Medien

»Distanzieren Sie sich von der Hamas?« - »Nein«

Salah Abdel-Shafi (62) vertritt die Palästinenser als Botschafter in Wien Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Salah Abdel-Shafi spricht hervorragend Deutsch. Der Diplomat, in Gaza aufgewachsen, ist seit mehr als zehn Jahren Botschafter des »Staates Palästina« in Wien. Er ist sowohl bei den internationalen Organisation dort als auch bei der Republik Österreich akkreditiert. Zuvor hatte Abdel-Shafi von 2010 bis 2013 die palästinensische Vertretung in Berlin geleitet.

Heute nun gab der 62-Jährige dem »Deutschlandfunk« ein Interview zur aktuellen Lage in Nahost, das es in sich hatte. Abdel-Shafi äußerte darin Zweifel am 7. Oktober und an der Rolle der Hamas und wies Israel und dessen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu die Hauptverantwortung für das Ausbleiben eines Deals zum Ende des Krieges in Gaza zu – und das, obwohl US-Außenminister Antony Blinken Anfang der Woche klargestellt hatte, dass Netanjahu mit dem Vorschlag, wie er jetzt auf dem Tisch liege, einverstanden sei und nur die Zustimmung der Hamas noch ausstehe (die dann, wieder einmal, ausblieb).

Botschafter Abdel-Shafi focht das nicht an. Netanjahu sei an allem schuld, betonte der palästinensische Diplomat. Israel und die Amerikaner wollten keine direkten Verhandlungen mit der Hamas.

Dem Moderator Dirk-Oliver Heckmann sagte er: »Es ist klar geworden, dass Benjamin Netanjahu weiterhin an einer Eskalation nicht nur im Gazastreifen, sondern auch regional (interessiert ist).« Die Tötung von Hamas-Chef Ismail Haniyeh in Teheran vor drei Wochen und die Tötung eines Hisbollah-Kommandeurs in Beirut beweise das.

Lesen Sie auch

»Wenn die ganze Welt sagt, wir brauchen humanitäre Helfer im großen Umfang für den Gazastreifen, und Israel sagt Nein, dann ist klar, dass Netanjahu und die israelische Regierung gegen ein Ende dieses Krieges sind«, wetterte der Botschafter.

Die vorsichtige Widerrede Heckmanns ließ er nicht gelten. Was Blinken gesagt habe, sei nicht glaubwürdig, solange es Netanjahu nicht selbst gesagt habe. Der Gazastreifen, suggerierte Abdel-Shafi, sei nach wie vor besetztes Gebiet, das sehe auch der Internationale Gerichtshof so, und deshalb habe Israel auch gar kein Recht auf Selbstverteidigung gegen die Hamas, meinte er kategorisch.

Nicht die Hamas verstoße gegen das Kriegsrecht, indem sie sich in Schulen verschanze, sondern Israel, indem es diese angreife. Was denn genau nach dem Völkerrecht erlaubt sei, wenn Terroristen sich in solchen Gebäuden aufhielten, wollte der Moderator vom Botschafter wissen.

Dessen Antwort: »Warum übernehmen Sie die Frage der Israelis? Ich frage Sie, warum Israel Schulen angreift. Das ist die Frage. Nicht andersrum. Warum akzeptieren Sie, dass Israel wiederholt Schulen angreift?«

Heckmann wehrte sich kaum. »Es geht jetzt gar nicht um meine Meinung und meine Einschätzung. Das kann ich von hier aus gar nicht beurteilen. Ich kann nur die Argumentation der israelischen Seite zitieren und frage Sie, ob wir uns einig sind, dass eine Schule oder eine ähnliche Einrichtung zum legitimen militärischen Ziel wird, wenn sich dort Terroristen aufhalten?«

Abdel-Shafi schien für einen Moment nachzugeben. »Selbstverständlich dürfen zivile Objekte nicht für militärische Zwecke benutzt werden«, sagte er. »Das tut die Hamas aber, oder?«, erwiderte Heckmann. Daraufhin der Botschafter: »Nein. Wer behauptet das? Israel behauptet das. Hat Israel bis jetzt bewiesen, dass Hamas ein Krankenhaus oder eine Schule benutzt hat? Hat jemand das bewiesen? Warum erlaubt Israel nicht eine unabhängige internationale Untersuchungskommission (in) Gaza, um zu sehen, ob Hamas tatsächlich zivile Objekte benutzt hat?«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Würde Israel Journalisten nach Gaza lassen, könnte man die Anschuldigungen prüfen, so Abdel-Shafi. Aber Israel lasse das nicht zu, weil es nicht wolle, dass die Wahrheit ans Licht komme. Stattdessen töte es Journalisten und humanitäre Helfer in Gaza.

Zusehends genervt beantwortete der Diplomat Fragen nach dem 7. Oktober – und streute, wie schon in einem Gespräch im ZDF-Morgenmagazin kurz nach den Massakern – Zweifel an den von Israel genannten Opferzahlen. Zweifel an den Opferzahlen in Gaza, wie sie vom Hamas-Gesundheitsministerium herausgegeben werden, hat er dagegen nicht.

Den 7. Oktober müsse man im Zusammenhang mit der Besatzung sehen, das habe schließlich auch UNO-Generalsekretär António Guterres gesagt, so Abdel-Shafi. »Es gibt einen Kontext. Es gibt eine Besatzung, die seit 1967 andauert. Es gibt eine Vertreibung der Palästinenser, die seit 1948 andauert. Das ist die Hauptursache. Sie schauen auf die Symptome«, schleuderte er Heckmann entgegen.

Selbst Hamas-Chef Haniyeh habe eine Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967 angeboten, behauptete der Botschafter. »Das heißt, die Verantwortung liegt bei Israel. (Am) Ende der Besatzung wird es Frieden geben. Wenn die Besatzung weitergeht, wird es nie Frieden geben.«

Ob denn die israelische Besatzungspolitik eine Rechtfertigung dafür sein könne, Frauen, Kinder und Alte als Geiseln zu nehmen und unter menschenunwürdigen Verhältnissen festzuhalten, wollte Heckmann wissen.

Die Tötung von Zivilisten sei natürlich völkerrechtswidrig und diejenigen, die so was täten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden, egal von welcher Seite sie seien, postulierte Abdel-Shafi. Ob er sich ganz klar von der Hamas und der ihrem Kurs distanziere, fragte der Moderator. »Nein«, lautete die überraschende Antwort des Botschafters. Nur, falls die Hamas Zivilisten angegriffen habe, tue er das. Israel hingegen, da war sich Abdel-Shafi dann plötzlich ganz sicher, »verübt Völkermord« an den Palästinensern in Gaza.

»Paria«, »Bananenrepublik«, »von Faschisten regiert«

Heckmann hakte ein wenig nach. Ob denn aus Sicht von Abdel-Shafi am 7. Oktober die Hamas keine Zivilisten ermordet habe, wollte er wissen. Dazu müsse erst einmal eine unabhängige Untersuchung stattfinden, antwortete der Botschafter. Es habe da zwar einen Angriff gegeben. Ob aber gezielt Zivilisten getötet worden seien, »wie Israel behauptet«, das stehe noch nicht fest.

Im Interview mit dem ZDF hatte er sich bereits ähnlich eingelassen. Und auch zehn Monate nach den Massakern hat Abdel-Shafi offenbar keine neue Erkenntnisse gewinnen können. Oder keine gewinnen wollen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der eigentliche Terror gehe von Israel aus, behauptete er: »Wenn Sie Hamas Terroristen nennen, ich weiß nicht, was Sie Israel (dann) nennen.« Israel sei »ein Paria«, eine »Bananenrepublik«, Israel werde »von Faschisten regiert«. Die Welt müsse sich schämen, dass sie Israel gewähren lasse, rief er.

Salah Abdel-Shafi selbst sieht hingegen keinen Grund zur Scham. »Hamas ist nicht das Problem«, meinte er. Dass die islamistische Organisation von den USA und auch von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft werde, sei »Ihr Problem«, sagte er an Heckmanns Adresse gewandt. Das sei aber dennoch ein Faktum, erwiderte dieser.

Doch Abdel-Shafi wollte das letzte Wort behalten. »Ein Faktum ist, dass Israel ein Terrorstaat für uns (ist).«

Dann war das Interview zu Ende. Einen Faktencheck schob der »Deutschlandfunk« nicht nach.

Israel

Auf frischer Tat gerettet

Eine Raubgrabung fördert 2000 Jahre alte Geschichte zutage und führt zu einer antiken Steinwerkstatt

von Sabine Brandes  25.02.2026

Wirtschaft

»Tropfenwunder« zu verkaufen

Das Bewässerungsunternehmen »Netafim« ist eine der größten Erfolgsgeschichten des Landes. Nun soll es offenbar von einem chinesischen Investor übernommen werden

von Sabine Brandes  25.02.2026

Analyse

Die Uhr tickt

Zwischen Abschreckung, Drohgebärden und Überlastung: Warum die Krise zwischen den USA und dem Iran für den jüdischen Staat brandgefährlich ist

von Sabine Brandes  25.02.2026

Kairo

PLO-Funktionär weist Forderung nach Entwaffnung der Hamas zurück

Scharf wandte sich der PLO-Politiker auch gegen Forderungen nach Reformen der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Pay-for-Slay-Politik will er weiterführen

 25.02.2026

Tel Aviv

Wegen Eskalation mit Iran: Ishay Ribo streicht US-Tour

Der israelische Künstler war schon am Flughafen Ben-Gurion, als er sich zur Absage entschied

 25.02.2026

Botschafter in Tel Aviv

Auch Lambsdorff will in Israel Hebräisch lernen

Im Sommer soll der Diplomat Steffen Seibert als Deutschlands Botschafter in Tel Aviv ablösen. Jetzt verrät Alexander Graf Lambsdorff, warum er sich auf die neue Aufgabe freut

 25.02.2026

Tel Aviv

Klimawandel unter der Stadt: Kampf gegen steigende Grundwasserstände

»Das Problem ist nicht so akut wie eine iranische Rakete«, sagt ein Experte. »Wir haben Zeit, uns vorzubereiten. Wenn wir sie nicht nutzen, werden wir Schwierigkeiten bekommen.«

 25.02.2026

Staatsbesuch

Modi will strategische Partnerschaft in Israel verbessern

Modis dicht gedrängtes Programm führt den indischen Premier vom Flughafen direkt zu politischen und wirtschaftlichen Terminen in Jerusalem. Eine Rede vor der Knesset ist vorgesehen

 25.02.2026

Nahost

Deutschland warnt Bürger in Israel

Angesichts eines möglichen US-Angriffs auf den Iran mit Folgen auch für Israel hat das Auswärtige Amt Deutsche vor Ort zu Sicherheitsmaßnahmen aufgerufen

 24.02.2026