Jerusalem

Ein Schnäppchen zu Pessach

Alles Mazze, oder was? Foto: Flash 90

Ratlos steht die Mamme mit dem vollgepackten Einkaufswagen vor dem Regal in der Drogerie-Abteilung des Haredim-Supermarktes. In den Händen hält sie zwei Zahnpasta-Tuben. »Welche ist denn nun koscher für Pessach?«, fragt sie den Verkäufer, den sie zu Hilfe gerufen hat. Bei dem Olivenöl, der Cola und der Hühnerbrühe, die diese Woche im Angebot sind, wird mit einem Extra-Stempel auf die Pessachtauglichkeit hingewiesen. Aber bei der Zahnpasta? Hektisch sucht der Verkäufer die Verpackungen nach Hinweisen durch.

gedrängel Mit der Ruhe ist es in der Heiligen Stadt vorbei: Die Jerusalemer stecken mitten in den Pessach-Vorbereitungen. Die Geschäfte haben extra lange geöffnet, bis in den späten Abend hinein drängen sich die Menschen in den Haushaltswarenläden, um Teller, Gläser und Putzeimer zu kaufen. Überall wird aufgeräumt, gereinigt, sortiert.

Im »Paschut Sol«–Supermarkt in Mahane Yehuda haben die Mitarbeiter bereits drei Wochen vor dem Fest angefangen, das Warenangebot für Pessach zu organisieren. Wo vorher Knäckebrot, Salzbrezeln und Zwieback waren, stehen nun kistenweise Mazzot.

verrückt Kurz vor den Feiertagen werden nach zahlreichen Überstunden die letzten Chametz-Waren ganz aus den Regalen des Geschäfts, in dem hauptsächlich orthodoxe Juden einkaufen, verschwunden sein. Einfach nur bestimmte Fächer mit Folie abzuhängen, wie es in manch anderen Supermärkten üblich ist, würde den kritischen Geboten der religiösen Kundschaft und der Rabbiner nicht genügen, weiß Filialleiter David Kalimi.

Wenn der Jerusalemer Rabbi Ephraim Shore an seinen letzten Einkauf zurückdenkt, muss er lachen. »Die Leute hier sind verrückt«, sagt er. »Man kann sich nicht vorstellen, wie voll es in den Geschäften ist, wie viel die Leute kaufen. Alle sind im Frühlings- und Pessach-Fieber.« Besonders in Jerusalem spüre man die Energie, sagt der Rabbi. »Schließlich leben wir hier am spirituellsten Ort der Welt, der für Juden von überall her Bezugspunkt für den Feiertag ist. Man sagt ja nicht umsonst: Nächstes Jahr in Jerusalem.«

putzen Eine spirituelle Angelegenheit ist für Shore auch der Pessach-Putz, bei dem er, seine Frau und die acht Kinder gemeinsam mit anpacken. Täglich wird ein Abschnitt erledigt. Dazu gehört bei Familie Shore nicht nur, die Zimmer von den letzten Brotkrumen zu befreien, sondern auch das Auto zu polieren, die Garage zu organisieren, den Garten umzugraben. »Wir säubern unser Haus und damit uns selbst«, erklärt er. »Je mehr Zeit und Kraft man in die Vorbereitung investiert, desto mehr holt man am Ende für sich selbst heraus.«

Zeit und Kraft investiert Michael Kandel, Manager bei »Yehuda Mazzot«, bereits seit Oktober. Direkt nach Sukkot haben in der traditionsreichen Jerusalemer Mazze-Fabrik die Vorbereitungen für Pessach begonnen. »Wir exportieren unsere Ware in die ganze Welt, deshalb müssen wir früh anfangen«, erklärt Kandel.

fladen Die in seinem Büro auf einem Regalbrett ausgestellten Verpackungen lassen erahnen, wohin die ungesäuerten Brotfladen verschifft werden: Auf Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch sind die bunten Kartonagen bedruckt.

3,3 Millionen Mazze-Pakete werden von der Fabrik im Stadtteil Givat Shaul aus nach Australien, in die USA, nach Südamerika, Europa und Kanada verschickt. »Ab Ende Januar produzieren wir dann nur noch für den israelischen Markt«, so Kandel. 50 Tonnen täglich, in drei Schichten, rund um die Uhr, von Samstagabend 23 Uhr bis Freitagmittag 13 Uhr, immer im 18-minütigen Wechsel auf zwei Produktionsstraßen, damit die Mazzot auch ja koscher für Pessach sind. »Die Mixer werden abwechselnd alle 18 Minuten gereinigt, damit kein gesäuerter Teig in die Mazze gerät«, erklärt Kandel.

besucher Alle 17 Minuten schlägt eine Glocke Alarm – für die Arbeiter das Zeichen, das Band zu stoppen und mit Hochdruckreinigern abzustrahlen. 100 Menschen sind in den Monaten vor Pessach in den Werkshallen beschäftigt – 60 mehr als in normalen Zeiten. Dazu kommen täglich zahlreiche Besuchergruppen, die sich in der Fabrik drängen, um sich die Mazzot-Produktion aus der Nähe anzuschauen.

Die Mamme im Haredim-Supermarkt hat mittlerweile die richtige Zahnpasta für die bevorstehenden Feiertage gefunden. Glücklicherweise ist es die aus dem Sonderangebot, nur zehn Schekel statt 20, ein echtes Pessach-Schnäppchen. Mit ihrem vollgepackten Einkaufswagen fährt sie durch die Gänge. Ihr Sohn läuft voraus – und bleibt bei dem Trinkschokoladenpulver stehen. »Ima, ist das koscher für Pessach?«, fragt der Kleine. Der Verkäufer ist schon auf dem Weg.

Gesellschaft

Jüdisch-arabische Allianz als »Wendepunkt«

Bei der Großdemonstration gegen Gewalt und staatliches Versagen gingen am Samstag rund 40.000 Menschen in Tel Aviv auf die Straßen

von Sabine Brandes  01.02.2026

Nahost

Aus dem Leben eines Mossad-Spions im Iran

»Arash« googelte den israelischen Geheimdienst und wurde angeheuert. Kurz vor Beginn des Zwölf-Tage-Krieges wurde er ins Land geschleust

von Sabine Brandes  01.02.2026

Jerusalem

Tote Babys in illegaler Kita

In einer charedischen Kindertagesstätte starben zwei Kinder, mehr als 50 wurden verletzt. Wegen der angeordneten Autopsie kam es zu Ausschreitungen

von Sabine Brandes  01.02.2026

Reaktionen

»Außergewöhnliche Leistung des Staates Israel«

Freude und Erleichterung über Ran Gvilis Rückkehr

 01.02.2026

Registrierung abgelehnt

Ärzte ohne Grenzen soll Gazastreifen verlassen

Die Hilfsorganisation weigerte sich, israelischen Behörden eine Liste mit palästinensischen Ortskräften vorzulegen. Mit dem Schritt will Israel sicherstellen, dass Terroristen NGOs nicht unterwandern können

 01.02.2026

Gazastreifen

Grenzübergangs Rafah soll erst am Montag für Personenverkehr öffnen

Nach rund einem Jahr öffnet der Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen wieder – zunächst nur im »Probebetrieb«. Was das für Menschen in dem Küstenstreifen bedeutet

 01.02.2026

Sicherheit

Deutschland und Israel trainieren erstmals gemeinsam gegen Cyberangriffe

Deutschland und Israel proben gemeinsam die Abwehr schwerer Cyberangriffe. Denn Israel hat Erfahrungen, von denen Deutschland profitieren möchte

 31.01.2026

Nahost

USA genehmigen Milliarden-Rüstungsverkauf an Israel

Auch Saudi-Arabien wird von US-Firmen mit neuen Kriegsgütern beliefert

 31.01.2026

EU-Sanktionen

Israel bietet Hilfe bei Verfolgung von Revolutionsgarden an

Die Europäische Union hat die Elite-Einheit des Mullah-Regimes auf die Terrorliste gesetzt. Nach Ansicht des israelischen Botschafters dient das auch der inneren Sicherheit in Deutschland

 30.01.2026