Jemen

Eine zweite Hisbollah

Der Hass gegen den Westen und gegen Juden ist omnipräsent. Wer beispielsweise im Jemen studiert oder an einer Hochschule beschäftigt ist, erhält einen Ausweis, auf dem folgende Worte stehen: »Allahu akbar! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam!«

Auch bei den Aufmärschen der Huthis oder in ihren Propagandavideos gehören diese Parolen zum Pflichtprogramm. Sie sind quasi das Glaubensbekenntnis der in den 90er-Jahren entstandenen Schiiten-Miliz, die sich selbst als »Ansar Allah« bezeichnet, was so viel wie »Helfer Gottes« heißt.

Im Jemen leben so gut wie keine Juden mehr

Dabei leben im Jemen so gut wie keine Juden mehr. Mehr als 50.000 waren nach 1948 in den neu gegründeten Staat Israel geflohen. 2016 befanden sich im Jemen nur noch knapp 1500 Juden. Aber auch sie mussten sich mittlerweile vor den Huthis ins Ausland retten, weshalb es nur noch einen einzigen Juden im ganzen Jemen geben soll, und zwar Levi Salem Musa Marhabi. Dieser sitzt seit März 2016 im Gefängnis. Sein Vergehen: Er hätte anderen Juden dabei geholfen, ihre Tora bei der Flucht aus dem Jemen mitzunehmen.

Bis dato hatten wohl nur einige Nahostexperten die Huthis auf dem Radar. Auch die Tatsache, dass sie nach der Jahrtausendwende die sunnitische Zentralregierung in Sanaa in einen blutigen Bürgerkrieg mit mehreren Hunderttausend Opfern verwickelt hatten, in den sich bald schon der Iran und Saudi-Arabien einschalteten, änderte daran erst einmal wenig. Der Konflikt war für alle im Westen weit weg, auch für die Israelis.

Das sollte sich nach dem 7. Oktober schlagartig ändern. Bereits am 10. Oktober hatte Abdul-Malik al-Huthi, der Anführer der Schiiten-Miliz, in einem Fernsehauftritt die Massaker der Hamas bejubelt und die westlichen Staaten, allen voran die USA und Großbritannien, als Komplizen Israels bezeichnet.

Am 31. Oktober wurden die Huthis zur Kriegspartei

Das war eindeutig als Kampfansage zu verstehen. Denn am 31. Oktober wurden die Huthis zur Kriegspartei, indem sie Eilat mit Drohnen und Raketen angriffen – wenn auch erfolglos. Anders dagegen ihre Attacken auf Schiffe in Richtung Suezkanal, die durch das Bab al-Mandab müssen. Dieses Nadelöhr zwischen der jemenitischen Küste und dem afrikanischen Dschibuti haben rund zehn Prozent des Welthandels auf den Seerouten zu passieren.

Zwar behaupteten die Huthis, nur Schiffe ins Visier zu nehmen, die israelische Eigner hätten oder Häfen in Israel ansteuern würden. Aber innerhalb weniger Wochen zählte das US-Verteidigungsministerium rund 100 Drohnen- und Raketenangriffe auf knapp zwei Dutzend Frachter und Tanker. Die taiwanesische Container-Reederei Evergreen kündigte daraufhin an, keine Aufträge mehr aus Israel anzunehmen. Andere Schifffahrtsunternehmen, darunter der dänische Riese Maersk und die deutsche Hapag-Lloyd, wollen nur noch den zeitaufwendigeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung befahren und meiden das Rote Meer lieber.

Der Bürgerkrieg im Jemen war für alle im Westen weit weg, auch für Israel.

Für die Vereinigten Staaten ist klar, wer hier eine Schlüsselrolle spielt: Teheran. »Seit 2015 hat der Iran moderne Waffensysteme an die Huthis geliefert, darunter unbemannte Drohnen und Raketensysteme, die seit Oktober bei Attacken auf Schiffe, darunter auch auf solche ohne sichtliche Verbindungen zu Israel, und bei Angriffen gegen Israel selbst eingesetzt wurden«, erklärte Adrienne Watson, Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates der USA.

Washington selbst stellt nun auch ein breites maritimes Bündnis auf die Beine, das die Zufahrtswege vom und zum Roten Meer schützen soll. »Durch ihre direkte Auseinandersetzung mit Israel haben die Huthis nicht nur die Dimensionen des aktuellen Konflikts in der Region erweitert«, lautet dazu die Einschätzung von Fatima Abo Alasrar. »Auf diese Weise vermochten sie es, die strategischen Überlegungen zahlreicher Akteure im Nahen Osten durcheinanderzubringen und das ohnehin schon komplizierte Geflecht aus Allianzen und Feindschaften noch komplexer zu machen«, so die Analystin des Middle East Institute in Washington.

Inszenierung als Opfer einer saudisch-amerikanisch-israelischen Verschwörung

Zudem können die Huthis sich selbst nun stärker als Opfer einer saudisch-amerikanisch-israelischen Verschwörung inszenieren und andere arabische Staaten am Golf, die kürzlich erst Kontakte zu Israel aufgenommen hatten, massiv verunsichern. »In der aktuellen Krise haben die Huthis eine deutlich größere Risikobereitschaft an den Tag gelegt als der Iran, die libanesische Hisbollah, Assads Syrien oder die pro-iranischen Milizen im Irak«, heißt es ebenfalls in einer aktuellen Einschätzung der Lage von Michael Knights, Sicherheitsexperte am Washington Institute for Near East Policy.

Auch wenn der Jemen etwa 2000 Kilometer von Israel entfernt ist und die Angriffe auf Eilat eher symbolischen Charakter haben – das Agieren der Schiiten-Miliz verweist auf eine gefährliche Entwicklung. So wird deutlich, dass die »Koalition des Widerstands«, wie sich die Verbündeten des Iran nennen, durchaus die Fähigkeiten besitzt, dem jüdischen Staat an vielen Ecken der Welt Ungemach zu bereiten.

Denn nachdem in der Vergangenheit die Hisbollah bereits Terrorakte gegen israelische und jüdische Einrichtungen, beispielsweise in Argentinien und Bulgarien, ausüben konnte, tritt nun ein weiterer »Seelenverwandter« Teherans – so die Worte Knights – in Erscheinung, der in der Lage ist, Israels Außenhandel empfindlich zu stören.

Die Huthis, so nicht nur seine Einschätzung, brauchen dafür vom Iran zwar die Waffen. Aber über ihren Einsatz würde die Schiiten-Miliz recht autonom bestimmen, weil man mit Teheran ohnehin ideologisch auf gleicher Wellenlänge ist.

Auf die USA kommt damit ebenfalls eine weitere Herausforderung zu, und zwar die finanziell und logistisch aufwendige Sicherung der Seewege. Das wiederum dürfte vor allem Russland gefallen. Dort sieht man in den Huthis willkommene Komplizen, die dem Außenhandel des Westens einige empfindliche Nadelstiche verpassen können. Das erklärt auch, warum Moskau bereits 2015 gegen ein vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gefordertes Waffenembargo gegen die Huthis stimmte.

Washington D.C.

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