»Israelphobie«

Elefant im diskursiven Raum

Den jüdischen Staat von der Landkarte zu streichen ist keine »Israel-Kritik«. Foto: Screenshot

»Israelphobie«

Elefant im diskursiven Raum

In seinem Buch analysiert Jake Wallis Simon, Herausgeber des »Jewish Chronicle«, den Hass auf den jüdischen Staat

von Ralf Balke  12.01.2025 22:40 Uhr

Normalerweise ist es für Autoren ein Glückstreffer, wenn das Thema ihres neuesten Buches durch Ereignissen ganz plötzlich an Aktualität gewinnt. Doch ob sich Jake Wallis Simon, der Autor von Israelphobie wirklich darüber freuen konnte, darf bezweifelt werden. Denn in seinem Fall waren es das Massaker des 7. Oktober 2023 und die schockierenden Reaktionen sowohl in migrantischen Milieus als auch in Teilen des bürgerlichen, linksliberalen Lagers, die den Analysen des Herausgebers des »Jewish Chronicle«, der ältesten jüdischen Zeitung der Welt, eine erschreckende Relevanz verliehen.

»Die Abneigung gegen Israel ist zu einem Kennzeichen progressiver Leute geworden, die ganz wesentlichen Einfluss auf unsere Kultur haben«, schreibt Wallis Simon. Dabei fällt ihm auf, dass manche Argumentationsmuster, die gegen den jüdischen Staat in Stellung gebracht werden, nicht nur kontrafaktisch sind. Sie stehen in vielerlei Hinsicht eigentlich im absoluten Gegensatz zu den Überzeugungen derer, die sie so lauthals vertreten. »Diese Mischung aus bürgerlichem Liberalismus, Globalismus und altmodischem Sozialismus ist so sehr auf >Rasse< fixiert, wie man es normalerweise nur von den extremen Rechten kennt.« 

Für ihn hat das eine Menge mit den verschiedensten Formen des Judenhasses aus den vergangenen Jahrhunderten zu tun, die trotz der Schoa und der konsensuellen Ächtung des Antisemitismus danach in Restbeständen – bewusst oder unbewusst – weiterhin vorhanden waren und sich nun zurückmelden. Nur haben diese Ressentiments, die nicht selten sogar zu einer handfesten Weltanschauung amalgamieren, eine bemerkenswerte Wendung vollzogen, konzentrieren sich voller Verve nun auf den jüdischen Staat.

Man fabuliert von der allmächtigen »Israel-Lobby« und ihren finsteren Bestrebungen

Man spricht also nicht mehr von jüdischer Rachsucht, vom Schlachten christlicher Kinder zwecks Matze-Backen oder den Machenschaften des jüdischen Finanzkapitals, sondern von »ethnischer Säuberung« durch Zionisten, nennt Israel einen »Kinder-Mörder« oder fabuliert von der allmächtigen »Israel-Lobby« und ihren finsteren Bestrebungen.

Und weil es sich dabei nach Meinung des Autors um die modernste Form des Antisemitismus handelt, braucht es auch einen Begriff, um diese zu benennen, das erklärt den Titel des Buches. »Israelphobie ist eine vertraute Sprache, in einem neuen Akzent gesprochen, oder wie eine hasserfüllte Erzählung, in einer anderen Schriftart geschrieben, oder wie ein Remake eines widerwärtigen Klassikers«, skizziert Wallis Simons die Bedeutungsebenen. Sie ist quasi der Elefant im diskursiven Raum. Oder anders ausgedrückt: »Worte sind mächtig. Die Sprache der sozialen Gerechtigkeit ist ein trojanisches Pferd, das den alten Hass namens Antisemitismus im Mainstream salonfähig gemacht hat.« 

»Die Sprache der sozialen Gerechtigkeit ist ein trojanisches Pferd, das den alten Hass namens Antisemitismus im Mainstream salonfähig gemacht hat.«

Was Israelphobie so wichtig für das Verständnis der aktuellen Debatten macht, ist die minutiöse wie auch luzide Darstellung der Genese einiger zentraler Formeln und Bilder, die die Feindschaft und den Hass gegen Israel transportieren – beispielsweise die Phrase »Zionismus ist Rassismus«. Wallis Simons zeigt auf, wie diese in den Zeiten des Kalten Krieges von Moskau erst ins Leben gerufen wurde, um Israel, das wenig Ambitionen spürte, sich im Dunstkreis des Ostblocks zu bewegen, zu desavouieren und zu dämonisieren, und später in den progressiven Zirkeln und der Dritte-Welt-Bewegung Furore machen sollte.

Seine Lektüre kann vielleicht dem einen oder anderen »Israel-Kritiker« dabei helfen, zu erkennen, auf welch sinistren Traditionen seine Argumente basieren. Leider ist es nicht voluminös genug, um es denjenigen, die sich als absolut faktenresistent erweisen, nicht nur sprichwörtlich um die Ohren zu hauen.

Jake Wallis Simons: »Israelphobie – Die unendliche Geschichte von Hass und Dämonisierung«, Edition Tiamat, Berlin 2023, 238 S., 24 €

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Die Chefs der Oppositionsparteien

Tel Aviv

Israels Opposition schließt Pakt

Eisenkot, Bennett, Lapid, Lieberman und Golan wollen während des Wahlkampfs auf gegenseitige Angriffe verzichten und planen eine »zionistische staatsmännische Regierung«

von Sabine Brandes  29.09.2026

Jerusalem

Gallant spricht über Details der Pager-Operation gegen Hisbollah

Offenbar schöpfte ein Mitglied der libanesischen Terrororganisation Verdacht. Israel sah sich zum Handeln gezwungen

 29.09.2026

Bloomington/Paris

Studie: Keine Grundlage für Apartheid- und Genozidvorwurf gegen Israel

Gunther Jikeli von der Indiana University Bloomington und Philippe Karpe vom französischen Forschungsinstitut CIRAD untersuchten immer wieder erhobene Vorwürfe gegen Israel

 29.09.2026

Jerusalem

Netanjahu reiste offenbar wegen Berichten über Hamas-Warnung nach Abu Dhabi

Hat der israelische Ministerpräsident den Präsidenten der VAE, Scheich Mohammed bin Sajid Al Nahjan, gebeten, Medienberichte zurückzuweisen, wonach dieser seinen Jerusalemer Gesprächspartner vor dem 7. Oktober warnte?

 29.09.2026

Terrorismus

»Wenn sie einen Raum betrat, ging die Sonne auf« - Zwei Mütter, ihre verlorenen Töchter und der 7. Oktober 2023

Ricarda Louks Tochter Shani und Sonja Bohl-Denckers Tochter Carolin wurden vor drei Jahren von der islamistischen Hamas ermordet. Ihre Mütter schildern, wie sie mit dem Verlust zurechtkommen - und was sie sich wünschen

von Nina Schmedding  29.09.2026

Niederlande

»Der 7. Oktober, das bin ich«: Student der Uni Maastricht will an Terrorangriff teilgenommen haben

Ein 22-jähriger Palästinenser, der in den Niederlanden studiert, erweckt in einem Instagram-Video den Eindruck, er habe an der Terrorattacke der Hamas auf Israel teilgenommen. Jetzt griff die Hochschule durch

 28.09.2026

Jerusalem/Den Haag

Israel entzieht Niederländern Diplomaten-Pass

Die Niederlande verbieten den Import von Waren aus Siedlungen im Westjordanland. Nun zieht Israel Konsequenzen

 28.09.2026

Tel Aviv

Israel: Entführer von Noa Argamani getötet

Saher Nidal Saqr und andere an den Geiselnahmen beteiligte Terroristen seien bei einem Luftangriff im zentralen Gazastreifen tödlich getroffen worden, teilte die israelische Armee mit

 28.09.2026