Schas

Identitätspolitik

Arie Deri und Mitglieder der Schas-Partei feiern auf ihrer Wahlparty im Jahr 2020. Foto: Flash90

Elf gegen Elf. So beschrieb ein Beobachter das Geschehen im Gerichtssaal. Während elf Richter des Obersten Gerichtshofes über das politische Schicksal von Arie Deri entschieden, saßen die elf Knessetabgeordneten der orthodoxen Sefarden-Partei Schas auf den Bänken. Und das Urteil des Gerichtes klang wie: »schuldig«.

Dabei ging es bei dem Verfahren gar nicht darum, ob Deri »schuldig« war oder nicht. Das war längst belegt. Jetzt verfügte der Oberste Gerichtshof, dass er aufgrund seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung nicht im Kabinett dienen darf.

korruption Deri ist mehrfach vorbestraft: Im Jahr 2000 wurde er wegen Bestechlichkeit, Korruption und Veruntreuung im Amt des Innenministers zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er musste zurücktreten und sich zwölf Jahre aus der Politik heraushalten. Bereits als junger Innenminister unter Yitzhak Rabin war er schon einmal vom Obersten Gerichtshof wegen Korruption von seinem Amt ausgeschlossen worden.

Deri ist mehrfach vorbestraft: Im Jahr 2000 wurde er wegen Bestechlichkeit, Korruption und Veruntreuung im Amt des Innenministers zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

2013 erlebte er ein politisches Comeback. Als er wieder in das Amt berufen werden sollte, in dem er seine Verbrechen begangen hatte, schickte die Organisation für Qualitäts-Regierungsführung eine Petition an den Obersten Gerichtshof, der dies untersagen solle. Der Gerichtshof war gespalten und entschied mit einer Zwei-zu-eins-Mehrheit, dass Deris Vorgeschichte ihn nicht von einer Wiederernennung als Minister ausschließe.

Der Oberste Richter Neal Hendel aber, der damals für das Verbot gestimmt hatte, schrieb: »Deris Verbrechen sind eng mit seiner Rolle als Innenminister verbunden. Sie sind so schwerwiegend und haben das Herz der Demokratie so zerstörerisch getroffen, dass er jetzt als Innenminister entlassen werden sollte.« Er wurde nicht entlassen. Um 2022 wegen Steuervergehen erneut sein Abgeordnetenamt niederlegen zu müssen. Im Rahmen eines Deals mit dem Gericht wurde seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Im Gegenzug versprach er, sich aus der Politik zurückzuziehen.

Doch der Langzeitpolitiker hielt sein Versprechen nicht. Er brach es nicht nur, sondern avancierte nach Premierminister Benjamin Netanjahu zum zweitwichtigsten Mann in der rechtesten und religiösesten Koalition, die Israel jemals regierte. Deri wurde trotz seiner Finanzverbrechen die Aufsicht über zwei der mächtigsten und finanziell am besten ausgestatteten Ministerien übertragen: das Innen- und das Gesundheitsressort. Und nach zwei Jahren hätte er im Rotationsverfahren Finanzminister werden sollen.

verfehlungen Scham für seine Verfehlungen und Vergehen war bei Deri nie zu spüren. Im Gegenteil: Er sieht sich vor Gericht stets als Opfer: »Noch nie ist in Israel jemandem so viel Hass entgegengebracht worden wie mir«, sagte er nach seinem Prozess und unterstrich dies mit dem Zusatz: »Wahrscheinlich nur Eichmann oder Demjanjuk.«

Genau das sei die grundlegende Einstellung der Partei und ihrer Anhänger, erklärt Nissim Leon, Schas-Experte und Professor für Soziologie an der Bar-Ilan-Universität. »Das Motto von Schas ist Schuld und Sühne. Sie sind der festen Überzeugung, dass die Sefarden jahrzehntelang diskriminiert worden seien – und es nun ihr Recht sei, die anderen dafür zu bestrafen.«

Arie Deri sieht sich vor Gericht stets als Opfer.

Leon weiß um die Entstehung der Bewegung, die vor vier Jahrzehnten damit begann, dass sefardische Schülerinnen nicht an aschkenasischen Schulen angenommen wurden – eine eindeutige Diskriminierung. Schas baute sein eigenes Schulsystem und eine Partei auf, damit öffentliche Gelder fließen konnten.

»Schas hat als erste Gruppierung die ›Politik der Identität‹ aufgebracht. Damit waren sie ihrer Zeit voraus«, so Leon. »Und sie waren die Ersten, die den Kampf gegen die Justiz als vereinende Schlacht in den Fokus rückten.« Immer nach dem Leitsatz: »Wir sind die Verfolgten, die anderen Täter – und diese müssen Buße tun.« So habe sich Schas im Laufe der Jahre, meint der Professor, »von einer einenden Gruppe zu einer spaltenden Gruppe entwickelt«.

annäherung Gleichzeitig nähere sich Schas immer mehr den aschkenasischen Ultraorthodoxen, den Charedim, an: »Früher hat man bunte Hemden und Jacken erblickt. Jetzt ist alles schwarz-weiß«, stellt Yigal Guetta, einst Knessetabgeordneter der Schas, fest. 2016 war Guetta in die Knesset eingezogen und musste eineinhalb Jahre später sein Amt auf Druck der Schas-Rabbiner aufgeben. Der Grund: In einem Radio-Interview hatte er berichtet, dass er zwei Jahre zuvor an der gleichgeschlechtlichen Trauung seines Neffen teilgenommen hatte. »Heute schert sich Schas nur noch um die Tora und nicht mehr um unsere Kultur.«

Währenddessen stieg Deri zum zweitwichtigsten Mann in der rechten Politik des Landes auf. Direkt hinter Netanjahu. »Diese Regierung ist Bibi-Deri. Es ist die stärkste Allianz in der gesamten israelischen Politik«, erklärt Schas-Experte Leon. Im Zusammenhang mit Netanjahus eigenem Korruptionsprozess, den er als »Hexenjagd« bezeichnet, verbände die beiden mehr als nur Politik. Sie sähen sich gar als »Allianz des Schicksals«.

So kritisierte Netanjahu den Gerichtshof auch direkt. Es sei eine »unglückliche Entscheidung«, Deri vom Ministeramt auszuschließen. Denn sie ignoriere den »Willen des Volkes und das beträchtliche Vertrauen, das die Öffentlichkeit den gewählten Vertretern meiner Regierung entgegenbringt«. Doch er sei »schweren Herzens gezwungen«, dem Gerichtsurteil nachzukommen und Deri aus seinen Ämtern zu entlassen.

unterstützung Nur wenig später nahmen sämtliche Mitglieder aller Koalitionsparteien an der wöchentlichen Knesset-Fraktionssitzung von Schas teil, um ihre Unterstützung für Deri auszudrücken. Und Netanjahu machte unmissverständlich klar, dass er den gefallenen Minister in seine Ämter zurückbringen wolle, »wo er hingehört, und zwar so schnell wie möglich«. Die Auszeit sei »nur für jetzt«.

Rabbanit Yehudit Yosef, Schwiegertochter des einstigen geistigen Oberhauptes der Schas-Bewegung, Rabbiner Ovadia Yosef, brachte es auf einen Nenner: »Arie Deri soll Schas für immer anführen. Bis der Messias kommt.«

»Arie Deri soll Schas für immer anführen. Bis der Messias kommt.«

Rabbanit Yehudit Yosef

Das hat Deri nicht versprochen. Wohl aber, Schas weiterhin als Parlamentarier in der Knesset zu leiten und an den Sitzungen der Koalitionsparteichefs teilzunehmen. Barak Seri, einer seiner Vertrauten, meint, dass er zudem seinen Vize-Premierministertitel behalten werde. Auch sei es wahrscheinlich, dass ihn das Kabinett als Beobachter zu den Sitzungen einladen werde, als »eine Art graue Eminenz«.

Die Zuhörer und Unterstützer Deris im Saal des Obersten Gerichtshofes brauchten kein Urteil der Richter. Sie haben längst ihre eigene Gerichtsbarkeit. Wie es Rabbi Ovadia Yosef im Jahr 2000 auf den Punkt gebracht hatte, während er Deri auf die Schulter klopfte: »Der Oberste Gerichtshof sagt ›schuldig‹ – und ich sage ›nicht schuldig‹.«

Diplomatie

Kolumbien erkennt Israels Souveränität über den Golan an

Die neue Regierung in Bogotá will auch die kolumbianische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Unterdessen hat Israel Soforthilfe für die Opfer des schweren Erdbebens in Kolumbien zugesagt

 10.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  10.08.2026

Triest

Israelischer Physiker Haim Sompolinsky erhält renommierte Dirac-Medaille

Der in Dänemark geborene Wissenschaftler ist 76 Jahre alt und emeritierter Professor am Edmond and Lily Safra Center und der Hebräischen Universität Jerusalem

 10.08.2026

Umfrage

Weder Netanjahu-Lager noch Opposition erreicht Mehrheit

Eine neue Erhebung zeigt: Der Likud bleibt stärkste Kraft. Was würde das für eine Regierungsbildung bedeuten?

 10.08.2026

Nahost

Board of Peace: Gaza-Plan einzige Garantie für Verhinderung weiterer Hamas-Massaker

Der Sondergesandte Nikolai Mladenov sagt, entscheidend sei dabei nicht Vertrauen in die Hamas, sondern eine lückenlose Überprüfung konkreter Schritte zur Entwaffnung der Terrororganisation

 10.08.2026

Nahost

Israel erlaubt offenbar Wiederaufbau in von ihm kontrollierten Teilen des Gazastreifens

Nach einem Bericht des Radiosenders der Armee sollen Ministerpräsident Netanjahu und Verteidigungsminister Katz die Arbeiten bereits vor rund zwei Wochen gebilligt haben

 10.08.2026

Flüge

US-Airline nimmt Route Tel-Aviv-New York wieder auf

Pünktlich zu Rosch Haschana gibt es wieder Direktflüge zwischen New York und Tel Aviv von anderen Anbietern als El Al

 09.08.2026

Jerusalem

Likud attackiert Wahlgremium

Der Likud protestiert gegen neue Mitglieder im unabhängigen Wahlgremium. Experten sehen darin einen möglichen Auftakt dazu, die Wahlergebnisse im Oktober nicht anzuerkennen

 09.08.2026