Stadtbahn

Ein guter Zug

Eine Bahn besteht aus zwei miteinander verbundenen Waggons. In jedem ist Platz für 450 Passagiere. Foto: Sabine Brandes

Es weht ein heißer Sommerwind an der Station, an der die Fahrt beginnt. Gut für das rote Ballonmännchen, dessen Arme wild im Luftzug wirbeln. Das Maskottchen soll die Leute anlocken, in der neuen Roten Linie der Stadtbahn mitzufahren, die von Petach Tikwa bis nach Bat Jam im Süden von Tel Aviv verkehrt.

An der ersten Haltestelle »Zentrale Busstation« steigt eine Mutter mit vier Mädchen im Grundschulalter ein. Alle wedeln stolz ihre grünen Rav-Kav-Karten, mit denen sie digital am Terminal bezahlt haben. Bis 15 Kilometer kostet die Fahrt 5,50 Schekel für Erwachsene, unter 18 Jahre die Hälfte. Knessetabgeordnete fahren übrigens kostenlos, steht in den Erklärungen.

Wohin es geht? »Einfach hin und her«, sagt die Mutter schmunzelnd. »Die Sommerferien sind lang, und wir wissen kaum noch, wie wir die Kinder beschäftigen sollen. Die neue Bahn kommt da gerade recht.« Die Mädchen posieren um die Stange in der Mitte des Waggons, kichern und lassen sich von der Mutter fotografieren.

VERZÖGERUNGEN So elegant sich das stromlinienförmige Gefährt jetzt durch die Straßen der Städte mäandert, so wenig geschmeidig war der Start mit monatelangen Verzögerungen, dem Boykott von Bürgermeister Ron Huldai während der Jungfernfahrt, Demonstranten, die für einen Service am Schabbat protestieren, und lauten Buh-Rufen für Premierminister Benjamin Netanjahu, der am Freitag vergangener Woche das symbolische Band zur Eröffnung durchtrennte.

Alle Fahrgäste scheinen bester Laune zu sein. Sie plaudern, lachen und knipsen jede Menge Selfies.

Doch davon ist an diesem Sonntag nichts mehr zu spüren. Alle Fahrgäste scheinen bester Laune zu sein. Sie plaudern, lachen und knipsen jede Menge Selfies. Abenteuer Stadtbahn. Dabei soll die mitnichten nur der Kurzweil dienen. Ein umfangreiches Netz aus Roter, Grüner und Lila Linie mit 139 Stationen in 14 Städten wird den gesamten Ballungsraum Gusch Dan im Zentrum des Landes verbinden. Es ist das größte Verkehrsprojekt Israels aller Zeiten und soll vor allem die Metropole Tel Aviv verkehrstechnisch entlasten.

SITZPLÄTZE Eine Bahn besteht aus zwei miteinander verbundenen Waggons. In jedem ist Platz für 450 Passagiere mit Sitzen und Stehbereichen. Sitzplätze allerdings scheinen weniger vorhanden als in vergleichbaren Bahnen der Welt. Die Waggons sind für Rollstühle zugänglich, mit WLAN und Informationsbildschirmen ausgestattet. Die Stadtbahn ist voll elek­trisch und fährt ohne Lokomotive.

Wenn sie dieser Tage auch noch nicht mit voller Auslastung fährt, so ist geplant, dass alle sechs Minuten eine Bahn kommt und täglich bis zu 234.000 Passagiere befördert. »Die Rote Linie ist das Rückgrat des Nahverkehrssystems der Metropolregion Tel Aviv. Sie führt durch einige der am stärksten bevölkerten Gebiete in Gusch Dan und versorgt viele und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen«, schreibt die Betreibergesellschaft Dankal auf ihrer Website.

Tatsächlich fahren hier alle mit: Menschen aus Bat Jam auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, Araberinnen und Araber aus Jaffa, hippe Tel Aviver aus dem Zentrum, Ultraorthodoxe aus Bnei Brak und Vorortler aus Petach Tikwa.

BNEI BRAK Sheyndel Cohen ist von der Station Aharonovich in Bnei Brak bis zur Tel Aviver Allenby unterwegs. Sie hat vor einigen Jahren Alija aus New York gemacht. Die junge ultraorthodoxe Frau arbeitet als Kindergartenleiterin. Sie ist begeistert: »In New York bin ich immer U-Bahn gefahren. Es ist ein großartiges Gefühl, jetzt hier in Bnei Brak und Tel Aviv darin zu sitzen.« Heute sei sie zwar nur zum Schauen eingestiegen, »aber ich kann es nicht mehr abwarten, bis die anderen Linien fahren, denn ich lebe in Bnei Brak und arbeite in Herzliya. Bisher heißt es täglichen Stau, bald hoffentlich nicht mehr.«

Allerdings wird sich Cohen noch gedulden müssen. Die grüne Linie von Rischon LeZion im Süden bis ins nördliche Herzliya wird voraussichtlich 2028 in Betrieb genommen. Im selben Jahr soll auch die lila Route von Tel Aviv bis nach Jehud befahren werden.

Es ist das größte Verkehrsprojekt Israels aller Zeiten.

An der Carlebach-Station, die nagelneu und in hellem Blau leuchtet, steigt ein charedischer Vater mit fünf Kindern zu. Der Waggon hat sich mittlerweile etwas geleert. Die Kinder knien sich auf zwei Sitze und schauen aus dem Fenster. Obwohl es dort wenig zu sehen gibt. Diese Haltestelle ist, wie insgesamt zehn, unterirdisch. Zwei der Jungen drehen sich um und beäugen neugierig die anderen Passagiere, während sie ihre Seitenlocken um die Finger drehen.

fahrplan Ihnen gegenüber sitzen zwei Freundinnen, gekleidet wie viele säkulare junge Leute im Tel Aviver Sommer: T-Shirt, Jeans-Short und Sandalen. Das Haar der einen ist in leuchtendem Pink gefärbt. Sie blinzelt den charedischen Jungen schelmisch zu. Doch der Vater dreht die Köpfe seiner Sprösslinge sanft wieder Richtung Fenster und drückt ihnen einen Fahrplan in die Hand, den Helfer in roten Westen an den Stationen verteilen. Die knappen Outfits sind wohl nichts für die Augen der Kinder.

Wie die jungen Frauen die Stadtbahn finden? »Muschlam«, sagen beide und heben die Daumen zu ihrem »perfekt«. Dann hüpfen sie an der oberirdischen Haltestelle Ehrlich raus, um in Jaffa auf den Flohmarkt zu gehen. Als sich die Türen der Bahn schließen, ruft eine noch hinterher: »Ich hätte meine Haare rot färben sollen. Das ist die Farbe des Augenblicks.«

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