Knesset-Wahl

Ein wenig Wandel

Es lag eine ganz besondere Stimmung in der Luft am Jom Habchirot, dem Tag der Wahlen. Mitten im Winter war der Sommer ausgebrochen. Urlaub mitten in der Woche. Die Israelis flanierten bei über 20 Grad und strahlendem Sonnenschein die Promenaden entlang, gingen ausgiebig einkaufen, besuchten zu Hunderttausenden die Naturparks von den Golanhöhen bis ans Rote Meer. Auf dem Weg machte der Großteil einen Abstecher an die Wahlurne. Passend zum perfekten Ferientag gab es am Ende sogar eine Überraschung. Zwar wird auch zum dritten Mal Benjamin Netanjahu vom Likud auf dem Chefsessel Platz nehmen. Doch die Hälfte der Israelis entschied sich für Mitte- und Linksparteien.

Von Wahlmüdigkeit keine Spur: Am Dienstagmittag hatte sich bereits abgezeichnet, dass die Beteiligung hoch ist. Um 22 Uhr hatten 66,6 Prozent der 5,65 Millionen berechtigten Israelis ihre Stimme in einem der mehr als 1000 Wahllokale abgegeben. Für Wahlmuffel gab es Druck aus den sozialen Netzwerken im Internet. Fast pausenlos wurden Fotos hochgeladen, der Lieblingskandidat gewählt und Anekdoten vom Urnengang gepostet. Eingefleischten Facebook-Nutzern blieb am Ende gar nichts anderes übrig, als sich dem virtuellen Gruppenzwang zu beugen.

Mandate Der Likud ist gleichzeitig Gewinner und Verlierer. Wie auch bei den vergangenen zwei Wahlen wird wohl Netanjahu von Staatspräsident Schimon Peres mit der Regierungsbildung beauftragt werden. Doch die Union aus Netanjahu und Avigdor Lieberman musste herbe Verluste einstecken. Statt mit 42 bisherigen Mandaten werden in der 19. Knesset nur 31 ihrer Vertreter sitzen. Die Awoda holte 15, Beit Hajehudi und Schas jeweils elf, die aschkenasischen Ultraorthodoxen sieben sowie Zipi Livnis Hatnua sechs Sitze.

Die Partei des ehemaligen Journalisten Yair Lapid wird als zweitgrößte Fraktion ins israelische Parlament einziehen. Jesch Atid (Es gibt eine Zukunft) erhält 19 Mandate. Das Ergebnis sorgte für Verblüffung, waren für den Ex-Nachrichtensprecher vorher doch nie mehr als zwölf Sitze vorausgesehen worden.

Ministerpräsident
Die letzte Stunde vor der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse hält das ganze Land den Atem an. Dann ist klar: Der alte wie neue Ministerpräsident Israels heißt Benjamin Netanjahu. Wahrscheinlich. Kurz nach Mitternacht dankt er den Israelis für die Wiederwahl und verspricht, »die Änderungen, die das Volk wünscht, umzusetzen und die breitestmögliche Koalition zu bilden«.

Auf Kanal zwei läuft direkt vor den Hochrechnungen ein Special der beliebten Satiresendung Eretz Nehederet (Ein wundervolles Land). »Vielleicht bringt dieser Tag ja doch etwas Neues«, gibt sich der Sohn in einem Sketch hoffnungsfroh, nachdem die Eltern ihm jahrelang eingebläut hatten, nur Wähler könnten etwas ändern. Vater und Mutter sehen sich an und lachen schallend. »Änderung? Hier? Niemals!« Bis zuletzt war die Mehrheit der Israelis skeptisch, ob ein Wandel möglich ist. Und jetzt ist er da. Wenn auch nur ein wenig.

Mehr dazu in der kommenden Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen am 24. Januar
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