Stell Dir vor, in Berlin fällt die Mauer und kaum ein relevantes Medium der Welt berichtet darüber. So in etwa läuft es gerade in Sachen Iran. Seit dem 28. Dezember läuft dort in inzwischen über 100 Städten ein klassischer Volksaufstand. Das Mullah-Regime könnte fallen.
Aber in Deutschland wollen vor allem ARD und ZDF nicht wirklich in die Berichterstattung einsteigen, in Großbritannien ziert sich die BBC. Und nicht weniger verwunderlich: Auch die Bundesregierung kommentiert nur dürr und spitz, was da gerade im Iran passiert.
Das könnte damit zu tun haben, dass Teilen des Westens – vor allem auf dem linken Spektrum – partout nicht in den Kram passt, dass ein Kronprinz namens Reza Pahlavi die womöglich interessanteste Integrationsfigur für ein Persien nach den Mullahs sein könnte. Ein Adeliger. Einer, der womöglich König eines monarchischen Iran werden könnte. Und vor allem: Der älteste Sohn des Schah von Persien, den die Mullahs 1979 aus dem Land getrieben haben.
Der Schah war für die deutsche Linke eine regelrechte Hassfigur. Am 2. Juni 1967 besuchte er Berlin. Linke Studentengruppen protestierten dagegen gewalttätig. Die Polizei antwortete ebenfalls mit Gewalt. Der Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras – sehr viel später als Stasi-Spitzel enttarnt – erschoss den Studenten Benno Ohnesorg.
Die Zeiten waren auch sonst unruhig. In der darauf folgenden Woche brach der Sechstagekrieg aus – Ägypten, Jordanien und Syrien überfielen Israel. Alles zusammen, der Studentenprotest, der Hass auf den Schah und der Sechstagekrieg, heizte die Stimmung an. Mit den Tupamaros gründete sich die erste »militante« linke Gruppe, aus der wenig später die Bewegung 2. Juni wurde.
Die Tupamaros legten eine Bombe am jüdischen Gemeindehaus in Berlin an der Fasanenstraße, die nicht hochging. Auch für den bis heute nicht aufgeklärten Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum an der Reichenbachstraße in München 1970 gelten die Tupamaros als eine der möglichen Tätergruppen. Dabei waren sieben Bewohner des angeschlossenen Altenheims ums Leben gekommen, unter ihnen Holocaust-Überlebende. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen vergangenes Jahr wieder aufgenommen.
Als dann 1979 der Schah gestürzt wurde und die Mullah-Islamisten unter Ayatollah Khomeini übernahmen, da war vor allem der radikale Teil der Linken im Westen und in Deutschland stramm auf Linie. Als gut galt, was als »antikolonialistisch« oder »antiimperialistisch« verbucht werden konnte. Das war für einen Großteil der Linken auch das Mullah-Regime, schon deshalb, weil es sich der Vernichtung Israels verschrieb.
Bis hinein in die Juso-Hochschulgruppe galt Israel als imperialistische Macht. Etliche ihrer Mitglieder machten später in der Bundesrepublik Karriere – etwa der heutige Bundespräsident und frühere Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD).
Immerhin hat die Linke zur Kenntnis genommen, dass der Protest im Iran ernst zu nehmen ist, und das nicht erst jetzt. Im Jahr 2022 war es schon einmal zu landesweitem Protest gekommen. Die Sittenpolizei hatte die Kurdin Jina Mahsa Amini eingekerkert, weil sie sie gegen das Hidschab-Gesetz verstoßen habe. Sie wurde geschlagen und vermutlich zu Tode geprügelt. Auch da stand Kronprinz Reza Pahlavi schon in den Startlöchern.
Die drei linken Autoren Dastan Jasim, Pedram Zarai und Ammar Goli versuchten sich daraufhin in einem Text der Rosa-Luxemburg-Stiftung an einer Argumentation, die Schah und Mullahs irgendwie gleichsetzen sollte: »Was Khomeini und Khamenei nämlich 1979 aufbauten, ist in seiner grundsätzlichen institutionellen Form lediglich eine Fortführung eines bestehenden Zentralismus und Autoritarismus in einem islamischen Gewand, das keineswegs in einem diametralen Verhältnis zu einer vermeintlich progressiven monarchistischen Vergangenheit steht.«
Das mochten deutsche Linksintellektuelle vor wenigen Jahren so sehen, aber das iranische Volk sieht es heute offensichtlich anders. Sie rufen »Javid Schah«. Auf den Massenaufmärschen zeigen sie Bilder des Kronprinzen. Seine Stimme, eingespielt übers Internet, ist aus Lautsprechern in iranischen Städten zu hören.
Sie hissen die Flagge mit dem persischen Löwen. Zugleich skandieren sie »Tod dem Diktator« oder »Tod Khamenei«. Das ist mitnichten irgendeine Fortführung von irgendwas, sondern antagonistisch – der maximale Gegensatz. Die Mullahs sollen weg, der Schah soll kommen: Dafür hat die Linke gerade keine Erklärung parat und mit ihr auch nicht die links geprägten Redaktionen.
Also ziehen sie vor, einstweilen zu schweigen.