Iran

»Ernsthafte Eskalation«

Israelischer Panzer auf den Golanhöhen mit Blick auf die syrische Stadt Quneitra Foto: Flash 90

Die Zeiten, in denen sich Israel als reiner Zaungast betrachten konnte, sind vorbei. Immer tiefer wird der jüdische Staat an seiner nördlichen Grenze in die politischen Verwicklungen beim Nachbarn Syrien hineingezogen. Dort geht der blutige Bürgerkrieg in sein achtes Jahr, während sich die Mächte von außen in dem arabischen Land – Iran, Russland, Türkei und USA – weiter positionieren. Die Lage für Israel eskalierte in den vergangenen Wochen zusehends.

In der Nacht zum 9. April wurden plötzlich von unbekannt Luftangriffe gegen Stellungen in Syrien geflogen. Zunächst hatte die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtet, dass die USA verantwortlich seien. Doch Washington bestritt dies vehement.

Der Beschuss galt dem Luftwaffenstützpunkt T‐4. 14 Militärangehörige sollen dabei getötet worden sein, darunter sieben Iraner. »Die israelische Aggression gegen den Flughafen wurde von israelischen T‐15‐Maschinen ausgeführt. Sie schossen mehrere Raketen aus libanesischem Territorium ab«, erklärte SANA.

Angriff
Jerusalem hüllte sich in komplettes Schweigen, doch später kommentierten amerikanische Regierungsvertreter, dass Israel den Angriff ausgeführt habe. Washington sei zuvor informiert worden. Ein Berater des iranischen Ayatollahs Ali Khamenei erklärte nach Angaben der offiziellen Nachrichtenagentur des Iran: »Diese Verbrechen werden nicht ohne Antwort bleiben.« Außerdem gab Teheran in einem ungewöhnlichen Schritt bekannt, dass »iranische Militärberater« bei dem Angriff getötet worden seien.

Verteidigungsminister Avigdor Lieberman sagte am Tag darauf knapp: »Ich weiß nicht, was passiert ist«, fügte jedoch hinzu, dass man die iranische Einmischung in Syrien nicht akzeptieren werde – »wie hoch die Kosten auch sein mögen«. Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, man werde jeden schlagen, der dem jüdischen Staat schaden wolle.

Trotz der vagen Worte nimmt man die Drohungen aus Teheran in Jerusalem nicht auf die leichte Schulter. Das Militär wurde in Alarmbereitschaft versetzt.

Der wirkliche Gamechanger in der Situation sei allerdings nicht dieser Angriff gewesen, meint Brandon Friedman, Direktor des Forschungszentrums am Mosche‐Dayan‐Zentrum für Nahost‐ und Afrika‐Studien der Tel‐Aviv‐Universität.

»Es war die iranische Drohne, die im Februar nach Israel geschickt wurde.« Damals gingen Schockwellen durch das Land: Zum ersten Mal überhaupt waren dabei Israel und der Iran in eine direkte Konfrontation auf syrischem Territorium verwickelt worden. Und zum ersten Mal seit 1982 wurde ein israelischer Jet abgeschossen. Am vergangenen Freitag bestätigte der Sprecher der Armee, Ronen Manelis, dass die iranische Drohne bewaffnet und zu einem Angriff unterwegs war, statt, wie zunächst angenommen, lediglich auf einer Ausspähmission. »Und das hat die Situation für Israel völlig verändert«, ist Friedman sicher. »Dieser Vorfall wird als ernsthafte Eskalation angesehen.«

Einmischung »Ich habe seit einer Weile vor den Gefahren der militärischen Einmischungen des Iran in Syrien gewarnt«, hob Netanjahu nach dem Vorfall hervor. Teheran wolle das syrische Territorium nutzen, um sein erklärtes Ziel, Israel zu zerstören, durchzusetzen. »Der Iran hat Israels Souveränität auf schamlose Weise verletzt. Es zeigt, dass unsere Warnungen zu 100 Prozent korrekt waren.«

Der israelische Fernsehkanal 10 berichtete jetzt, dass der Iran sich auf eine direkte Konfrontation mit Israel vorbereite, und nicht wie seit Jahrzehnten durch seine Verbündeten Hamas oder Hisbollah. Angeblich wollten die iranischen Streitkräfte, angeführt von den Quds‐Einheiten der Revolutionären Garde unter der Leitung von General Qasem Soleimani, ihre starke Präsenz in Syrien dafür ausnutzen.

Dass ein direkter Angriff ein realistisches Szenario sein könnte, meint auch Friedman. »Der Iran steht jetzt unter Zugzwang. Denn Israel hat seine Taktik nach dem Zwischenfall mit der Drohne geändert. Sieben Jahre lang hatte sich Jerusalem stets zurückgehalten und ausschließlich reagiert, wenn Grenzen überschritten wurden. Es sieht so aus, als würde die Regierung jetzt allerdings zu ihrer alten Haltung zurückkehren und auch vorbeugenden Angriffe ausführen, wenn die nationale Souveränität bedroht ist. Man wartet nicht mehr nur ab.«

Definitiv habe Jerusalem in den vergangenen Wochen den Druck auf den Iran erhöht. »Es kann sehr wohl sein, dass der sich daraufhin genötigt fühlt, zurückzuschlagen.« Andererseits sei es möglich, dass Teheran seine enormen Gewinne in Syrien nicht gefährden will und sich daher zunächst zurückhalten werde.

Vielleicht sind es nur leere Worte, doch der iranische General Kiumars Heidari unterstrich während einer Rede in Teheran, dass Israel die Islamische Republik Iran nicht mehr bedrohen könne. »Die Mächte des Iran sind viel stärker als zuvor«, sprach er und fügte düster hinzu: »Das Datum für Israels Zerstörung ist bereits bestimmt.« Heidari sprach am Montag, kurz vor dem iranischen Tag der Armee, der mit Israels 70. Unabhängigkeitstag zusammenfällt.

Rückzug Besonders großes Kopfzerbrechen in diesem Szenario dürfte Netanjahu die Ankündigung von US‐Präsident Donald Trump bereiten, dass sich die USA innerhalb kurzer Zeit komplett aus Syrien zurückziehen wollen. Während Russland für Israel keine direkte Gefahr darstelle, sondern »ein zynischer Spieler« sei, hätte ein amerikanischer Abzug gravierende Auswirkungen, ist Friedman sicher.

»Der Iran würde sich sofort selbstbewusster in Syrien geben und an seiner territorialen Hegemonie in der Region arbeiten. Israel sähe sich mit einem iranischen Korridor zwischen Teheran und dem Mittelmeer konfrontiert.« Es gebe keinen Zweifel, dass der Iran sein neo‐imperialistisches Projekt in die Tat umsetzen wolle. »Syrien, Libanon und Irak – allesamt in iranischer Hand. Israel hätte dann eine lange Grenze mit dem Iran. Diese Gefahr kann überhaupt nicht überschätzt werden.«

Der Experte ist sicher, dass die Gegend an der nördlichen Grenze in der nächsten Zeit zusehends zu einem Ort der Konfrontationen wird. »Die Gefahr ist sehr real, das ist mittlerweile Konsens in ganz Israel.« Dass der Iran in absehbarer Zeit also die Koffer packt, hält er für unrealistisch. »Vor allem nicht, weil Teheran so viele Milliarden – schätzungsweise mehr als zwei Dutzend – sowie Blut und Energien in Syrien investiert hat.«

Obwohl der Bürgerkrieg in Syrien nach Friedmans Einschätzung so gut wie vorbei sei, müsse sich der jüdische Staat mit einer neuen Realität auseinandersetzen. »Denn der Bürgerkrieg ist nahtlos in einen anderen Krieg übergegangen: den der Auslandsmächte um die Vormachtstellung bei Israels Nachbarn.«

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