Meinungsbild

Die Hoffnung liegt im Sterben

Aussicht auf Verständigung? John Kerry (l.) und Benjamin Netanjahu in Jerusalem Foto: Flash 90

Kaum jemand in Israel stellt den Champagner kalt. Dabei schreiben die Zeitungen im In- und Ausland bereits, dies seien die Tage der Entscheidung. Seit Monaten verhandeln Israelis und Palästinenser in direkten Gesprächen. Wenn es nach dem amerikanischen Vermittler, Außenminister John Kerry, geht, ist ein Abkommen eine Frage von wenigen Wochen. Ist tatsächlich ein Frieden in greifbarer Nähe? Die meisten Israelis wünschen es sich, doch die wenigsten glauben noch daran.

Mehrere Umfragen der vergangenen Woche zeigen allesamt ähnliche Ergebnisse: Die Hoffnung in Nahost ist gestorben. Zumindest bei der überwältigenden Mehrheit der Israelis. Das Vertrauen darauf, dass ein Deal mit den Palästinensern zustande kommen kann, ist erschüttert. Dutzende gescheiterte Friedensinitiativen der vergangenen Jahre haben ihre Narben in der Bevölkerung hinterlassen.

Eine Umfrage der Zeitung Maariv aus der vergangenen Woche zeichnet ein ganz und gar düsteres Bild: 80 Prozent der jüdischen Israelis glauben nicht, dass die jüngsten Bemühungen der USA einen Friedensvertrag zwischen Jerusalem und Ramallah nach sich ziehen werden. Lediglich neun Prozent glauben daran, dass die harte Arbeit von Kerry Früchte tragen wird.

akzeptabel Auch in Jerusalem scheinen die Menschen wenig Vertrauen in die Fähigkeiten des amerikanischen Vermittlers zu haben: Schlomi Malul, Angestellter in einer Versicherung, glaubt, Kerry wolle sich unbedingt den Erfolg auf die Fahnen schreiben, sehe aber nicht wirklich die Menschen hinter seinen Bemühungen. Malul ist der Meinung, Israel solle sich auf keinen Fall darauf einlassen, sich aus dem Westjordanland zurückzuziehen. Das sieht er genauso wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der einen derartigen Schritt bislang vehement ablehnt.

Die Maariv-Umfrage bestätigt, dass 73 Prozent der Israelis nicht willens sind, die großen jüdischen Siedlungen zu räumen und die Armee aus dem Westjordanland abzuziehen. Auch Kerrys Vorschlag, anstelle des israelischen Militärs nach einem Abkommen eine Art amerikanischer Friedenstruppe in der Gegend zu stationieren, hält die Mehrheit für inakzeptabel.

Nicht so der Jerusalemer Student Michael Gatt. Zwar ist auch er nicht zuversichtlich, dass in naher Zukunft Frieden einkehrt. Er vertritt jedoch die Auffassung, Israel müsse sich sehr wohl aus allen besetzten Gebieten zurückziehen. »Nur dann kann man ernsthaft verhandeln. Wie soll es bitte funktionieren, wenn einer immer weiter das Land des anderen bebaut?«

Druck Die repräsentative Umfrage »Friedensindex« des israelischen Demokratieinstituts in Zusammenarbeit mit der Tel-Aviv-Universität zeigt, dass 51 Prozent glauben, Netanjahu könne dem Druck der USA standhalten; 43 Prozent indes sind überzeugt, er werde einknicken und letztendlich Kerrys Vorschlag akzeptieren, auch wenn er nicht »gut für Israel« sei.

Schlomo Ben-Chur findet gut, dass Amerika Druck auf beide Seiten ausübt. »Allein bekommen wir das einfach nicht hin, das hat die Vergangenheit ja immer wieder gezeigt.« Der Unternehmer aus Holon wünscht sich aus ganzem Herzen Frieden und ist überzeugt, dass es keine Alternative gibt. »Man kann nicht ständig im Krieg leben, das ist zerstörerisch und macht beide Seiten krank.« Ben-Chur weigert sich, Kerrys Bemühungen negativ zu sehen. »Wenn wir an nichts mehr glauben würden, könnten wir den Laden hier ja gleich dichtmachen. Irgendwann wird es Frieden geben, vielleicht jetzt, vielleicht später.«

Auch Maajan Cohen, Programmiererin in Tel Avivs Hightech-Branche, fürchtet, dass es langfristig für alle Seiten verheerend sein wird, wenn es nicht zu einem Friedensschluss kommt. Dennoch hält sie Kerrys Plan für wenig hilfreich. »Es muss von uns und den Palästinensern selbst kommen. Sonst hat es keinen Wert. Auch wenn jetzt ein Papier unterzeichnet wird, wird es bald wieder Terrorismus geben. Denn die Verständigung wäre nur aufgezwungen, aber nicht aus eigenem Willen entstanden – und das funktioniert niemals.«

Vertrauen »Wir dürfen kein Stück von Israel abgeben«, ist dagegen Chantal Levy aus Netanja sicher. »Nach dem Gaza-Abzug haben wir ja gesehen, wohin das führt. Nichts als Bomben und Terror. Wenn unsere Armee das Westjordanland verlässt, werden wir in Netanja wieder in die Luft fliegen.« Die Kindergärtnerin ist überzeugt, dass es nur Frieden geben kann, wenn »die Palästinenser endlich aufhören, Terror zu predigen«.

Mehr als die Hälfte der jüdischen Bürger (55 Prozent) hält es derzeit nicht für realistisch, Vertrauen zwischen Israelis und Palästinensern aufzubauen. Interessanterweise sehen das lediglich 25 der israelischen Araber so. 74 Prozent hingegen sind überzeugt, dass gegenseitiges Vertrauen sehr wohl möglich ist. Einer von ihnen ist Madjid Muhamad aus Jaffa. Der Kfz-Mechaniker hat genug von Misstrauen und Krieg. »Wir müssen lernen, miteinander zu leben. Frieden bringt Wohlstand und Glück. Alles andere geht nicht.«

Obwohl Schoschana Rahman die Worte ihres Landsmannes unterschreiben würde, ist sie ganz und gar pessimistisch. »Ich glaube denen da oben kein einziges Wort – weder unserer Regierung noch allen anderen«, wettert die Jüdin, die ebenfalls in Jaffa wohnt. »Die sind doch alle nur an sich selbst interessiert.« Dabei hätte Rahman eigentlich Grund zum Optimismus. Seit mehr als 30 Jahren ist sie mit einem moslemischen Araber verheiratet. Glücklich, wie sie betont.

Wenn es bei ihr zu Hause klappt, warum ist sie dennoch nicht zuversichtlich, dass Israelis und Palästinenser miteinander auskommen können? »Weil es nur funktioniert, wenn Liebe im Spiel ist. Sobald die Politik zur Tür hereinkommt, gibt es immer nur Krieg.«

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