Jerusalem

Die Stadt als Bühne

Wohnzimmerkonzert auf Marokkanisch: Neta Elkayam (r.) und Amit Chai Cohen Foto: Tal Shachar

Wie fühlst du dich? Hab keine Angst, ich bin bei dir, komm mit, ich zeige dir etwas.« Was für ein Zauber: eine Nacht im altmodischen Naturkundemuseum in Jerusalem, allein (oder eben nicht), ausgerüstet nur mit einer Taschenlampe und einem Audioguide, im Ohr die Stimme von Michal Vaknin. Die Künstlerin lockt in dunkle Räume zu verstaubten Präparaten und kuriosen Modellen, interpretiert den liebevollen Blick eines Löwen, erklärt, wie wir hören und wie unser Blut fließt, fragt, was wir fühlen, und erzählt ganz nebenbei von der faszinierenden Geschichte des Hauses, das einmal einem reichen armenischen Ehepaar gehörte, bevor es Quartier der britischen Armee und dann ein Amt der Jordanier wurde.

»Opposite of Alive« heißt die Performance, und sie ist Teil des »In-House«-Festivals, das in der vergangenen Woche zum zweiten Mal in Jerusalem stattfand – einer Stadt, von der jeder ein Bild im Kopf hat, aber die doch kaum einer kennt, nicht einmal die meisten Einwohner, sagt Dafna Kron.

Performance Die Kuratorin des Festivals findet, dass sich die Menschen in Jerusalem voreinander verstecken, jeder sein eigenes Konzept von der Stadt habe, aber kaum von den Geschichten der anderen höre. Juden und Palästinenser, Ultraorthodoxe und Studenten, Traditionalisten und Säkulare, Reiche und Arme, Alteingesessene und Einwanderer, Junge und Alte, alle nur ein paar Straßen voneinander entfernt, und doch wüssten sie kaum etwas voneinander.

Das möchte Dafna Kron mit ihrem Programm ändern. Dabei will sie ungelöste politische oder religiöse Konflikte und gesellschaftliche Probleme nicht als Drama auf die Bühne bringen – sie erklärt vielmehr kurzerhand die Realität selbst zur Bühne: Alles kann zu einem Ort einer Performance, eines Konzerts oder einer kurzen Intervention werden, eine Wohnung, ein Atelier, ein Heim, eine Parkbank.

Oder ein Schlafzimmer im Zentrum Jerusalems. Hanan Ben Simon sitzt hinter einem Roland‐Klavier, seine sieben Besucher auf oder vor dem Bett, das eine Überdecke im Leopardenmuster ziert. Hanan studiert an der Musikakademie von Jerusalem und wird demnächst seine erste CD aufnehmen. Jetzt aber trägt er einen blauen Pyjama, lächelt schüchtern und fängt an zu singen: »When I kissed my lover first« oder »I think I like fish more than people«. Zwischen den Songs erzählt Hanan, wie eng die Lieder mit seinem Leben verknüpft sind, seiner Zeit in Berlin, mit seinem Coming‐out und dem Streit mit der Familie, die aus Marokko stammt.

Wurzeln Aus Marokko kommen auch die Eltern der Künstlerin und Sängerin Neta Elkayam, die zusammen mit ihrem Freund Amit Chai Cohen in einem kleinen Haus im Viertel Katamonim lebt. Im Erdgeschoss, wo sich ihr Atelier befindet, hängen Bilder und Fotoarbeiten, oben, im Wohnzimmer, geben die beiden ein Konzert: traditionelle marokkanische Musik auf arabisch. »Es war lange Zeit verpönt in Israel, als Jude in der Sprache der Feinde zu singen«, sagt Neta. »Jetzt aber besinnen sich immer mehr junge Israelis auf die Wurzeln ihrer Familien.« Tatsächlich lässt die israelische Einwanderergesellschaft Unterschiede heute leichter zu, und immer mehr Künstler entdeckten in den vergangenen Jahren ihre eigene kulturelle Geschichte.

Readymade Es geht beim »In-House«-Festival nicht um den billigen Versuch, soziale Milieus vorzuführen. Vielmehr werden Menschen, ihre Häuser, ganze Viertel zu einer Art »Readymade«. Egal, ob die Bewohner als Experten ihres Alltags aus ihrem Leben selbst berichten oder Schauspieler und Choreografen ihre Geschich‐ ten erzählen, als Besucher wird man gepackt und nimmt zwischen den einzelnen Stationen die Straßen Jerusalems ganz anders wahr. Jeder Passant, der einem begegnet, könnte der nächste Protagonist eines Auftritts sein.

Diese Neugier will Itay Mautner während des ganzen Sommers in der Stadt verbreiten. Mautner ist in Jerusalem geboren und aufgewachsen, vor 15 Jahren aber nach Tel Aviv gezogen, »in die Komfortzone«, wie er sagt, und hat dort als Kritiker und Kurator Karriere gemacht. Nun ist er künstlerischer Leiter des Festivals »Jerusalem – Season of Cultures«, zu dem neben den »In-House«-Performances weitere Ausstellungen, Aufführungen und Konzerte gehören.

Liebespaare Das Ziel der Kulturoffensive ist es, etwas Zeitgemäßes für die Stadt zu tun und dadurch auch ein wenig den Brain Drain aufzuhalten, den Wegzug junger, gebildeter Leute nach Tel Aviv, New York oder Berlin. Mautner möchte mit Kunst das starre Verhältnis zwischen den Einwohnern lockern: »Wenn du in Tel Aviv auf dem Rothschild‐Boulevard auf einer Bank sitzt, lernst du schnell Leute kennen, und ihr werdet über Bücher oder Musik sprechen, die ihr mögt. Wenn du in Jerusalem auf einer Bank sitzt, kommen nach ein paar Minuten mindestens vier Leute, von denen dir jeder erklärt, was die Bank ihm bedeutet und warum sie deshalb nur ihm gehört, bis in alle Ewigkeit.«

Dabei gehe es auch anders, findet Mautner, wie zum Beispiel in der »In-House«-Performance der Künstlerin Naomi Yoeli im Bloomfield‐Park über dem Viertel Mishkenot Shaananim. Dort steht eine Bank unter zwei alten Olivenbäumen, die die Mutter der Künstlerin Naomi Yoeli dem Andenken an Naomis Vater gestiftet hat und von der aus der Blick über die Altstadt Jerusalems fällt. Jeder kann auf dieser Bank Platz nehmen und über Kopfhörer Yoelis Erzählungen lauschen. Die Künstlerin berichtet von ihrer Familie, davon, was dieser Park ihren Eltern bedeutet hat und warum diese Bank der beste Ort für Liebespaare ist. Denn von hier sieht Jerusalem aus wie eine glückliche Stadt.

Jerusalem Season of Culture 2013: Ausstellungen, Performances und Konzerte noch bis zum 23. August 2013

www.jerusalemseason.com

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