Olympia 2016

Dreisprung aufs Treppchen

Bei den Weltmeisterschaften in Peking 2015 gewann Hanna Knjasjewa-Minenko die Silbermedaille und stellte mit 14,78 Meter einen neuen israelischen Rekord auf. Foto: dpa

Anfangs verstand sie noch nicht einmal die Sprache. Doch die Dreispringerin Hanna Knjasjewa-Minenko war sich sicher, dass sie dieses neue, ihr bislang unbekannte Land von nun an vertreten möchte. Also paukte sie zunächst Hebräisch. Einen Monat lang nahm sie Unterricht, danach lernte sie allein weiter. Sie büffelte genauso ehrgeizig Vokabeln, wie sie auf dem Sportplatz Fitness, Kraft und Sprünge trainierte. Sie sprach mit den Leuten um sich herum nur noch Hebräisch. Heute gibt sie sogar Interviews in dieser Sprache. Und sie tritt bei den Olympischen Spielen in Rio für Israel als Dreispringerin an.

»Ich fühle mich voll und ganz als Israelin. Ich liebe es hier, die Leute, das Essen, das Wetter, die Tradition. Ich fühle mich dem Land sehr verbunden«, schreibt die 26-jährige Neueinwanderin und Israels Olympiahoffnung für Rio. Jetzt, wenige Tage vor dem Beginn der Spiele, hatte sie kaum noch eine freie Minute – auch für ein persönliches Interview bleibt keine Zeit, die Fragen beantwortet sie in ihren kurzen Pausen per E-Mail.

Hanna Knjasjewa-Minenko strotzt vor Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. In der Ukraine geboren, beginnt sie bereits mit acht Jahren mit Leichtathletik, zunächst als Läuferin, später fokussiert sie sich auf den Dreisprung, dem sie bis heute treu geblieben ist. Mit 16 Jahren gewinnt sie bei den Leichtathletik-Junioren-Europameisterschaften Silber, fünf Jahre später wird sie bei den Olympischen Spielen in London Vierte. Nebenbei studiert sie Wirtschaft. Damals lebte sie noch in der Ukraine und trägt die Farben ihrer alten Heimat auf dem Trikot: Hellblau und Gelb.

Karriere Im Jahr 2012 dann kommt der karriereorientierten Hanna die Liebe dazwischen: der Zehnkämpfer Anatoly Minenko, den sie zwei Jahre zuvor bei einem Trainingscamp in der Ukraine kennengelernt hatte. Liebe auf den ersten Blick? Fast, sagt Hanna. In einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender i24news erzählt Anatoly Minenko, dass sie zunächst geskypt und sich getroffen hätten. »Nach zwei Jahren wusste ich, dass etwas geschehen muss. Also machte ich ihr einen Heiratsantrag.«

Sie heiraten Ende 2012, Hanna zieht zu Anatoly nach Israel – eine Entscheidung des Herzens. Es ist der Beginn einer neuen sportlichen Karriere und der Beweis, dass die Liebe manchmal einfach stärker ist. »Mein Umzug nach Israel war absolut und nur privat, es gab keinerlei finanzielle oder berufliche Anreize. Mein Mann lebte in Israel, und wir haben gemeinsam entschieden, hierher zu ziehen. Jetzt, dreieinhalb Jahre später, kann ich sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin.«

Mit ihrer Familie, den Eltern und der Schwester, telefoniert sie seither über Skype, hat aber in Israel Ersatz gefunden: Anatolys Familie und eine Adoptionsfamilie, wie Hanna sie nennt, die sie und Anatoly als Schützlinge aufgenommen hat: Familie Chissick, die Hannas Geschichte hörte und sie seit drei Jahren unterstützt. »Sie sind für uns wie eine zweite Familie geworden.«

Stolz Seit dem Umzug haben auch die Farben auf Hannas Trikot gewechselt. Blau-weiß statt blau-gelb – auch hier spielt heute das Herz mit. »Ich liebe es, Israel zu vertreten«, sagt sie. Und das macht sie seither ausgesprochen erfolgreich. 2015 gewann sie bei der Leichtathletik-Halleneuropameisterschaft in Prag Bronze und bei der WM in Peking Silber. Damit ist sie die erste Israelin, die bei einem solchen Sportereignis den zweiten Platz errang. Vor ihr schaffte dies nur ein Mann – Stabhochspringer Aleksandr Averbukh im Jahr 2001.

Dabei ist Hanna in ein Land gewechselt, dessen Sportszene viel weniger institutionalisiert ist und in dem es keine Rundumversorgung für Athleten gibt, wie sie es aus ihrer Heimat kannte. »In der Ukraine gibt es ein ganzes System mit traditionellen Strukturen, vielen Sportlern und einer Sportkultur. In Israel ist das anders.« Hier gebe es für Spitzensportler weniger Wettbewerb, man müsse sich das Umfeld selbst zurechtschustern.

Investitionen Das wirke sich auch auf den Nachwuchs aus: »Wir müssen mehr in die Trainer, die die Athleten entdecken, und in die Sportler investieren. Wenn wir nicht in die Jugend investieren, wird es keine nächste Generation von Sportlern geben. Man sagt ja, dass Athleten und der Sport die besten Botschafter sind. Dem kann ich zustimmen. Aber das passiert nicht an einem Tag.«

Dennoch ist die Topathletin glücklich über ihren Wechsel. »Ich vermisse die Ukraine ehrlich gesagt nicht sehr. Auch wenn es dort im Alltag mehr Athleten gibt, mit denen man konkurriert. Aber auch das lässt sich in Israel lösen«, meint Hanna. Ihr Trainingspartner sei ein großartiger Dreifachspringer. »Das ist für mich ideal. Ich kann Hebräisch sprechen und gleichzeitig mit jemandem arbeiten, der immer stärker ist als ich.«

Der größten Hitze in Israel entgeht sie, indem sie morgens und abends trainiert: Laufen, Krafttraining und Technik. Und weil sie sich gerade noch von einer Fersenverletzung aus dem vergangenen Jahr erholt, gehört auch Physiotherapie zu ihrem Sportleralltag. Viel Zeit, Tel Aviv zu genießen, hat sie also nicht, schon gar nicht in der Wettkampfsaison. »Aber den Strand liebe ich und gehe dorthin, so oft ich kann.«

Team Nun aber steht erst einmal Rio als nächstes großes Ereignis an, bei dem Hanna Teil der größten israelischen Delegation sein wird, die jemals zu Olympischen Spielen angetreten ist: Insgesamt 47 Athleten werden in 16 verschiedenen Sportarten antreten, darunter eine Marathonläuferin mit kenianischen Wurzeln und der erste Triathlet, der Israel bei den Olympischen Spielen vertritt. Bislang hat Israel sieben olympische Medaillen gewonnen, darunter eine Goldmedaille, die Gal Fridman 2014 in Athen beim Windsurfen errang.

»Ich bin sehr aufgeregt. Das war für mich ein hartes Jahr, ich habe mich im August 2015 verletzt und wurde im März operiert.« Es war viel Arbeit, für sie und ihre Ärzte, ihren Trainer Alex Marmen und ihre Physiotherapeutin. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam vor wenigen Wochen sprang sie bereits auf den zweiten Platz. Zeitungen sehen sie als Olympiahoffnung. Doch Hanna Knjasjewa-Minenko hält den Ball lieber flach. »Ich denke nicht an Medaillen oder Ergebnisse«, sagt sie. Aber: »Natürlich hoffen wir alle das Beste.«

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