8. März

Erfolge und Herausforderungen

Die Feministin Galit Deshe Foto: privat

Heute, am internationalen Frauentag, haben wir Gelegenheit, unsere Erfolge zu feiern, aber auch unsere Herausforderungen klar zu benennen. Am 8. März 2017 müssen wir in Israel leider immer noch einen geschlechtsspezifischen Einkommensunterschied von fast 30 Prozent feststellen – nach wie vor verdienen Männer mehr als Frauen. In Israel gibt es eine hohe Anzahl sexueller Gewalttaten und ein zunehmend religiös motivierte Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit. Auf der politischen und öffentlichen Bühne sind Frauen immer noch unterrepräsentiert.

Auch am heutigen 8. März veröffentlichen wir wieder Zahlen. Doch diesmal haben wir die Möglichkeit, nicht allein unsere Verluste und Benachteiligungen aufzuzählen, sondern auch Erfolge und Fortschritte zu feiern. Nun fragen Sie sich vielleicht: »Höre ich da eine optimistische feministische Stimme?« Die Antwort lautet: »Es ist kompliziert.«

Optimismus Ich bin davon überzeugt, dass es unmöglich ist, ohne Optimismus feministische Aktivistin zu sein. Andererseits ist feministischer Optimismus immer auch mit Zynismus und Kritik verbunden, besonders in Israel. Wir leben hier einerseits in einem Staat und einer Gesellschaft, die mit Kreativität, Vielfalt und der Chance gesegnet ist, Veränderungen in kurzer Zeit erreichen zu können.

Andererseits aber sind wir mit einer gewaltigen Kluft zwischen den Geschlechtern konfrontiert, mit alarmierenden Zahlen und nationalen Prioritäten, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – und auch generell – nicht immer möglich machen.

Eine der besonderen Schwierigkeiten für feministischen Aktivismus in Israel ist die instabile politische Atmosphäre. Frauen und ihre Rechte werden dauernd mit Hinweis auf »dringendere Angelegenheiten« benachteiligt. Dabei kann Krisenanfälligkeit sehr wohl auch Nährboden für viele Aktionen und Initiativen sein.

Kampagnen Allein im Jahr 2016 war eine Vielzahl von Kampagnen und langwierigen Auseinandersetzungen zu beobachten: Sie hatten mit dem Kampf gegen sexuellen Menschenhandel und Prostitution zu tun, mit dem Kampf von Frauen für ihr Recht auf wirtschaftliche, persönliche und kulturelle Sicherheit, dem Protest gegen religiös motivierte Geschlechtertrennung oder der Gewährleistung der Verfügungsgewalt über den eigenen Körper.

Von den vielen Aktivistinnen und feministischen Initiativen möchte ich an dieser Stelle vier nennen, die stellvertretend für die Atmosphäre des Kampfes für Gleichberechtigung der Geschlechter stehen. Einige konzentrieren sich auf Frauen generell, einige sind lokaler Natur und eine von ihnen ist eine Friedensinitiative.

Ultraorthodoxe Frauen 1. Die Initiative »Kein Mitspracherecht, keine Stimmabgabe« (Hebräisch: »Lo Nivcharot Lo Bocharot«) gibt Frauen in der ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel eine Stimme, um eine politische Plattform für ihre Vertretung im israelischen Parlament zu schaffen. Ultraorthodoxe Frauen werden in Israel von Machtpositionen, Führung und Entscheidungsprozessen ausgeschlossen – sowie von der sozialen, politischen und religiösen Bühne. Es gibt aber keine stichhaltige religiöse Rechtfertigung für diesen Ausschluss.

Das Fehlen politischer Vertretung hindert ultraorthodoxe Frauen daran, effektiv Macht auszuüben oder die Möglichkeit zu haben, praktische Lösungen für essentielle Probleme voranzutreiben. Das wirkt sich auf ihren Status in ihrer Gemeinschaft aus und reduziert die Funktionsfähigkeit des ultraorthodoxen Sektors generell, mindert die Qualität seiner sozialen Strukturen und verringert die Aussichten auf seine Integration in die israelische Gesellschaft. »Kein Mitspracherecht, keine Stimmabgabe« begann als Ein‐Frau‐Petition auf Facebook und wurde zu einer großen Bewegung unter der Leitung von Esty Shushan und Esty Rider‐Indursky.

Sexuelle Belästigung 2. »Laila Tov« (Hebräisch für »Gute Nacht«) ist eine gemeinsame Initiative von Bar‐ und Clubbetreibern sowie Partygästen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt im Nachtleben zu minimieren. »Laila Tov« bemüht sich darum, für Frauen und Männer einen angenehmen, sicheren und belästigungsfreien Raum zu schaffen, in dem alle ungestört tanzen, trinken und sich amüsieren können.

Das beginnt mit einer Null‐Toleranz‐Politik gegenüber sexueller Belästigung und sexueller Gewalt sowie dem Angebot voller Unterstützung für alle, die in irgendeiner Weise angegriffen oder belästigt werden. Diese Botschaft wird sich in der Szene verbreiten und einerseits für Beistand und Vertrauen bei belästigten Frauen und Männern sorgen – und andererseits ein deutliches Signal an Belästiger senden: So etwas ist in unserem Club/unserer Bar inakzeptabel. »Laila Tov« wurde von Keren Greenblat, Yasmin Vax und sechs anderen jungen Frauen ins Leben gerufen.

arabische Frauen
3. »Arabische Frauen gehen auf die Straße« – und prangern Gewalt gegen Frauen an. Denn Gewalt hat keine Religion, Ethnie oder Hautfarbe, sagt Samah Salaima, Direktorin von »Naam« (Arabische Frauen im Zentrum). Jedes Jahr werden in Israel um die 20 Frauen Opfer von geschlechtsbedingten Morden. Sie sind jüdisch, muslimisch und christlich. Einwanderinnen, Geflüchtete oder israelische Bürgerinnen.

2016 haben arabische Feministinnen ihre Stimme gegen die Gleichgültigkeit erhoben, mit der Behörden und politisch Verantwortliche der Gewalt gegen Frauen in der arabisch‐israelischen Gesellschaft begegnen (oder sie vielmehr ignorieren). Diese mutige Stimme nannte Zahlen und Namen und forderte, dass das Leben arabischer Frauen dem jüdischer israelischer Staatsbürger gegenüber als gleichwertig betrachtet wird.

Friedensinitiative 4. »Frauen schließen Frieden« (Hebräisch: »Naschim Osot Schalom«) ist eine Graswurzelbewegung, die 2014 während der »Operation Protective Edge«, dem Gaza‐Krieg, gegründet wurde. Die Bewegung entstand aus der Initiative einer Frau, Irit Tamir, um die sich eine Gruppe von Frauen sammelte.

Daraus wurde dann eine Bewegung, die Tausende Frauen aller Gruppen und politischer Ansichten der israelischen Gesellschaft verband: jüdische und arabische, religiöse und säkulare, linke und rechte Frauen vereint, um Druck auf die israelische Regierung auszuüben, ein Friedensabkommen zu unterzeichnen und den nächsten Krieg zu verhindern. Im Oktober 2016 marschierten 30.000 Frauen durch Israel und forderten eine politische Einigung.

Abschließend möchte ich sagen: Wenn wir an diesem 8. März, dem internationalen Frauentag, unsere Erfolge aufzählen, dann ist es am wichtigsten, festzustellen: Im Jahr 2017 spricht Israel über Feminismus – mit immer mehr lauten und deutlichen Stimmen.

Galit Desheh (47) ist Expertin für Strategien für sozialen Wandel und Gleichberechtigung unter den Geschlechtern. Sie ist ehemalige geschäftsführende Direktorin des Israel Israel Women’s Network (IWN). An der Hebräischen Universität Jerusalem promovierte sie in Politikwissenschaften und Gender Studies.

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