Interview

»Er war der zweitbekannteste Jude und Israeli – nach Jesus«

»Er würde sagen: Ja, ich habe recht gehabt«: Ephraim und Rafi Kishon Foto: imago stock&people

Herr Kishon, heute vor genau 100 Jahren wurde Ihr Vater geboren. Wie wird in Israel an den weltweit erfolgreichsten Satiriker erinnert?
Zahlreiche TV-Stationen haben mich interviewt, der Sender »Kan 11« veröffentlicht sogar ein Archiv mit Theaterstücken und Filmen von ihm. Auch Zeitungen berichten und Theater führen seine Stücke auf. In Jerusalem fand diese Woche ein Comedy-Festival unter seinem Namen statt. Wenn man betrachtet, wie viele nationale und internationale Preise er gewonnen hat und wie viele Bücher sowie Karten für seine Theaterstücke und Filme verkauft wurden, dann ist mein Vater der größte Kulturerzeuger Israels. Und im Bereich des Humors ist er der größte hier im Land. In Israel lebt sein Erbe weiter.

2009 haben Sie in einem Interview mit unserer Zeitung erwähnt, dass in Tel Aviv noch keine Straße nach Ihrem Vater benannt wurde. Gibt es die inzwischen?
Ja. Anfangs wollten die Bürokraten eine ganz kleine Straße in irgendeiner Ecke der Stadt nach ihm benennen. Ich habe ihnen daraufhin geschrieben, dass sich diese Straße eher eignet, an einen kleinen Schriftsteller, der eigentlich unbekannt geblieben ist, zu erinnern. Da waren sie beleidigt. Für einige Jahre haben wir nichts mehr davon gehört. Aber dann kamen sie mit einer tollen Idee: Es gab in Tel Aviv eine ganz große Straße, sie hieß HaKishon. Sie war nach dem gleichnamigen Fluss benannt. Und nach diesem Fluss hat auch mein Vater seinen hebräischen Familiennamen bekommen. So haben sie sich entschlossen, die Straße nach Ephraim Kishon zu benennen. Und da waren wir - mein Bruder Amir, meine Schwester Renana und ich - einstimmig dafür.

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Von den weltweit 43 Millionen verkauften Büchern wurden 33 Millionen in Deutschland verkauft. Wie erklären Sie sich den Erfolg gerade hier?
Den Erfolg hatte er nicht nur Deutschland, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum, also auch in Österreich und in der Schweiz. In diesen Ländern war und ist er der zweitbekannteste Israeli und Jude – nach Jesus. Ich glaube, Sie haben von ihm gehört, trotz seines tragischen Todes in jungem Alter, er hat eine große Karriere gemacht in der Welt, auch ein großer Bestseller wurde in seinem Namen geschrieben.

Und was meinen Sie, warum wurden die Bücher Ihres Vaters zu Bestsellern?
Erstens stammte sein Humor aus Europa, es ist europäischer Humor. Einige sagen, dass Deutschland einen Mangel an Humoristen, und an Leuten, die Humor und Satire schrieben, hatte. Das hat gut gepasst, besonders auch weil er über die Probleme kleiner Leute mit den Bürokraten, Rechtsanwälten und dem Installateur schrieb. Das waren alles Sachen und Plagen, die jeder normale Mensch aus seinem Alltag kannte. Doch war es nicht leicht, den Humor aus dem Hebräischen zu übersetzen, mit seinen Wortspielen und Doppeldeutigkeiten. Und da hat mein Vater das große Glück gehabt, Friedrich Torberg als brillanten Übersetzer zu finden. Beispielsweise hat mein Vater seine Frau auf Hebräisch als »die kleine Frau« beschrieben. Das klingt sehr niedlich und lieb, auf Hebräisch, aber auf Deutsch klingt das nicht so gut. Und Torberg hat daraus die wunderbare Formulierung »die beste Ehefrau von allen« gemacht. Das war seine Erfindung und nur ein kleines Beispiel für seine Genialität und die Art und Weise, wie er diesen Humor von Ephraim Kishon sehr gut vermitteln konnte.

In einem der Interviews zu seinem 80. Geburtstag beklagte Ihr Vater die anhaltende Judenfeindlichkeit. Zwei Kämpfe seines Lebens habe er verloren: gegen die moderne Kunst und gegen den Antisemitismus. Wie würde er die Situation heute betrachten?
Er würde sagen: Ja, ich habe recht gehabt. Der Kampf gegen die moderne Kunst ist nicht so wichtig. Aber der Antisemitismus, der ist sehr schlimm. Schon Anfang der 2000er-Jahre hat er gesagt, dass der Judenhass schon schlimmer war als in der Zeit des Nationalsozialismus. Wir haben ihm erwidert: Ephraim, du übertreibst. Du bist ein Holocaustüberlebender, vielleicht hast du eine Neigung, die Realität nicht richtig zu sehen. Und er hat gesagt: Nein, nein, ihr versteht nicht. Damals war es eine innereuropäische Sache. Viele europäische Länder waren begeistert von Hitler und seiner Idee, die Juden zu vernichten. Aber jetzt haben extrem-muslimische arabische Länder mit Millionen von Petrodollar den Antisemitismus in der ganzen Welt verbreitet. Und das hat mein Vater genau gesehen und hat schon vor 50 Jahren darüber geschrieben.

Nochmal kurz zu Ihnen: Sie sind Tierarzt, erinnern an Ihren Vater aber auch mit einem eigenen humoristischen Bühnenprogramm. Würden Sie sagen, dass Sie den Witz Ihres Vaters geerbt haben?

Mein Titel lautet: Doktor der Veterinärmedizin. Ich habe in Gießen studiert, habe den Doktortitel in Heidelberg gemacht. Und in Mannheim habe ich in einer großen Kleintierklinik gearbeitet. Seit vielen Jahren habe ich eine eigene Praxis in Tel Aviv. Und nebenbei habe ich auch eine Show über meinen Vater, in der ich auf sehr humoristische Weise über sein Leben erzähle und Stücke seiner ikonischen Filme zeige. Das ist eine sehr erfolgreiche Show, die ich übrigens auch auf Deutsch mache. Damit war ich schon in Berlin, München und Wien. Und im Herbst komme ich damit auch wieder nach Deutschland. Ich habe viel von meinem Vater gelernt – und meine Show ist erfolgreich, weil ich auf den Schultern von Giganten stehe. Aber als Schauspieler auf der Bühne bin ich besser als er ...

Mit dem Sohn des israelischen Satirikers Ephraim Kishon sprach Detlef David Kauschke. 

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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