Diplomatie

Echte Freunde?

Das waren noch Zeiten: Touristen aus Israel landen im April 2008 auf dem Flughafen Bodrum. Foto: Flash 90

Die Zeichen stehen auf Verständigung. Nach mehr als fünf Jahren Eiszeit nähern sich die einstigen Verbündeten Israel und Türkei offenbar wieder an. »Es gibt Fortschritte bei den Verhandlungen«, war das Resümee beider Seiten nach einem Treffen von Gesandten in Zürich. Man braucht einander offenbar in der brodelnden Stimmung in Nahost. Doch kann die Türkei für Israel wirklich verlässlicher Partner sein?

Vor fünf Jahren hatte der Zwischenfall auf dem Schiff Mavi Marmara, das die Blockade von Gaza durchbrechen wollte, die Verbindung jäh gekappt. Damals waren neun türkische Staatsbürger getötet worden, die israelische Soldaten beim Entern des Schiffes zuvor angegriffen hatten. Durch eine Initiative des amerikanischen Präsidenten Barack Obama entschuldigte sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu bei den Türken und sagte den Familien Entschädigung zu.

Doch die Aussöhnung ließ auf sich warten. Jetzt betonte Netanjahu, man sei aufeinander zugegangen, »jedoch müssen einige Angelegenheiten in der Zukunft geklärt werden«. Auch die Türken bestätigten, dass die Gespräche gut gelaufen seien und man bald einen Deal festzurren könne, so der Sprecher der Regierungspartei AKP, Omer Celik, im türkischen Fernsehen.

isoliert Bereits vor einigen Wochen hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan öffentlich überraschend erklärt: »Die Türkei braucht Israel, und Israel braucht die Türkei.« Dass der erste Teil des Satzes wahr ist, daran zweifeln israelische Politikexperten nicht. Denn zusehends sieht sich Ankara in der Region isoliert. Zum einen durch die andauernde Bekämpfung der Kurden, die vom Westen, allen voran den USA, im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) unterstützt werden. Zum anderen dadurch, dass der IS noch immer in der Türkei Mitglieder rekrutiert.

So gefällt nicht allen die Annäherung der einstigen Verbündeten. Verteidigungsminister Mosche Yaalon machte in Zürich klar, dass er »zutiefst skeptisch« ist, was ein Versöhnungsabkommen angeht. Als Voraussetzung, so Yaalon, müsse der Kommandoposten der Hamas in Istanbul geschlossen werden. Die Tätigkeit der Hamas in der Türkei ist Israel ein verständlicher Dorn im Auge.

Zudem lässt Erdogan keine Gelegenheit aus, den jüdischen Staat in internationalen Foren niederzumachen. »Erdogan ist unberechenbar«, meint der Ex-Diplomat und Türkei-Experte Alon Liel. »Vielleicht will er sich heute aussöhnen. Doch spätestens beim nächsten Krieg zwischen Gaza und Israel kann er wieder Probleme machen.«

Russland Doch es steckt mehr hinter Yaalons Reserviertheit. Er fürchtet, dass die Verständigung mit den Türken zu einer Verstimmung zwischen Israel und Russland sowie Israel und Ägypten führen kann. Und dies liegt in keiner Weise in Israels Interesse.

Kairo schaut mit Argusaugen auf die Entwicklung im Gazastreifen und will auf keinen Fall weitere Terroristen, die heute schon – aus Gaza angereist – den Sinai bevölkern. Zwar hat Erdogan von der Forderung Abstand genommen, Israel müsse die Blockade des von der Hamas regierten Streifens beenden, damit ein Deal zustande kommt. Allerdings verlangt er stattdessen freien Zugang und einen Sonderstatus – angeblich, um den Gazastreifen wieder aufzubauen und mit Energie zu beliefern.

Und das wollen auch die Russen nicht, die ebenfalls ihren Einfluss im Gazastreifen geltend machen. Russland ist generell wenig angetan von den versöhnlichen Tönen und soll durch Außenminister Sergej Lawrow persönlich interveniert haben. Denn die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara sind schwer belastet. Russland unterstützt mit seinem militärischen Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad. Ankara beschuldigt Putin zudem der Unterstützung kurdischer Rebellengruppen, die angeblich Anschläge auf türkischem Territorium verüben. Moskau andererseits wirft Erdogan vor, dem IS zu helfen, um Assad zu entmachten, statt die Terroristen zu bekämpfen. Seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei im November liegt die Beziehung gänzlich auf Eis.

Markt Ankara sucht händeringend nach Verbündeten. Israel ist da naheliegend. Doch auch Jerusalem hat Interessen. Und das sind vor allem wirtschaftliche, ist Liel sicher. Israel will seine massiven Erdgas-Vorkommen verkaufen. Und der türkische Markt ist nicht nur der geografisch nächstgelegene. Von dort aus könnten Griechenland und andere europäische Länder beliefert werden. Das würde der israelischen Regierung sehr gefallen, Moskau indes überhaupt nicht. Denn Russland ist derzeit Hauptlieferant von Erdgas in die Türkei.

All diese Faktoren dürften Netanjahus Entscheidung beeinflussen. Denn die Russen kämpfen bis an die Zähne bewaffnet vor Israels Haustür in Syrien. Und mit ihnen will es sich Netanjahu in diesen krisenhaften Zeiten auf keinen Fall verscherzen.

Andere sind von dem Diplomatengerangel wenig beeindruckt: die Tourismusbetriebe in der Türkei. Vor Beginn der Krise reisten die Israelis in Scharen in die Badehochburgen Antalya, Alanya und Co., jährlich buchten bis zu eine halbe Million Menschen oft Fünf-Sterne-Herbergen. Doch nach dem Debakel auf der Mavi Marmara war von einem Tag auf den anderen Schluss damit. Ein Desaster für die Branche am Bosporus.

Auf der Reisemesse IMTM vor zwei Wochen in Tel Aviv präsentierten türkische Veranstalter dennoch wieder ihre Angebote – zum ersten Mal seit drei Jahren. »Wir befinden uns nahe dem Kollaps, weil nach dem israelischen nun auch der russische Markt zusammengebrochen ist und auch andere wegen der letzten Terroranschläge wegbleiben«, gab eine der Vertreterinnen der Reiseveranstalter-Delegation im israelischen Fernsehen zu. »Aber Antalya ist ruhig und sicher, es gibt keinen Grund zur Sorge«, versicherte sie. »Außerdem mag ich die Israelis. Sie leben nur eine Stunde von uns entfernt. Und wir wollen sie hier!«

Studie

KI-Modelle reproduzieren antisemitische Vorurteile

Zwei israelische Forscher sagen, ihre Analyse zeige, wie »ein uraltes Vorurteil durch komplexe Muster von Eigenschaftszuschreibungen und kultureller Codierung in modernen technologischen Systemen fortbesteht«

 12.06.2026

Krieg gegen den Terror

Israel bereitet offenbar Vorstoß auf Hisbollah-Hochburg Nabatieh vor

»Die Hisbollah zieht sich zurück, hält aber an der Linie von Nabatieh fest«, sagt ein ranghoher IDF-Offizier

 12.06.2026

Iran

Krieg auf Eis gelegt

Die direkte Konfrontation zwischen Israel und dem Mullah-Regime ist gestoppt. Doch die Spannungen in der Region bleiben unverändert hoch

von Sabine Brandes  11.06.2026

Knesset

Armeedienst und Torastudium sollen gleichgestellt werden

Trotz des Widerstands der Opposition und einiger Koalitionsmitglieder geht der kontroverse Gesetzesvorschlag durch die erste Lesung

von Sabine Brandes  11.06.2026

Gesellschaft

Erste Frau in IDF-Eliteeinheit Sayeret Matkal

Seit 2024 dürfen auch Frauen in die geheimnisvolle Einheit aufgenommen werden. Nun hat erstmals eine Israelin die harte Aufnahmeprüfung bestanden

von Sabine Brandes  11.06.2026

Jerusalem

Bericht: Regierung will Hunderte Millionen für 61 Siedlungen bereitstellen

Nach Informationen des Journalisten Barak Ravid will das Kabinett noch heute über einen Plan abstimmen, der die praktische Umsetzung der Projekte im Westjordanland ermöglichen würde

 11.06.2026

Meeressäuger

Pottwale vor der Küste Ashdods gesichtet

Der Fund gelingt einem Wisschenschaftlerteam, kurz bevor es seine Forschungsfahrt wegen iranischer Angriffe abbrechen muss

 11.06.2026

Berlin

Dieter Nuhr erhält den Leo-Baeck-Preis

Der Kabarettist ist mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet worden. Zentralratspräsident Josef Schuster würdigte den Kabarettisten für seinen entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus

von Detlef David Kauschke  10.06.2026

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026