Syrien

Entwarnung im Norden

Übung für den Ernstfall: Das Manöver am 6. Mai auf dem Golan wurde abgebrochen. Foto: Flash 90

Der Ausflug ist abgesagt. »Ganz ehrlich«, meint David Weiß, »zu solchen Zeiten hasse ich es, in Nahost zu leben.« Der Familienvater aus Tel Aviv ist genervt und besorgt. Am Wochenende wollte er mit seinem Sohn in den Golan fahren, um wandern zu gehen. Das Hochplateau liegt an der Grenze zwischen Syrien und Israel. Der Trip war lange geplant. Nach den
jüngsten Berichten aber bleiben die Weiß’ zu Hause. »Ich habe ein mulmiges Gefühl. Der Norden ist im Moment kein guter Ort.« Seit Tagen überschlagen sich die Meldungen: Hat Israel Syrien beschossen? Wird Damaskus zurückschlagen?

In der vergangenen Woche waren zweimal Ziele in Syrien angegriffen worden, Berichten zufolge Waffentransporte für die Hisbollah. Obwohl es keine offizielle Stellungnahme aus Jerusalem gibt, erklärten Regierungssprecher: »Israel hat das Recht, sich zu verteidigen.« Viele Experten glauben, dass es die Strategie der Regierung sei, Stillschweigen zu wahren, um dem noch amtierenden syrischen Präsidenten Baschar al-Assad einen »Ausweg« zu ermöglichen, ohne dass er sein Gesicht verliert, wenn er Israel nicht angreift.

Außerdem wolle Israel klarmachen, dass es einzig daran interessiert sei, Waffenlieferungen an die Hisbollah zu verhindern. Man habe in keiner Weise vor, sich in den Bürgerkrieg einzumischen oder den Rebellen zu helfen, das Assad-Regime zu stürzen, heißt es. Laut Berichten in internationalen Medien hatte der am Freitag beschossene Konvoi hochentwickelte und zielgenaue Fateh-110-Raketen geladen, die an die libanesische Terrorgruppe hätten geliefert werden sollten.

Warnung In der New York Times erklärten syrische Quellen, bei dem Luftangriff vom Sonntag seien Dutzende von Elitesoldaten getötet worden. Einige der beschossenen Orte in Damaskus hätten sich in der Nähe des Präsidentenpalastes befunden. Zwar würde es eine existenzielle Gefahr für Assad darstellen, außer gegen die Rebellen zusätzlich gegen Israel kämpfen zu müssen. Trotzdem könnten die Warnungen aus dem Nachbarland kaum schärfer sein.

Eine regierungsnahe syrische Tageszeitung hatte am Dienstag geschrieben, dass die Regierung in Damaskus die Verantwortung an die Armee delegiert habe, »auf israelische Aggression zu reagieren«, ohne Rücksprache halten zu müssen. Zudem sollten palästinensische Fraktionen Anschläge auf den Golanhöhen ausführen. Die Hisbollah werde mit hochentwickelten Waffen beliefert. Angeblich haben die Syrer bereits eine ganze Reihe von israelischen Zielen im Visier, die mit Raketen beschossen werden sollen.

Einmischung Der israelische Rundfunk berichtete, an der Grenze zu Israel hätten libanesische Soldaten Stellung bezogen, um sofort zu melden, wenn sich ein israelisches Armeeflugzeug in den Luftraum des Libanon begeben sollte. Und auch der Iran mischt sich ein: »Israels Terror wird schmerzhaft wie ein Bumerang zurückschlagen«, hieß es aus Teheran.

Sätze, die in der israelischen Bevölkerung in diesen Tagen mit Sorge aufgenommen werden. »Die Regierung hält sich bedeckt, und wir müssen uns unseren eigenen Reim machen«, sagt Sigal Cohen wütend, als sie in der Postfiliale in Herzlija ansteht, um die Gasmasken ihrer Familie überprüfen zu lassen. »Selbstverständlich« sei sie wegen der Nachrichten aus Syrien hier. »Dieser Tyrann aus Damaskus ist verrückt. Wer sagt denn, dass er uns nicht auf einmal mit seinen Chemiewaffen beschießt? Er tötet schließlich sein eigenes Volk. Warum sollte er gerade vor den von ihm gehassten Israelis haltmachen?«

Gasmasken Ein Tenor, den man in diesen Tagen oft hört. Die Erklärung, der geschwächte Präsident des Nachbarlandes könne es sich nicht leisten, an einer weiteren Front zu kämpfen, lassen nur wenige gelten. Zwar gibt es keine Panik, keine Hamsterkäufe oder Massen, die ihre Koffer packen, um das Land zu verlassen, doch dieses Mal scheinen die Israelis besorgter als gewöhnlich. Der sonst übliche Zynismus des Volkes, das viele Kriege kennt, scheint fast verschwunden, Nachrichten in Radio, Fernsehen und Internet werden aufmerksam verfolgt. Die Nachfrage nach Gasmasken – die für die gesamte israelische Bevölkerung zur Verfügung stehen – ist in den vergangenen Tagen um das Vierfache angestiegen.

Währenddessen tut die israelische Regierung offenbar alles, um die Situation zu entspannen. Statt auf Säbelrasseln wird auf Deeskalation gesetzt. Nach einer dreistündigen Sitzung des Sicherheitskabinetts flog Premierminister Benjamin Ne-tanjahu noch am Sonntag zu einem fünftägigen Staatsbesuch nach China – ein klares Zeichen, dass er nicht mit einer militärischen Auseinandersetzung rechnet.

Auch wurde eine seit Langem geplante ausgedehnte Militärübung ausgesetzt und der zivile Luftraum über dem Norden des Landes wieder geöffnet, um die Lage nicht weiter zu verschärfen. Der Chef des nördlichen Bereiches der israelischen Armee, Yair Golan, sagte: »Es weht kein Wind des Krieges durch die Luft. Es gibt keinen Grund zur Hysterie, alles ist ruhig, die Menschen im Norden können in Ruhe schlafen.«

Spione

Israels geheime Armee im Iran

Jahrelang lebten sie unauffällig als Zivilisten in der Islamischen Republik – dabei waren sie in Israel ausgebildeten Agenten des Mossad

von Sabine Brandes  01.06.2026

Interview

»Die jüdische Perspektive nach Deutschland bringen«

Der Yad-Vashem-Vorsitzende Dani Dayan über die erste Außenstelle der Gedenkstätte, die Zukunft der Holocaust-Erinnerung und den Kampf gegen Geschichtsverfälschung

von Sabine Brandes  01.06.2026

Internationaler Gerichtshof

Wie Südafrika seine Genozid-Klage gegen Israel in die Länge zieht

Das Haager Weltgericht hat Pretoria eine Frist von 18 Monaten gewährt, um erneut seine Argumente für einen angeblichen Völkermord Israels in Gaza vorzubringen. Israel sieht die Klage hingegen als gescheitert an

von Michael Thaidigsmann  01.06.2026

Tel Aviv

Bericht warnt vor möglichem Einfluss Ben Gvirs auf Polizeiarbeit im Wahlkampf

Die Autoren fordern darin klare Vorgaben, die die Handlungsspielräume der Polizei im Wahlkampf deutlich einschränken

 01.06.2026

Gesundheit

Sprunghafter Anstieg: Immer mehr Israelis rauchen

Viele Konsumenten greifen offenbar verstärkt zur Zigarette, um mit der durch den Krieg verursachten psychischen Belastung umzugehen

 01.06.2026

Westjordanland

Terroranschlag an Bushaltestelle: Zwei Jugendliche verletzt

Nach Angaben der Armee steuert ein Palästinenser sein Fahrzeug in eine Bushaltestelle. Eine 17-Jährige wird schwer verletzt, eine 15-Jährige mittelschwer

 01.06.2026

Kulinarisch

Ein Michelin-Stern für die Safta

Tränen, Konfetti und ein Stück Geschichte: Das Restaurant »Mutra« des Israelis Raz Shabtai erhält als erstes koscheres Lokal weltweit die legendäre Auszeichnung

von Sabine Brandes  31.05.2026

Krieg gegen die Hisbollah

Israelische Armee nimmt Burg Beaufort im Südlibanon ein

Die strategische Höhenfestung galt einst als Symbol des Libanonkriegs – nun steht sie wieder unter israelischer Kontrolle

von Sabine Brandes  31.05.2026 Aktualisiert

Blick in die Zukunft

Ehemalige Geisel sucht nach der Hölle die Liebe

Nach 738 Tagen in der Gewalt der Hamas baut Eitan Horn sein Leben neu auf – und wünscht sich Frau und Familie

von Sabine Brandes  31.05.2026