Soziologie

Ein Brunnen im Negev

Eine Beduinensiedlung zwischen Jerusalem und Jericho im Westjordanland. Foto: Flash 90

»Es macht die Wüste so schön, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt«, schrieb Antoine de Saint-Exupéry in Der kleine Prinz. Dies hätte das Motto jener Konferenz sein können, die die Konrad-Adenauer-Stiftung Ende März an der Universität Tel Aviv organisiert hat – Thema: »Die Beduinen im Negev in der sich wandelnden Realität«.

Die Negevwüste im Süden Israels umfasst ganze 60 Prozent des Landes. Auf der Konferenz ging es unter anderem um die Beziehung der Negev-Beduinen zu staatlichen Behörden und um Fragen nach dem Eigentumsrecht, etwa im Zusammenhang mit den circa 36 nicht anerkannten Beduinensiedlungen, die seit der Staatsgründung unerlaubt errichtet wurden. Durch den Einsatz des regionalen Abu-Basma-Gemeinderats sind seit 2004 neun zusätzliche Großsiedlungen anerkannt worden, darunter das 50.000 Einwohner umfassende Rahat, Kseifa, Hora und andere Ortschaften.

Minderheiten Die Haltung des Staates zum sogenannten Beduinenland ist überaus komplex und lässt sich auf Verwaltungsprobleme rechtlicher, ökonomischer, nationaler, sozialer und territorialer Natur zurückführen. »Die Beduinen sind die einzige Bevölkerungsgruppe in Israel, zu der keine akkuraten demografischen Angaben existieren«, erklärte Atef Abu Ajaj von der Ben-Gurion-Universität. Das liegt zum einen an der hohen Mobilität des Nomadenvolkes, das sich für relativ kurze Zeit an unterschiedlichen Orten niederlässt, wodurch Zensus und Statistiken erheblich erschwert werden. Zum anderen herrscht innerhalb dieser muslimischen Gruppe Polygamie, die in Israel gesetzlich verboten ist, weshalb zahlreiche Beduinenehen erst gar nicht registriert werden.

Abu Ajaj schätzt die Anzahl seiner Landsleute im Negev und im Norden Israels auf etwa 200.000: »Die Araber bilden eine Minderheit in Israel, die Beduinen bilden eine Minderheit innerhalb der arabischen Bevölkerung, Frauen sind eine Minderheit innerhalb dieser Minderheit, und so weiter.«

Als Batya Roded vom Achva Academic College die Lage der israelischen Beduinen mit dem Kampf der Ureinwohner Brasiliens, Australiens und Kanadas um Anerkennung verglich, wurde sie von Ruth Kark (Hebräische Universität) darauf hingewiesen, dass es sich bei der 12.000 Quadratkilometer umfassenden Negevwüste um eine drastisch kleinere Fläche handle, auf die noch andere Minderheiten Ansprüche erhöben. Die Frage der Ureinwohnerschaft sei überdies komplexer, schließlich lebten Juden seit über 3.500 Jahren in der Region.

Ureinwohner Laut Aref Abu Rabia (Ben-Gurion-Universität) hätten sich die Beduinen bereits vor Abrahams Zeiten hier niedergelassen. Ruth Kark, die sich schon lange mit der Geschichte der israelischen Beduinen befasst, behauptete dagegen, sie seien im 19. Jahrhundert von Saudi-Arabien, Jordanien und der Sinai-Halbinsel ins Land gekommen, wo sie anfangs unter der osmanischen Herrschaft gelitten hätten: »Damals bezeichneten sie sich als die Beduinen des Negev, ab etwa 1992 als Ureinwohner und zwischen 2005 und 2010 wurde dann der neue Begriff der ›palästinensischen Beduinen‹ etabliert.«

Ehud Praver, der den Entwurf zu dem in Israel sehr umstrittenen Praver-Report lieferte, sprach seine Hoffnung auf eine Einigung aus: »Der Streit um die Umsiedlung der Beduinen in Städte ist nicht so einseitig, wie er oft dargestellt wird. Viele Beduinen wollen aus guten Gründen ihre Dörfer verlassen. Ich habe diesbezüglich bereits über 100 Treffen mit ihren Vertretern gehabt, und wir verfolgen kein anderes Ziel als den Kompromiss.«

Da bleibt nur zu wünschen, dass sich inmitten der Wüste doch noch ein kleiner Brunnen finden wird, an dem sich beide Parteien satt trinken können.

Knesset

Wem gehört die Wahl?

»Fly & Vote« will Israelis im Ausland zum Abstimmen nach Hause bringen. Der Likud droht der Initiative mit rechtlichen Schritten

von Sabine Brandes  26.08.2026

Nachrichten

Spion, Angst, Straße

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  26.08.2026

Jerusalem

Mann, der Nonne angriff, muss in Psychiatrie

Christen in Jerusalem werden immer wieder angefeindet. Nach einem Angriff auf eine Nonne im April kam ein Gericht nun aber zu dem Schluss, dass es sich nicht um eine religiös motivierte Tat handelte

 26.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Westjordanland

Knesset-Abgeordneter zerstört palästinensisches »Märtyrer«-Denkmal

Zvi Sukkot fuhr unter Armeeschutz nach Madama. Die IDF wirft dem Abgeordneten vor, sie getäuscht zu haben

 26.08.2026 Aktualisiert

Wissenschaft

Zwei israelische Unis unter den besten der Welt

Das Weizmann Institute of Science in Rehovot und die Hebräische Universität Jerusalem schafften es in die Top 100

 26.08.2026

Kommentar

Unpolitisch war gestern

Der ESC unterliegt künftig neuen Regeln für Krisenstaaten, Israel kann nach wie vor am Wettbewerb teilnehmen. Noch ist das keine Lex Israel. Aber der Eindruck entsteht

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 26.08.2026

Jerusalem

Netanjahu warnt vor Stimmenverlusten im rechten Lager

»Bei dieser Wahl zählt jede Stimme. Verschwenden Sie Ihre Stimme nicht an kleine Parteien«, sagt der Ministerpräsident. Den Grund für diese Warnung liefern die jüngsten Umfragen und die Geschichte

 26.08.2026