Diplomatie

Einigung verkündet

Israelisches Patrouillenboot vor Rosh Hanikra an der Seegrenze zum Libanon Foto: Flash90

Es ist ein Abkommen von historischer Bedeutung. Darüber sind sich alle einig. Ob der Deal mit dem Libanon zu den Seegrenzen im Mittelmeer gut oder schlecht ist, darüber jedoch scheiden sich die Geister in Israel. Während Premierminister Yair Lapid von der Zentrumspartei Jesch Atid ihn als »beispiellose Errungenschaft« preist, »die Israels Sicherheit stärkt, unsere Wirtschaft fördert und Ländern auf der ganzen Welt saubere und erschwingliche Energie liefern wird«, bezeichnet Oppositionsführer Benjamin Netanjahu vom rechtsgerichteten Likud ihn als »historische Kapitulation«.

»Die Regierung hat am 12. Oktober mit überwältigender Mehrheit die Grundsätze des Abkommens mit dem Libanon sowie den Vorschlag des Ministerpräsidenten gebilligt, das Abkommen der Knesset zur Prüfung vorzulegen«, hieß es aus Lapids Büro. Die einzige Enthaltung kam von Innenministerin Ayelet Shaked (Jüdisches Haus).

vermittlung Der Konflikt zwischen den verfeindeten Nachbarn schwelte mehr als ein Jahrzehnt lang. Streitpunkt war ein Gebiet von rund 860 Quadratkilometern im Mittelmeer entlang der Grenze beider Länder. Darin liegen das Karisch-Feld, in dem ein großes Vorkommen an Erdgas vermutet wird, und ein weiteres Gasfeld mit Namen Qana-Sidon. Sowohl der Libanon als auch Israel hatten die Fläche als Wirtschaftszone beansprucht. In dem Abkommen, das mithilfe US-amerikanischer Vermittlung zustande kam, einigten sich Israel und der Libanon am 11. September.

Der Experte des Israel Democracy Institute (IDI), Yuval Shany, erklärt, was dies bedeutet: »Es ging um mehrere Fragen im Zusammenhang mit ihrer gemeinsamen Seegrenze und der Aufteilung von Rechten und Pflichten zwischen den Ländern in den angrenzenden Gebieten des Mittelmeers an ihren Küsten. Die Seiten akzeptierten einen Kompromiss, der eine formelle Einigung über Teile der Seegrenze zwischen ihren jeweiligen ›territorialen Gewässern‹ sowie die Abgrenzung der dazugehörigen Wirtschaftsgebiete beinhaltet. In diesen haben Staaten keinen Hoheitstitel, aber spezifische Hoheitsrechte zur Nutzung der dort vorhandenen natürlichen Ressourcen.«

Lapid betonte nach der Unterzeichnung, dass alle Forderungen Israels erfüllt worden seien.

Lapid betonte nach der Unterzeichnung, dass alle Forderungen Israels erfüllt worden seien. Er führte aus, »dass dieses Abkommen die Sicherheit der Gemeinden im Norden wahrt sowie die Handlungsfreiheit der IDF und die Kontrolle der israelischen Marine über das Gebiet sichert, das der Küste am nächsten liegt«. Die Sicherheitsbehörden hätten deutlich gemacht, dass es den Sicherheitsbedürfnissen Israels optimal entspreche. »Wie der Generalstabschef der Regierung sagte, schützt es nicht nur unsere Sicherheit, es erhöht unsere Sicherheit sogar.«

»Israel hat keine Angst vor Hisbollah«, hob der Premierminister hervor. »Doch dieses Abkommen schließt die Möglichkeit eines militärischen Zusammenstoßes mit der Hisbollah aus. Die IDF ist stärker als jede Terrororganisation. Aber wenn es möglich ist, einen Krieg zu verhindern, ist es die Aufgabe einer verantwortungsbewussten Regierung, dies zu tun.«

Darüber hinaus garantiere der Deal die Energiesicherheit des Staates Israel »und wird Milliardeneinnahmen bringen, von denen jede Familie im Land profitiert«. Israel erhalte etwa 17 Prozent der Einnahmen aus dem libanesischen Qana-Sidon-Feld, wenn es öffnen wird. Man habe dieses Abkommen mit den Amerikanern geschlossen, damit Gelder die Hisbollah nicht erreichen. »Es ist ein gutes Geschäft für den Staat Israel. Für Israels Sicherheit. Für Israels Wirtschaft. Für die Bürger Israels«, resümierte er.

NORmalisierung Die im Libanon einflussreiche Terrororganisation Hisbollah ist einer von Israels Erzfeinden. Zwar hatten Jerusalem und Beirut betont, dass mit den Gesprächen keine Normalisierung der Beziehungen einhergehe, Experten meinen, dass die Einigung um die gemeinsame Seegrenze dennoch eine gewisse »Normalisierung« sei.

»Obwohl die Debatte in Israel über das Abkommen noch andauern wird, ist sicher: Das Abkommen ist gut für den Libanon und für den libanesischen Staat, also schlecht für die Hisbollah und den Iran«, ist Nadav Pollak, Dozent für Angelegenheiten des Nahen Ostens an der Reichman University, sicher.

Israel könnte für Deutschland und die EU als Gaslieferant an Bedeutung gewinnen.

»Die Hisbollah wird versuchen zu argumentieren, dass es ihre militärischen Drohungen waren, die Israel dazu gebracht haben zu unterzeichnen«, so Pollak weiter. »Doch die Wahrheit ist, dass jeder israelische Anführer mit oder ohne die Hisbollah einen solchen Deal abgeschlossen hätte. Denn er bringt Israel viele Vorteile und nimmt, vielleicht zum ersten Mal, die Nullsummen-Betrachtung der israelisch-libanesischen Beziehungen und ersetzt sie durch eine Win-win-Situation.«

Das Seegrenzabkommen werde wahrscheinlich genau das erreichen, was die Hisbollah nicht wolle, betont Pollak im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »nämlich den libanesischen Staat zu stärken und Hoffnung auf echte wirtschaftliche Gewinne in der Zukunft zu bringen«.

garantien US-Präsident Joe Biden wandte sich mit den Worten »Sie schreiben Geschichte« an Lapid. »Der Vertrag wird die Entwicklung von Energiefeldern zum Nutzen beider Länder vorsehen, die Voraussetzungen für eine stabilere und wohlhabendere Region schaffen sowie lebenswichtige neue Energieressourcen für die USA und die Welt erschließen.« Es sei Lapid zudem gelungen, parallel zum Abkommen eine Reihe von Wirtschafts- und Sicherheitsgarantien von den USA zu erhalten, heißt es aus Jerusalem.

Es ist damit auch für die Europäische Union wahrscheinlicher geworden, israelisches Erdgas importieren zu können. Die EU ist durch die russische Invasion in der Ukraine in eine massive Energiekrise gedrängt worden. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nannte das Abkommen »gut für Israel, für den Libanon und auch für die Region und Europa«.

Verteidigungsminister Benny Gantz hob hervor, dass die Einigung für beide Seiten gerecht und positiv sei. »Wir haben die Sicherheitsinteressen des Staates Israel gewahrt – und werden nicht einen einzigen Millimeter Kompromisse eingehen, die auf Kosten unserer Sicherheit gehen würden.«

Geiselverhandlungen

Israels geheimer Draht zur Hamas

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes Schin Bet enthüllt in einem Interview erstmals direkte Gespräche mit der Führung der Terrororganisation nach dem 7. Oktober 2023

von Sabine Brandes  30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Knesset-Wahlen

Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik

Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht

von Guy Katz  30.08.2026

Jerusalem

Geheimdienst: Netanjahus Sohn wegen Bedrohung aus USA zurück

Netanjahu hatte von iranischen Mordplänen gegen einen seiner Söhne gesprochen. Der Inlandsgeheimdienst bestätigt nun, Jair sei wegen einer akuten Bedrohung aus den USA nach Israel zurückgekehrt

 30.08.2026

Jerusalem

Netanjahu verurteilt Gewalt radikaler Siedler im Westjordanland

In Kusra belagern radikale Siedler seit drei Wochen mehrere Häuser palästinensischer Einwohner. Erstmals hat sich nun der Ministerpräsident dazu geäußert

 30.08.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 28.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

7. Oktober

»Sie aßen Kuchen – als ob kein Skelett neben ihnen läge«

Die ehemalige israelische Geisel Evyatar David erzählt erstmals einem internationalen Sender vom Hunger, der Gefangenschaft in den Terrortunneln der Hamas und wie es ihm heute geht

von Sabine Brandes  27.08.2026