Ehemalige Geiseln

»Es war ganz und gar unmenschlich«

David Cunio in dem Moment, in dem er nach mehr als zwei Jahren in der Gewalt der Hamas seine Töchter wiedertraf Foto: IDF-Spokesperson

Als David Cunio spricht, tut er das langsam, tastend, als müsse jedes Wort durch Schichten von Dunkelheit dringen. Mehr als zwei Jahre lang war der Israeli aus dem Kibbuz Nir Oz Geisel der Hamas im Gazastreifen. Eingesperrt in Tunneln, ausgehungert, psychisch zermürbt. In einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Kanal 12 erzählt der 35-Jährige nun erstmals ausführlich, was es bedeutet, über Monate und Jahre in absoluter Ungewissheit zu leben – und warum er zeitweise darüber nachdachte, sich das Leben zu nehmen.

»Ich hatte viele Gedanken«, sagt er. »Vielleicht sammle ich Tabletten und nehme sie alle auf einmal …« Cunio beginnt seine Erzählung am Morgen des 7. Oktober 2023: Hamas-Terroristen dringen in den Kibbuz Nir Oz ein, brennen Häuser nieder, töten Bewohner, verschleppen ganze Familien. Insgesamt werden mehr als 1200 Menschen ermordet, 251 als Geiseln von der palästinensischen Terrororganisation in die Enklave entführt.

Im Chaos verliert sich die Familie aus den Augen

Der gelernte Elektroingenieur und Schauspieler wird zusammen mit seiner Frau Sharon, den dreijährigen Zwillingen Yuli und Emma sowie Sharons Schwester Danielle Aloni und deren Tochter Emilia verschleppt. »Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Sharon von einem der Terroristen weggezerrt wird«, erinnert er sich. »Ich schreie nur noch: ‚Meine Frau, meine Frau!‘«

Im Chaos verlieren sie sich aus den Augen. Dann ist Emma verschwunden. »Wir waren völlig besessen von dem Gedanken, dass sie nicht bei uns ist, haben immer wieder gesagt: ‚Es gibt noch ein Mädchen, sie sieht genauso aus wie Yuli, sie heißt Emma, sie ist ihre Zwillingsschwester. Könnt ihr sie finden?‘ Aber niemand wusste etwas. Es herrschte das totale Chaos.«

Die Angst habe alles gelähmt. »Wir haben kaum gegessen oder getrunken. Wir konnten diesen Gedanken nicht ertragen, dass Emma vielleicht allein ist.« Es sollte zehn unerträgliche Tage dauern, bis das kleine Mädchen zu seiner Familie zurückkehrte. »Sie war abgemagert, übersät mit einem Hautausschlag und erkannte uns nicht. Sie weinte nur.« Erst als Sharon ihr das Kinderlied »Red Eleinu Aviron« (Komm herunter zu uns, Flugzeug) vorsang, sei sie »langsam zurück zu uns gekommen«.

Doch das Trauma blieb. Nach den blutigen Szenen im Kibbuz litt Emma unter nächtlichen Schreikrämpfen. »Die Terroristen sagten uns, wir sollen sie zur Ruhe bringen«, erinnert sich Cunio. »Wie soll ich ein dreijähriges Mädchen ruhigstellen? Soll ich sie schlagen? Was soll ich tun?«

David Cunio: »Es waren unsere Kibbuz-Ältesten. Achtzigjährige. Sie waren so abgemagert. So etwas darf man doch nicht tun.«

All das geschah, während er um das Leben seines Zwillingsbruders bangte. »Seine letzte Nachricht war: ‚Rettet mich, mein Haus brennt mit meiner Familie darin.‘ Ich war überzeugt, er sei tot.« Ein Terrorist sagte, sie hätten Eitan dort gefangen und brachten einen Mann zu ihm. Doch es war Eitan Horn, nicht Eitan Cunio. Erst am letzten Tag seiner Geiselhaft erfuhr Cunio, dass sein Bruder noch lebte.

Auch wusste er nicht, was mit seinem jüngerer und ebenfalls entführten Bruder Ariel geschehen war. Der blieb lange ein Fragezeichen in seiner Gedankenwelt. Etwas, das sein Durchhaltevermögen bis zum Ende auf eine extrem harte Probe stellte.

Am 27. November 2023 wurden Sharon und die beiden Töchter im Rahmen eines begrenzten Waffenstillstands freigelassen. Er blieb zurück. »Es war der schlimmste Tag meines Lebens. Schreckliches Weinen füllte den Raum. Ich sagte immer wieder, dass ich Todesangst habe.« Er fleht die anderen Geiseln an, ihn nicht aufzugeben und zu unterstützen.

Eines Tages begegnete Cunio einer Gruppe älterer Geiseln in den Tunneln. »Es waren unsere Kibbuz-Ältesten. Achtzigjährige«, sagt er. »Sie waren so abgemagert. Es war ganz und gar unmenschlich.«. Als er spricht, schüttelt er den Kopf. So, als könne er nicht glauben, wie Menschen zu so etwas fähig sind. »So etwas darf man doch nicht tun.« Sie alle wurden später von der Hamas ermordet.

250 Milliliter Wasser und ein halbes Pita am Tag

»Über lange Zeit hatten wir 250 Milliliter Wasser und ein halbes Pita am Tag«, berichtet Cunio über die Zustände in den Tunneln. »Es ist stockdunkel, du hörst ständig deinen eigenen Magen knurren. Dann flehst du um einen weiteren Löffel Marmelade, um irgendetwas. Aber sie geben dir nichts. Und jeden Tag wirst du dünner, schwächer…«

Cunio über Psychoterror: »Dieser Scheiß sickert langsam ein«

Hinzu sei dauerhafte psychische Folter gekommen. »Am Anfang, wenn sie dir Lügen über deine Frau erzählen, glaubst du es nicht«, sagt Cunio. »Sie sagen: ‚Deine Frau kämpft nicht mehr für dich. Deine Frau hat einen anderen.‘« Im Interview hält er kurz inne. »Aber dieser Scheiß sickert langsam ein. So unrealistisch es klingt, dort unten fühlt es sich plötzlich real an.«

Momente der Qual und Verzweiflung seien in Gaza an der Tagesordnung gewesen, aber es habe auch Hoffnungsschimmer gegeben. »Ich fand ein Haargummi meiner Töchter in der Hosentasche und hatte Armbänder, die ich für sie aus Dattelkernen gebastelt hatte«, erzählt er. »Damit setzte ich mich in Gedanken zu ihnen, schloss die Augen und sprach mit ihnen.« Diese Verbindung habe ihm die Kraft gegeben, in den dunkelsten Stunden nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Auch seinen besten Freund Yarden Bibas traf er in den Tunneln. »Ich war sicher, sie hätten ihn getötet«, sagt er. Sein Freund ist bleich, wirkt gebrochen. Kurz zuvor hatte er erfahren, dass Terroristen seine Frau Shiri und seine beiden kleinen Kinder Ariel (4) und Kfir (sieben Monate) ermordet haben. »Shiri war wie eine Schwester für mich«, sagt Cunio. »Sie waren ein perfektes Paar. Ich weiß nicht, wie man so etwas jemals begreifen kann.«

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Nach zwei Jahren sah er seinen Bruder, auch er Geisel, wieder

Im Januar 2025 werden Iair Horn und Sagui Dekel-Chen freigelassen, mit denen er zusammen festgehalten wurde. Er und Eitan Horn bleiben zurück. »Wir haben gesagt: ‚Wenn er jetzt die zweite Phase nicht unterschreibt, sind wir tot‘.« Gemeint ist Premierminister Benjamin Netanjahu. Doch die zweite Phase kommt nicht.

Erst ein dreiviertel Jahr später, in der Nacht vor seiner Freilassung am 13. Oktober 2025, öffnet sich plötzlich die Tür und jemand ruft seinen Namen. »In diesem Moment verstand ich, dass Ariel kommt.« Sein jüngerer Bruder. Am Leben. Zwei Jahre lang wusste er nicht, was mit ihm geschehen war. »Ich sehe einen großen Mann mit langen Haaren und begreife erst nicht, dass er es ist. Ich renne, umarme ihn weinend und küsse ihn wieder und wieder. Ich lasse ihn nicht mehr los.«

Am Morgen darauf kann er kaum glauben, was geschieht. Er erfährt, dass nicht nur seine Brüder, sondern seine gesamte Familie am Leben ist. »Plötzlich sehe ich, dass jeder noch lebt – nicht ein einziger fehlt«, sagt Cunio mit zitternder Stimme. Und dann kommt der Moment, auf den er sein ganzes Innerstes ausgerichtet hatte: das Wiedersehen mit seinen Töchtern. »Alles, was ich wollte, war, dass sie auf mich zulaufen und mich umarmen.« So geschieht es. Die kleinen Mädchen seien viel gewachsen in den zwei Jahren: »Ihre Sprache, ihre Haare… All diese kleinen Dinge haben sich verändert.«

Doch nach der Euphorie der Rückkehr sei nicht alles eitel Sonnenschein. Nach einer so langen Zeit der Trennung und Isolation müssten seine Töchter und er erst wieder zueinanderfinden. »Es ist nicht einfach, aus der Geiselhaft zurückzukommen und zu versuchen, eine Familie zu sein, als wäre nichts passiert«, so Cunio. Doch es ginge bergauf: »Meine Mädchen beginnen, mir wieder zu vertrauen und wollen, dass ich bei ihnen bin.« Dann lächelt er. »Und das ist meine größte Freude.«

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