang des Friedensvertrages von 1979 übernimmt.« Mit dem Anhang ist die Versicherung des freien Seeverkehrs durch die Straße von Tiran gemeint.

Neuerung Auch Elie Podeh, Professor am Institut für islamische und nahöstliche Studien der Hebräischen Universität, ist überzeugt, dass Israel nichts zu befürchten hat. »Saudi-Arabien war an keinen Kriegen gegen Israel beteiligt und hat nicht vor, unseren Staat zu bedrohen.«

Die Tatsache, dass Israel an Verhandlungsrunden teilnimmt, zu denen auch die Saudis gehören, ist an sich eine Neuerung und aufsehenerregend, kommentierten verschiedene Politikexperten in Israel. Es bedeute frischen Wind und zeige, dass sich die Übereinstimmungen zwischen beiden Ländern ausweiteten. Israel und Saudi-Arabien bezeichnen einander offiziell noch immer als Feindstaaten. Deshalb machte der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir auch schnell klar, »dass es keine direkten Beziehungen zwischen dem Königreich und Israel wegen dieser Inseln gibt«.

Doch das ist die offizielle Version. Hinter den Kulissen indes wird schon lange gemunkelt, dass es gemeinsame Interessen in strategischen Angelegenheiten und bereits seit einiger Zeit sogar geheime Aktionen beider Staaten gibt. So kaufte das Königshaus angeblich israelische Drohnen und ließ sie – um den Deal zu verschleiern – in Südafrika auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. Bestätigungen gibt es jedoch von keiner Seite. Regierungschef Benjamin Netanjahu lässt allerdings kaum eine Gelegenheit aus, die neuen Verbindungen lobend zu erwähnen.

Und so ist es mittlerweile kaum mehr ein Geheimnis, dass Jerusalem und das sunnitische Königreich von Saudi-Arabien sich annähern. Zumindest wegen der gemeinsamen Feinde: dem schiitischen Iran und der mit ihm verbündeten Hisbollah sowie der Terrorgruppierungen Islamischer Staat und Al-Qaida. Und wie das Sprichwort besagt: »Der Feind meines Feindes ist mein Freund.« Das scheint die neue Realität im Nahen Osten zu sein.

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