Micha Biton

»Es war der blanke Horror«

Micha Biton Foto: privat

Herr Biton, wie geht es Ihnen momentan?
Es ist schrecklich. Alles Schreckliche, was man sich nur denken kann: Ich habe meine Freunde verloren. Es war der blanke Horror.

Können Sie die Situation am Samstag beschreiben?
Alles begann am Morgen gegen sechs Uhr mit Raketenbeschuss. Wir bemerkten, dass es Terroristen gab, die in unseren Moschaw gelangt waren. Wir waren ingesamt zu elft hier im Haus, mit Babys. Wir begaben uns in den Schutzraum, wir hörten überall Schüsse, das Stromnetz brach zusammen, wir waren im Dunkeln ohne Internet, ohne Kommunikation nach draußen. Wir haben eine solche Angst noch nie erlebt. Wir hörten, wie sie von Haus zu Haus gingen und Familien und Kinder ermordeten. Es war ein schreckliches Gefühl. Ich schloss die Familie in den Schutzraum ein, nachdem ich ihn kurz verlassen hatte, um zu sehen, ob sie in unserem Hof wären, ob sie auch zu uns kämen. Ich sah sie nur vorbeigehen, denn plötzlich fing mein Hund an zu bellen. Zwei Häuser weiter ermordeten sie die komplette Familie. Ich sah, wie sie schossen und schossen. Wir waren zwölf oder 14 Stunden im Schutzraum, im Haus, ohne Elektrizität, ohne Verbindung zu irgendjemandem. Wir wussten absolut nichts. Unsere Mobiltelefone waren aus. Irgendwann sah ich Autos, die von außerhalb des Moschaw waren; ich rannte raus, um zu fragen, was los sei. Und sie sagten: »Jetzt müsst ihr raus.« Wir sammelten unsere Sachen zusammen und rannten einfach nur.

Wo sind Sie jetzt?
Im Norden bei unserer Familie. Wir versuchen zu verarbeiten, was wir gerade durchgemacht haben. Wir versuchen zu verstehen, dass unsere besten Freunde tot sind – fast 20 Menschen, von denen wir es wissen; über etliche andere können wir noch nichts sagen. Es ist eine schlimme, schlimme Situation.

Die Frage, wo die Hilfe war, ist offensichtlich.
Ich weiß nicht, was passiert war. Als ich wieder Empfang hatte, bekam ich einen Anruf von jemandem vom Fernsehsender Channel 12. Er wollte wissen, was genau bei uns los sei. Ich musste allerdings sie fragen, was los war, weil ich nichts wusste. Wir spürten, dass die Armee nicht da war, dass uns niemand beschützte. Was war nur los? Die Armee kam dann drei Stunden später; bis dahin wussten wir nicht, ob wir am Leben bleiben werden. Es waren fürchterliche, schreckliche Stunden, bis die Armee da war. Unterdessen ermordeten die Terroristen einen nach dem anderen: Freunde, Familien. Es ist schrecklich! Unser Moschaw Netiv Haasara ist der, der sich am Nächsten an der Grenze zum Gazastreifen befindet. Es ist erstaunlich, wie leicht die Terroristen nach Israel gelangen und versuchen konnten, Menschen zu ermorden. Wir beten, dass sie das überleben.

Was hoffen, was erwarten Sie?
Jetzt? Ich hoffe, dass sie die Leute, die zu uns gekommen sind, um uns zu ermorden, töten werden. Denn sie kamen zu uns, um Kinder, um Familien inmitten von Kibbuzim, Moschawim und von Städten umzubringen. Die in die Häuser kamen, Kinder vergifteten. Es ist schrecklich. Es ist nicht Armee gegen Armee; sie kamen, um Einwohner zu ermorden. Es ist verrückt. So verrückt.

Wie geht es Ihren Kindern und Ihnen?
Sie stehen unter Schock. Wir sind alle traumatisiert. Wir haben seit gestern nicht mehr geschlafen. Jetzt brauchen wir Hilfe, professionelle Hilfe; Menschen, mit denen wir reden können, die uns helfen, uns darüber klar zu werden, was passiert ist. Wir können das nicht mit uns allein ausmachen. Wir brauchen Hilfe. Wir müssen darüber sprechen; wir müssen wissen, welcher Mittel wir uns bedienen können, um uns zu heilen. Es ist einfach nur schrecklich. Alles ist schrecklich. Besonders, weil wir nicht wissen, wie wir unsere Freunde begraben werden. Es ist Krieg, und wir wissen nicht, wie wir den Familien, die ihre Angehörigen verloren haben, helfen können. Wir versuchen gerade, uns bewusst zu werden, was passiert ist und was wir machen werden. Wir wissen es noch nicht.

Mit dem Sänger telefonierte Katrin Richter.

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