Analyse

»Die Hamas hat sich verrechnet«

Amos Yadlin Foto: Flash 90

Inmitten festgefahrener Verhandlungen hat Israel seine Militäroperationen gegen die Hamas am frühen Dienstag wieder aufgenommen. Das Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, die Angriffe in Gaza seien auf das Versäumnis der Terrororganisation zurückzuführen, die Geiseln freizulassen.

Amos Yadlin, ehemaliger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes und früherer stellvertretender Kommandeur der israelischen Luftwaffe, ordnet das Geschehen ein. Er erklärt, dass sich Israel de facto noch immer im Kriegszustand mit sechs Fronten befinde. »Außer mit dem Libanon ist mit keiner der Seiten ein dauerhafter Waffenstillstand vereinbart worden.«

So sei es auch mit der Hamas in Gaza, und der Grund dafür sei das Nicht-Erreichen der Kriegsziele, also die Freilassung der Geiseln und die Zerstörung der Hamas-Herrschaft und ihrer militärischen Macht im Gazastreifen.

Lesen Sie auch

Es sei inakzeptabel für Israel gewesen, dass sich die Hamas während der 42 Tage des vorübergehenden Waffenstillstandes »ausgeruht und aufgerüstet, aber die Geiseln nicht freigegeben hat«, argumentiert er. »So begann Israel mit der Sperrung der Versorgung Gazas und startete dann einen überraschenden Militärangriff, durch den Erfolge erzielt wurden.« Es sei möglich, dass sich die Lage durch weitere Luftangriffe verschärft oder dass es neue Bodenoperationen gibt.

Amos Yadlin: »Israel hätte sich an das Abkommen halten sollen«

Als Hintergrund sei es wichtig zu verstehen, dass es keine Einigung über den gesamten Geiseldeal gab, hebt Yadlin hervor. Der Vorschlag der US-Regierung unter Präsident Joe Biden aus dem letzten Sommer sieht drei Phasen eines Waffenstillstandes und Geiselbefreiungsabkommens vor. Israel ließ sich nur auf Stufe eins ein. »Es ist kein Geheimnis, dass Israel diese Phase verletzt hat, indem es am 15. Tag nicht in Diskussionen über die zweite Phase eintrat, wie vereinbart, und auch den Philadelphia-Korridor nicht verließ«, gibt er zu bedenken.

»Und natürlich verletzte auch die Hamas den Deal, beispielsweise mit ihren zynischen Geisel-Zeremonien. Doch Legitimation ist wichtig bei derartigen Abkommen. Der Feind muss der Feind bleiben, den man verantwortlich macht.« Deshalb meint er: »Israel hätte sich an das Abkommen halten sollen.«

Darüber hinaus habe die Hamas die Lage nicht richtig eingeschätzt, ist er sicher. »Sie dachte, die Geiseln wären ein ausreichendes Druckmittel, um Israel hinzuhalten und den Waffenstillstand ohne Preis zu genießen und den Vorschlag von US-Vermittler Steve Witkoff abzulehnen. Mit seinem Angriff von heute sagte Israel klar: ‚Ihr habt euch verrechnet‘.«

Hamas könnte ihre Verhandlungsposition noch ändern

Nachdem die Verhandlungen in einer Sackgasse gelandet waren, habe die Hamas versucht, einen Keil zwischen Israel und die USA treiben zu können und ihre Fähigkeit überschätzt, Bedingungen gegenüber Israel durchzusetzen. »Doch wenn die Bedrohung durch Israel real ist, hat die Hamas schon mehrfach ihre Verhandlungsposition geändert. Das könnte auch jetzt wieder geschehen«, räumt er ein.  

Der Militärexperte meint allerdings auch, dass die Wiederaufnahme der Kämpfe nicht nur »eine Antwort an die Hamas« gewesen sei. »Jeder weiß, dass es auch mit internen Ereignissen in Israel zusammenhängt. Die Entlassung von Inlandsgeheimdienstchef Ronen Bar und die Tatsache, dass die Protestbewegung gegen die Regierung wieder an Dynamik gewinnt. Der Premierminister will mit dem Beginn der Kämpfe die Aufmerksamkeit auch von internen auf externe Ereignisse lenken.«

Gefahr für die Geiseln

Wie viele Israelis sorgt sich Yadlin, dass die Rückkehr zu den Kämpfen ein Risiko für die Geiseln darstellt. Die israelische Armee erklärte zwar, sie prüfe genau, wo die Angriffe stattfinden, »aber eine Garantie, dass unseren Geiseln dabei nichts passiert, ist es nicht«. Gleichsam müsse die Hamas verstehen, dass Israel es ernst meint und dass sie einen Waffenstillstand nicht kostenlos bekommt.

Amos Yadlin formulierte einen eigenen Vorschlag für die Beendigung des Geiseldramas und der Hamas-Herrschaft, den er der Regierung vorgelegt hat. »Ich sage, Israel soll Verhandlungen darüber führen, alle Geiseln auf einmal zurückzuholen und den Krieg im Gegenzug zu beenden. Und als Voraussetzung für diese Gespräche muss Hamas dem Roten Kreuz Zugang zu den Geiseln ermöglichen.«

»Wenn die Hamas den Gazastreifen in diesem Rahmen nicht verlässt oder nicht entwaffnet ist, dann wird der Waffenstillstand wieder beendet. Denn es ist klar, dass es keine Terrororganisation an der Grenze Israels geben darf, die bis an die Zähne bewaffnet ist. Ohne Geiseln hat Israel übrigens viel bessere Möglichkeiten, die Hamas ein für allemal auszuschalten«, so der Ex-Militär.

Yadlin hält sogar einen politischen Wandel in Gaza und dadurch das Ende der Hamas für möglich. »Das Ansehen der Terrororganisation bei der Bevölkerung in Gaza ist stark gesunken. Sie sehen, was Hamas ihnen zugefügt hat. Gäbe es dort heute Wahlen, ich bin sicher, dass sie in der Minderheit wären.«

Seiner Meinung nach müsse mit der Trump-Regierung in den USA ein Abkommen ausgehandelt werden, ähnlich dem für den Libanon, dass die Bedingungen festzurrt, was geschieht, wenn die Hamas beim Ende des Krieges nicht verschwindet.

Er ist überzeugt: »Ein dauerhafter Waffenstillstand bedeutet nicht das Ende der Möglichkeiten. Israel kann jederzeit wieder gegen die Hamas in den Krieg ziehen. Ich betone noch einmal: Ein verantwortungsvoller israelischer Führer würde alle Geiseln nach Hause holen und einen dauerhaften Waffenstillstand eingehen.«

Nahost

Bennett sieht Angriffe auf Emirate als Kriegserklärung Irans

Der israelische Oppositionspolitiker Bennett bewertet die Angriffe des Iran auf die Emirate als Wiederaufnahme des Kriegs. Die Anweisungen des Zivilschutzes in Israel bleiben vorerst unverändert

 04.05.2026

Kommentar

Wenn das kein Antisemitismus ist, was dann?

Ein Mann wollte in Zürich eine Synagoge in Brand stecken. Der Täter gestand die Attacke. Er kam vor Gericht. Nun wurde er freigesprochen

von Nicole Dreyfus  04.05.2026

Wirtschaft

Wenn Stärke teuer wird

Die israelische Währung ist gegenüber dem Dollar so viel wert wie seit 30 Jahren nicht mehr – mit misslichen Folgen für die Start-up- und Hightech-Branche

von Sabine Brandes  04.05.2026

Belu-Simion Fainaru

»Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache«

Der israelische Bildhauer über den Rücktritt der Jury und die Politisierung der Kunstbiennale von Venedig

von Ayala Goldmann  04.05.2026

Gesetz

Balanceakt oder Begnadigung?

Die Generalstaatsanwältin signalisiert Gesprächsbereitschaft für eine Einigung im Prozess von Premier Netanjahu

von Sabine Brandes  04.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  04.05.2026

Wahlkampf

Neues Bündnis im Anti-Netanjahu-Lager: Eisenkot und Liberman prüfen gemeinsame Liste

Ein Problem der Zusammenarbeit zeichnet sich bereits ab: Liberman hat signalisiert, selbst Premierminister werden zu wollen. Eisenkot will aber auch keine Rolle als Nummer zwei akzeptieren

 04.05.2026

Tel Aviv

Anklage gegen vier Palästinenser wegen geplanter Anschläge in Israel

Die Vorwürfe: Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Rekrutierungsversuche sowie die Vorbereitung eines Anschlags mit tödlicher Absicht

 04.05.2026

Jerusalem

Herzog reist nach Mittelamerika

Erstmals besucht ein israelisches Staatsoberhaupt Panama. Auch Costa Rica steht auf dem Reiseplan

 04.05.2026