Interview

»Die Weiße Stadt lebt«

Micha Gross, Gründer des Bauhaus Center Tel Aviv Foto: Yadid Levy

Herr Gross, 100 Jahre Bauhaus – welche Bedeutung hat diese Schule heute in Tel Aviv?
Bauhaus verbindet man hier hauptsächlich mit der Architektur – Tel Aviv trägt ja auch den Beinamen »Weiße Stadt«. Dass sich dahinter noch andere Kunstformen wie Theater, Grafik oder Lithografie verbergen, wissen bislang noch nicht so viele Menschen. Das wird sich aber im Jubiläumsjahr mit Sicherheit ändern.

Wie beurteilen Sie den Zustand der Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv?
In der Stadt gibt es etwa 4000 Häuser, von denen 2000 unter Denkmalschutz stehen. Viele Gebäude sind in schlechtem Zustand, aber es wird sehr viel für deren Erhalt getan. Die Renovierungen haben vor etwas mehr als zehn Jahren begonnen, und sie nehmen jetzt an Umfang zu. Wenn man heute durch die Weiße Stadt spaziert, hat man das Gefühl, auf einer großen Baustelle zu sein. Das hat auch mit der Gentrifizierung zu tun, die positive und negative Auswirkungen hat.

Welche genau?
Die Stadt wird schöner, aber die Wohnungen werden gleichzeitig immer teurer. Die Weiße Stadt lebt, es gibt also nicht den Effekt, dass die Innenstadt nur aus Büros und Geschäftshäusern besteht. Sie ist noch bewohnt, aber immer weniger von der Mittelschicht, sondern stattdessen immer mehr von reichen beziehungsweise sehr reichen Leuten.

Kümmert sich Tel Aviv ausreichend um das Bauhaus-Erbe?
Der Stadt sind ein wenig die Hände gebunden, denn zu 95 Prozent befinden sich die Häuser in Privatbesitz. Man kann die Hausbesitzer nicht zwingen, zu renovieren, auch wenn das dringend nötig wäre. Positiv hervorheben möchte ich die Renovierung des Dizengoff-Platzes, das Herz der Bauhaus-Stadt in den 30er-Jahren. In den 70er-Jahren wurde der Platz durch eine Fußgängerbrücke verunstaltet, was dazu führte, dass die Leute ihn gemieden haben. Vor genau zwei Jahren wurde diese Brücke abgerissen, und der Platz hat nun wieder seine ursprüngliche Form – ein offenes Areal mit wunderschönen Bauhaus-Gebäuden drum herum.

Die Weiße Stadt ist UNESCO-Weltkulturerbe. Hat der Austritt Israels aus der Organisation Auswirkungen?
Als wir davon gehört haben, waren wir ein wenig beunruhigt. Momentan sieht es so aus, als ob es keine Änderungen geben wird. Die Stätten werden ihre Titel behalten. Das Label ist eine große Ehre, aber in finanzieller Hinsicht bringt es nichts.

Sie haben vor 20 Jahren das Bauhaus Center Tel Aviv gegründet. Mit welchem Ziel?
Wir wollten die Ideenwelt dieser Zeit in die Gegenwart bringen. Die Bedeutung des Bauhaus in Bezug auf das liberale Denken und auf die Demokratie ist nach wie vor nicht nur weltweit aktuell, sondern ganz besonders auch hier in Israel. Das gebaute Bauhaus ist das gebaute Erbe dieser Geisteshaltung.

Das Bauhaus Center wird auch Teil des 100-jährigen Jubiläums sein. Was ist Ihr Beitrag?
Unter anderem die Ausstellung »Josef Rings und Erich Mendelsohn: Neues Bauen in Deutschland und Erez Israel«. Die beiden haben – das ist uns bewusst – nicht wirklich am Bauhaus studiert, aber sie stehen für die Zeit und für das Bauhaus. Momentan ist die Schau in Essen zu sehen. Zudem ist im Sommer eine Ausstellung mit dem Schwerpunkt Dizengoff-Platz geplant, als einzigem Bauhaus-Platz. Wir beleuchten seine Entwicklung und Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes. Im Herbst widmet sich eine Ausstellung dem Bauhaus-Architekten Arieh Sharon, der die Architektur und Planung Tel Avivs beeinflusst hat.

Haben Sie ein Lieblings-Bauhaus-Gebäude?
Ja, das ist vielleicht nicht so originell, aber es ist in der Tat der Dizengoff-Platz. Er symbolisiert die Bauhaus-Architektur, und man kann sich sehr gut damit identifizieren. Er bezieht die umliegende Architektur mit ein, es ist ein lebendiger Platz mit Restaurants, Cafés, einem Park, in dem Kinder spielen. Kurz gesagt: Das ist die ideale Weiße Stadt für mich.

Mit dem Gründer des Bauhaus Center Tel Aviv sprach Katrin Richter.

Terror

Juden für Iran ausgespäht: Spionageprozess beginnt

Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg beginnt der Prozess gegen zwei Männer, die im Auftrag des Irans gezielt Juden und Israel-Freunde für Anschläge ausgespäht haben sollen

 17.06.2026

Diplomatie

Somaliland eröffnet Botschaft in Jerusalem

Es handelt sich bereits um die achte diplomatische Vertretung, die in der israelischen Hauptstadt eröffnet wurde

 17.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

TV-Tipp

Das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Wonderwerk-Höhle

Forscher finden älteste Spuren gezielter Feuernutzung

Auch die israelische Wissenschaftlerin Liora Kolska Horwitz von der Hebräischen Universität Jerusalem ist an der bahnbrechenden Entdeckung beteiligt

 17.06.2026

Jerusalem

Likud verzichtet auf Wahlkampf mit Trump-Nähe als zentralem Thema

Parteistrategen meinen, dass Benjamin Netanjahus Verbindung zum amerikanischen Präsidenten dem Ministerpräsidenten keinen Vorteil verschaffen würde. Hintergrund ist der neue Iran-Deal

 17.06.2026

Tel Aviv

Israelischer Luftwaffenchef: Geplanter Großangriff auf Iran kurz vor Start gestoppt

Generalmajor Omer Tischler sagt, die Einsatzkräfte seien bereits vollständig für die Mission vorbereitet gewesen

 17.06.2026

Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Die neuen RIAS-Zahlen sind alarmierend. Und sie zeigen einmal mehr eindrücklich: Antisemitismus ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem

von Nelly Eliasberg  17.06.2026

Dokumentation

Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran im Wortlaut

Der saudische Sender »Al Arabiya English« hat das Memorandum of Understanding zwischen Teheran und Washington veröffentlicht

 17.06.2026