Israel

Ein Leben für die Firma

Am Ende wartet niemand mehr mit dem Abendessen. Nach Hunderten von Überstunden und zahllosen gebrochenen Versprechen ist das Haus leer, die Familie kaputt. Die Firma hat gewonnen.

Realität für viele Israelis, die sich in der Hightech‐Branche abrackern, um es »zu etwas zu bringen«. Yariv Ben‐Yehuda hat lange dabei mitgemacht. Doch dann wollte und konnte er nicht mehr. Jetzt bringt er auf die Bühne, was ihn belastet hat. Text und Musik seiner Rock‐Oper Sachir stammen allesamt aus seiner Feder, unterstützt wurde er beim Schreiben von Erez Cohen.

Das hebräische Wort »Sachir« steht für den Angestellten mit allen sozialen Vorteilen, Auto, Zulagen, Anteilen und gleichzeitig für den ultimativen Traum vieler Israelis. Dessen Schicksal besingt der 39‐Jährige. Zur klagenden Ehefrau, die ihren Mann nur noch kurz am Frühstückstisch sieht und ihn drängt, mehr zu Hause zu sein, sagt der Sachir: »Schatz, wart’ noch etwas, nur noch, bis die letzte Leasingrate bezahlt ist.«

Realität in israelischen Haushalten? »Definitiv«, meint Ben‐Yehuda. »Die Tretmühle ist extrem bei uns. Viele arbeiten wie besessen, um die Illusion vom Reichwerden wahr werden zu lassen. Doch es funktioniert natürlich nur für die Wenigsten. Der Großteil ist irgendwann ausgebrannt.«

Hype Ben‐Yehuda musste seine Fantasie nicht besonders bemühen, um die Story zu Papier zu bringen: »Sie begann als meine eigene. Alles, was auf der Bühne passiert, geschah mir selbst oder engen Freunden in den vergangenen 20 Jahren. Ich war in drei Start‐ups, die gescheitert sind, habe alles am eigenen Leib erfahren und brauchte irgendwann ein Ventil, um den enormen Druck rauszulassen.«

Es sei wahr, dass Israel »die Start‐up‐Nation Nummer eins« sei, erklärt er. Dennoch sei die Gründung einer solchen Firma keineswegs einfach. In der Realität funktioniere es so: »Man braucht eine hervorragende Idee plus unzählige Stunden Schuften für umsonst plus wahnsinnig viel Überzeugungsarbeit. Dann bist du vielleicht einer von denen, die ein wenig Geld von Investoren erhalten.« Nur eine von 300 Start‐up‐Firmen gelange überhaupt in die zweite Investitionsrunde.

Die Menschen würden von dem Hype angelockt und dann ausgesaugt. »Du wirst Teilhaber, bekommst ein viertel Prozent und wenn du mehr leistest, sogar ein ganzes«, heiße es oft. »Dafür musst du aber praktisch eins werden mit der Firma«, weiß Ben‐Yehuda aus Erfahrung. »Oft müssen die Angestellten permanent zur Verfügung stehen, sechs Tage die Woche, meist mehr als zwölf Stunden am Tag arbeiten und am Schabbat all das erledigen, was liegen geblieben ist.« Doch der Traum, »es irgendwann geschafft zu haben, mit dem Porsche durch die Gegend zu brausen, puscht viele an die Grenzen – oder darüber«.

Glücksversprechen Immer im Blick dabei den »Exit« – das magische Wort, das in den meisten Fluren der Start‐ups wie die ultimative Glücksverheißung geraunt wird. Exit steht für den Verkauf der Firma, am besten an ein multinationales Unternehmen. Der Augenblick, an dem – zumindest in den Köpfen der Gründer und Mitarbeiter – die Millionen fließen und sich das Leben rosarot färbt.

Märchenhafte Geschichten, die die Begierde anheizen, gibt es genug. Wie aktuell die Erfolgsstory von Waze, einem in Israel gegründeten Navigationssystem für Mobiltelefone, das jetzt für mehr als eine Milliarde Dollar an Google verkauft werden soll (siehe Einspalter). Doch über die, die kläglich scheitern, oft hoch verschuldet, spricht man nicht.

So geht es Ben‐Yehudas tragischem Helden Omri in Sachir. Um die Wünsche seiner Frau nach Kindern und einem Haus zu erfüllen, arbeitet der fast rund um die Uhr, verliert dabei jedoch den Blick für das, was wirklich zählt. »Bis letztendlich die ›Familie in der Firma‹ die echte ersetzt hat«, so Ben‐Yehuda. »Es passiert ständig, ich habe es immer wieder gesehen.«

Alternative Er selbst hat seine Hightech‐Karriere trotz der Kritik nicht an den Nagel gehängt. »Ich bin schließlich ein ganz normaler Israeli, mit einem Minus auf dem Konto, Rechnungen, die ich nicht bezahlen kann, und muss arbeiten«, sagt er und lacht. Nach wie vor ist er in der Branche tätig, hat 85 Leute unter sich. Doch die Firma, für die er arbeitet, will keinen »Exit« und läuft profitabel. Vor allem aber habe sie ein anderes Wertekonzept. »Wir sagen den Menschen: Arbeitet gut für uns, gebt euer Bestes. Doch um 18 Uhr geht ihr zu eurer Familie nach Hause.«

Ben‐Yehuda macht es vor. Er ist nur noch vier Tage die Woche im Büro, um spätestens 18.30 Uhr wird der Laptop zugeklappt. Vor neun Monaten allerdings drohte sein Konstrukt zu zerbrechen: Er bekam, wie er mit einem Augenzwinkern erzählt, ein unmoralisches Angebot. Ein anderes Hightech‐Unternehmen wollte ihn in leitender Position, das Gehalt hätte sein jetziges um ein Vielfaches überstiegen. »Eigentlich etwas, das man nicht ablehnen kann.« Und doch tat er es. »Ich wusste, dass die Tretmühle von Neuem begonnen hätte. Und so abgedroschen es auch klingen mag: Geld ist einfach nicht alles. Ich habe ein Leben mit meiner Frau und meiner Kunst, das ich genau so mag, wie es ist.«

17‐mal stand Ben‐Yehuda mit Musikern und Schauspielern bereits auf der Bühne, mehr als 3000 Leute haben Sachir bis heute gesehen. »Es ist noch keine große Produktion, aber wir konnten hervorragende Künstler für uns gewinnen«, sagt der Macher voll Stolz. Darunter die international renommierte Theater‐ und Opernregisseurin Julia Pevzner sowie Yoav Halevi, der »uns blutigen Laien das Schauspielen beigebracht hat«.

Nun wünscht er sich, dass seine Rock‐Oper ein internationaler Erfolg wird und eines Tages in New York gezeigt wird. Oder am besten überall auf der Welt. Nur vom Exit träumt er schon lange nicht mehr.

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