Jerusalem

»Eine weitere Netanjahu-Regierung«

Inzwischen Vergangenheit: Wahlplakat für das Bündnis Blau-Weiß Foto: Flash 90

Benny Gantz ist mithilfe des rechtsreligiösen Blocks der neue Sprecher der Knesset geworden. Und brach damit sein Wahlversprechen, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu entmachten.

Die Entscheidung des einstigen Netanjahu-Herausforderers schockierte gestern die israelische Politik. Das Zentrumsbündnis Blau-Weiß existiert nicht mehr.

Zentrumsparteien Dabei hatte es mit dem Slogan, die »Alternative zu Netanjahu« zu sein, die Wähler bei den vergangenen drei Wahlen motiviert. Am 2. März hatte die Union aus drei Zentrumsparteien 33 Mandate erhalten.

74 Parlamentarier hatten für Gantz als Knessetsprecher, 18 dagegen gestimmt, der Rest enthielt sich. Er soll das Amt jedoch nur bis zur Regierungsbildung ausüben. Anschließend wird das Amt an den Likud zurückgehen. Damit ist der Weg für die Rückkehr von Yuli Edelstein, der am Mittwoch mit einem Paukenschlag zurückgetreten war, bereits geebnet.

Gantz‘ einstiger Partner in der Union, Yair Lapid, zeigte sich entsetzt über die Entwicklungen und beantragte umgehend die Auflösung des Bündnisses.

Gantz‘ einstiger Partner in der Union und Vorsitzender der Partei Jesch Atid, Yair Lapid, zeigte sich entsetzt über die Entwicklungen und beantragte umgehend die Auflösung des Bündnisses. Er äußerte seine bittere Enttäuschung in einer Pressekonferenz: »Benny hat entschieden, Blau-Weiß entzwei zu brechen und in Bibis Regierung zu kriechen. Das ist völlig unverständlich.« Man habe mit einem gemeinsamen Ziel Wahlkampf betrieben, so Lapid. »Benny Gantz hat mir in die Augen gesehen und gesagt, dass er niemals in dieser schlimmen Regierung sitzen würde. Ich habe ihm geglaubt.«

Wie Lapid, so wird auch der einstige Verteidigungsminister unter Netanjahu, Moshe Yaalon, der mit seiner Telem-Partei ebenfalls der Union angehörte, in der Opposition bleiben. Jesch Atid und Telem nennen sich weiterhin »Blau-Weiß«, da sie gemeinsam mehr Abgeordnete haben (insgesamt 18), während Gantz mit 15 Mandaten für seine Partei »Chosen LeIsrael« verbleibt.

Notfallregierung »Dies sind keine normalen Tage, und sie erfordern besondere Entscheidungen«, sagte Gantz nach seiner Ernennung zum Knessetsprecher. »Daher werde ich, wie ich schon immer deutlich gemacht habe, die Möglichkeit einer nationalen Notfallregierung voranbringen.« In der vergangenen Woche war ihm von Präsident Reuven Rivlin das Mandat zur Regierungsbildung übergeben worden.

»In Notfallzeiten, in denen Hunderttausende ihre Einkommen in wenigen Tagen verloren haben und Hunderttausende allein zu Hause sitzen, isoliert von ihren Familien, um sich vor dem tödlichen Virus zu schützen; wo Hunderttausende von jungen Familien nicht wissen, wie sie die nächste Rate für ihr Haus zahlen sollen, vertrauen sie auf uns. Sie sagen uns: ‚Schützt die Demokratie und passt auf uns auf!‘ In dieser Stunde hat niemand das Recht, untätig danebenzustehen«, so Gantz auf dem Podium. »Wir sind verpflichtet, Israel wirklich über alles andere zu stellen.«

Es ist nicht klar, wie mit den juristischen Problemen von Netanjahu in einer zukünftigen Regierung umgegangen wird.

Medienberichten zufolge soll Netanjahu zunächst für 18 Monate Premier bleiben und Gantz ihm dann auf den Chefsessel folgen. Bis dahin soll er das Amt des Außenministers ausüben. Der einstige Stabschef Gabi Aschkenasi soll Verteidigungsminister werden. Jedoch ist noch nichts endgültig unterzeichnet. Auch ist nicht klar, wie mit den juristischen Problemen von Netanjahu in einer zukünftigen Regierung umgegangen wird. Schließlich war es Gantz, der eine rechtliche Regelung vorangetrieben hatte, die es einem amtierenden Premier untersagt hätte, eine Regierung zu bilden.

Korruption Immer wieder hatte Gantz betont, er werde nicht mit einem Ministerpräsidenten unter Anklage in einer Koalition sitzen. Netanjahu ist in drei Fällen wegen Korruption angeklagt und hätte sich bereits vor Gericht verantworten müssen. Doch Justizminister Amir Ohana, einer der engsten Verbündeten des Premiers, hatte kurz nach dem Ausbruch des Coronavirus die Arbeit der Gerichte in Israel eingefroren und den Beginn des Prozesses gegen den amtierenden Premier um mehr als zwei Monate verschoben.

»Was haben Sie getan, Benny Gantz?«, fragte die Meretz-Abgeordnete Tamar Zandberg nach Gantz‘ Entscheidung in der Knesset. »Sie werden als Fußabtreter eines mutmaßlichen Verbrechers enden, eines Aufwieglers und Rassisten«, warnte sie. »Wir stehen hier und versuchen, die Tiefe dieses Betrugs zu verarbeiten, den Sie an Millionen von Wählern begangen haben.« Die Meretz-Partei erklärte, dass sie der Regierung nicht beitreten werde, während die Arbeitspartei unter Amir Peretz ihre Bereitschaft, Koalitionspartner zu sein, signalisiert hat.

»Was da gegründet wird, ist keine Einheitsregierung und keine Notfallregierung«, fasste Lapid zusammen. »Es ist eine weitere Netanjahu-Regierung. Benny Gantz hat ohne Kampf aufgegeben und ist dem Block aus Charedim und Extremisten beigetreten.«

Teheran/Tel Aviv

Israel greift Chameneis unterirdischen Bunker an

Ein Bunker im Herzen Teherans, genutzt von Irans Elite - jetzt war er Ziel eines israelischen Angriffs. Damit will Israel laut eigenen Angaben Irans Führung und deren Fähigkeiten weiter schwächen

 06.03.2026

Jerusalem

Ministerin will Sanktionen gegen israelische Justiz von Trump

Die Leiterin des Umweltressorts, Idit Silman, wendet sich auf X an den US-Präsidenten

von Sabine Brandes  06.03.2026

Alltag

Die Sache mit dem Duschen im Krieg

Die Webseite »canishower.com« will berechnen, wann das Risiko eines Raketenalarms gering genug ist, das Wasser aufzudrehen

von Sabine Brandes  06.03.2026

Nord-Israel

»Wir lassen uns nicht unterkriegen«

Lior Shelef ist Tourguide im Norden Israels. Doch jetzt hat er wieder die Uniform angezogen und beschützt als Chef des Sicherheitsteams seinen Kibbuz und seine Familie

 06.03.2026

Interview

»Wir haben die Lufthoheit«

Oberstleutnant (Reserve) Oren Leshem über die Erfolge der israelischen Luftwaffe, die Herausforderung für die Piloten und die Ziele im Iran-Krieg

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Sicherheit

Israel sieht erhöhte Anschlagsgefahr für seine Bürger im Ausland

Tausende Israelis sind derzeit im Ausland gestrandet. In den vergangenen Tagen sollen bereits Anschläge auf israelische Staatsbürger verhindert worden sein. Das Land spricht deshalb nun Warnungen aus

 06.03.2026

Israel

Schulen bleiben geschlossen

Während Schüler online unterrichtet werden, dürfen Unternehmen wieder Präsenzarbeit zuzulassen – unter einer Bedingung

 06.03.2026

Tel Aviv

»Michelle«: Israel stellt seinen Eurovision-Song 2026 vor

Das von Noam Bettan gesungene Lied kann man nun auch hören

 06.03.2026

Jerusalem

Israel Katz: Entscheidung für Tötung Khameneis fiel im November

Der Zeitplan für die Operation sei beschleunigt worden, nachdem landesweite Anti-Regime-Proteste im Iran den strategischen Rahmen verändert hätten, sagt Israels Verteidigungsminister

 06.03.2026