Virtuelle Welt

Ein Netz für alle

Weltweit vernetzt Foto: dpa

Vor zwei Wochen war alles aus. Aus heiterem Himmel machte seine Freundin wegen eines anderen Schluss. Eyal Weiß war am Boden zerstört. Schließlich setzte er sich hin und schrieb sich all sein Herzeleid von der Seele. Danach ging es ihm schon etwas besser. Anschließend aber war seine Exfreundin furchtbar böse auf ihn. Denn der 23‐Jährige hatte sein Innerstes nicht etwa dem geheimen Tagebuch anvertraut, sondern Facebook. Und dort konnten nun all seine Freunde und Bekannten nachlesen, was Eyal über seine Ehemalige denkt, Kopien von alten Liebesbriefen inklusive. Nach Angaben des Betreibers haben bereits mehr als 40 Prozent aller Einwohner Israels ihre eigene Seite in dem sozialen Netzwerk angelegt – und die Zahl steigt stetig.

Freunde Israelis sind verrückt nach Internetangeboten, auf denen sie Fotos, Lebensläufe, Sprüche, Nachrichten von Freunden und sonstige persönlichen Daten speichern können. Besonders beliebt ist die Rubrik »Freunde«. Unter Usern ist ein regelrechter Wettbewerb ausgebrochen, wer die meisten gesammelt hat, wobei es meist nur darum geht, so viele E‐Mail‐Adressen wie möglich zusammenzubekommen. Eyal ist seit knapp zwei Jahren Mitglied und hat 344. Damit liegt er in seinem Bekanntenkreis ziemlich weit vorn. Alles wirklich Freunde? »Nein«, gibt der Student zu, »die meisten kenne ich gar nicht, sie sind Bekannte von Bekannten von Bekannten, deren Adressen irgendwie an mich gekommen sind«. Und dass diese Menschen jetzt seine persönlichsten Mitteilungen lesen können, stört ihn nicht? »Nicht wirklich«, meint Eyal nach kurzem Nachdenken, »denn was sollen sie schon mit meinen blöden Gedanken anfangen«.

Alles öffentlich, alles für jedermann zugänglich. Wenn es nach der Facebook‐ oder Twittergemeinde geht, dann kommt dieses Szenario der Realität sehr nah. Zwar bestimmt noch immer jeder selbst, was er ins Netz stellt, und auch, wem er es erlaubt, Zugang zu haben, doch nicht immer haben die Benutzer überhaupt Überblick über die Einstellungen. Keine Frage, dass bald schon die Hälfte oder mehr aller Israelis per virtueller Freundschaftsbörse Kontakte pflegen. Bei 13‐ bis 15‐Jährigen liegt die Nutzung bei etwa zehn Prozent, bei 16‐ bis 17‐Jährigen bei neun Prozent. Hauptnutzer sind die 18‐ bis 34‐Jährigen. Von ihnen sind regelmäßig 30 Prozent und mehr dabei. Im Vergleich dazu liegt die generelle Verbreitung von Facebook in Deutschland derzeit heute erst bei rund elf Prozent.

unterwegs Fast kein Israeli geht heute mehr auf den »Tiul Hagadol« (hebr.: große Reise), ohne Mitglied bei Facebook zu sein, ist Eyal sicher. Der große Trip nach dem Armeedienst ist schon fast Tradition bei jungen Männern wie Frauen. Die meisten zieht es nach Fernost oder Südamerika, einige reisen durch Europa. »Und per Facebook können alle nachvollziehen, wo man sich aufhält, wie es einem geht, ohne dass man ständig für teures Geld anrufen müsste. Das ist doch super.« Natürlich funktioniert auch das Chatten über die Site.

Angst vorm totalen Abtauchen in die virtuelle Welt hat Eyal nicht. »Nur fand ich es schon ein bisschen traurig, dass sich nach meiner großen Reise niemand mehr für meine Erzählungen oder Bilder interessiert hat. Die hatten sie ja alle schon in Facebook gelesen und gesehen, als ich noch unterwegs war.«

Die Schanys aus Kfar Saba sind gleich komplett in Facebook vertreten. Mutter Tal hat mit 417 Freunden die Facebook‐Krone der vierköpfigen Familie aufgesetzt, kurz darauf folgt Tochter Or mit 280. Or ist zehn Jahre alt. Die Eltern finden nichts dabei, dass ihre Tochter, die die vierte Klasse der Grundschule besucht, eine Facebook‐Seite hat und sie ganz eigenständig verwaltet. Kontrollen gibt es kaum, ab und zu fragen sie, wer so zu ihren Freunden gehört, Verbote gibt es nie. »Im Gegenteil, Gleichaltrige, denen die sozialen Netzwerke im Internet verboten sind, werden in der Schule schnell zu Außenseitern«, meint Mutter Tal, »können nicht mehr mitreden oder -chatten. Sogar Lehrer in der Grundschule fragen, warum Eltern es ihren Kindern nicht erlauben, viele finden, es gehört einfach zu unserer Zeit und damit zur Entwicklung der Kinder.« Doch gerade Kinder und Jugendliche sind von den unübersichtlichen Seiten des Networking meist völlig überfordert. Oft wissen sie überhaupt nicht, wie sie sich schützen können, warnen immer mehr Jugendschützer.

Sicherheit Auch in Sachen Militär und Sicherheit ist durch Facebook in Israel schon so einiges an die Öffentlichkeit gelangt, was dort nicht hin sollte. So hat vor einer Weile ein Elitesoldat von einem geplanten Einsatz in der Westbank völlig unbedarft auf seiner Site berichtet: »Am kommenden Mittwoch werden wir das Dorf Soundso so richtig aufräumen. Heute eine Aktion, morgen eine Aktion und dann geht’s hoffentlich nach Hause.« Andere Soldaten, die den Eintrag gelesen hatten, informierten die Armeeführung, nach Hause durfte der Betreffende nicht, sondern musste für zehn Tage hinter schwedische Gardinen. Außerdem wurde er hochkant aus seiner Einheit geworfen. Andere Soldaten hatten wiederholt Bilder auf ihre Seiten gestellt, die sensible militärische Informationen enthielten.

Außerdem wird immer wieder darüber berichtet, dass die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah versuchen, sich hier Informationen über militärische Geheimnisse Israels zu erschleichen. Sie sollen sich als junge Frauen ausgeben und so an Elitesoldaten heranmachen, die über besondere Kenntnisse verfügen.

Nach verschiedenen Zwischenfällen ist ein Brief an alle Soldaten über den korrekten Umgang mit Facebook gesandt worden. Zudem hat die Armee eine spezielle Informationseinheit eingerichtet, die darüber aufklärt, welche Probleme Facebook und ähnliche Sites darstellen könnten. Eyal hat keine Probleme damit. Er würde niemals ein Sicherheitsrisiko eingehen, sagt er und schüttelt vehement den Kopf. Nach einigen Minuten Überlegen fügt er leise hinzu: »Vielleicht nur manchmal für meine Privatsphäre.«

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