Engagement

Die Freiwilligen-Nation

Israel ist weltweit bekannt als Start-up-Nation. Nach dem 7. Oktober wäre ein neuer Titel angemessen: Israel, die Freiwilligen-Nation. Bei den Protesten gegen die Justizreform nannte die Regierung sie »Anarchisten«, jetzt versorgen die Demonstranten von gestern das geschundene Land. Die ehemalige Protestorganisation »Achim La’Neschek«, die Waffenbrüder, hat sich umbenannt. Sie heißen jetzt »Brothers and Sisters for Israel«, Brüder und Schwestern für Israel – und machen ihrem Namen alle Ehre.

»Wir füllen das Vakuum, das die Regierung hinterlassen hat«, so Gili Brenner, Sprecherin der Gruppe, die, wie die meisten hier, ein olivgrünes T-Shirt trägt. Wie groß das Vakuum ist? »Schau dich um und sieh selbst«, sagt sie und zeigt auf Hunderte Freiwillige hinter Computerbildschirmen und an Mobiltelefonen, die in den Büroräumen des Messegeländes von Tel Aviv frenetisch auf Tastaturen tippen. Es ist ein Hauptquartier des Helfens.

Und das seit dem 8. Oktober. »Wir waren sehr aktiv bei den Demonstrationen. Aber über Nacht haben wir uns umorientiert und die Rolle einer zivilen Hilfsorganisation übernommen«, sagt Brenner. »Wir alle nutzen unsere Netzwerke, Infrastrukturen und guten Willen sowie technisches und militärisches Know-how, um sofort dort aktiv zu werden, wo es nötig ist.« Und das ist praktisch überall, nachdem die Terroristen der Hamas Israel überfallen hatten.

»Wir füllen das Vakuum, das die Regierung hinterlassen hat«, sagt eine Sprecherin.

FRONT »Doch wir sind nicht nur hier, im Büro. Wir waren an der Front, haben Leute noch am Samstag aus ihren Häusern im Süden herausgeholt und den Soldaten in den ersten Tagen mit Ausrüstung geholfen.« Die Brüder und Schwestern haben sich mit anderen Gruppierungen zusammengetan, unter anderem der Start-up-Nation für Demokratie und der Frauengruppe Bonot Alternativa.

Es gehe nicht darum, die Regierung zu ersetzen, sondern dort einzugreifen, wo keine staatliche Hilfe kam oder noch immer nicht kommt, wie Brenner betont. Zum Beispiel organisierten sie die Schiwa für Angehörige, nachdem sie ihre Toten begraben mussten. »Viele konnten in ihrem Schock gar nicht agieren. Also lieferten wir den Familien Pakete mit Essen und Trinken, aber auch Dinge wie Stühle und Kerzen. Viele von ihnen haben alles verloren.«

Jeden Tag helfen, retten, fahren, organisieren, sammeln oder verteilen 15.000 Freiwillige von morgens bis spätabends und manchmal auch in der Nacht, um die Nation am Laufen zu halten. Tausende freiwillige Helfer sind nicht nur in Tel Aviv unterwegs, sondern auch direkt im Süden und am Toten Meer. Und sie kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. »Kinder bringen anderen Kindern eine Tüte Bonbons. Große Firmen helfen mit Paketen« – wie das Unternehmen Osem, das unzählige Bamba-Snacks für die Geflüchteten spendete.

REGENERIERUNG »Wir sprechen hier über eine nationale Krise mit mehr als 150.000 Menschen, die in ihrem eigenen Land vertrieben sind und Unterstützung brauchen.« Nach den ersten Wochen der Soforthilfe wolle man sich demnächst auf die Regenerierung der betroffenen Gemeinden konzentrieren.

Was hier geschehe, sei einzig und allein der Zivilgesellschaft zu verdanken, sagt die Sprecherin der Organisation. »Es ist auch, was uns vereint. Es helfen Säkulare, Religiöse, rechts- und linksorientierte Menschen – einfach alle. Es gibt jetzt keine Differenzen, keine Politik. Wir hoffen sehr, dass dieses Momentum bestehen bleibt«, so Brenner. »Denn wir sind das Gegenteil der Dunkelheit, die Hamas bringt. Wir sind das Licht.«

Einige Hundert Meter weiter befindet sich das Logistikzentrum, untergebracht in einer riesigen Parkgarage der Messe. Alles ist voller Kistenstapel, Abertausende müssen es sein, in Gassen angeordnet. Darüber hängen Schilder in Hebräisch: »Soldaten«, »Kinder«, »Möbel«. Geschäftige Menschen huschen hin und her, bringen Dinge von A nach B, ganz so, als wären sie in einer Fabrik beschäftigt.

Hunderte tragen Pakete, sitzen an Laptops. Es ist das Hauptquartier der Hilfe.

Die Helfer bekommen keinen Schekel. Sie sortieren, packen und stapeln dennoch pausenlos alle Spenden, die ankommen, und bereiten sie zur Weiterleitung vor. Hier räumt eine junge Frau mit Piercings im Gesicht Spielzeug für die Kinder der Geflüchteten in Kisten, dort schleppt eine Gruppe junger Männer mit gehäkelten Kippot Pakete.

Einer von ihnen ist Modi Amar aus einer Siedlung im Westjordanland. Anfangs war er überrascht: »Ich hätte nie gedacht, dass es so groß ist.« Obwohl die Protestorganisationen politisch gar nicht auf seiner Wellenlänge liegen, hilft Amar gern. »Es ist beeindruckend, was sie auf die Beine stellen. Hier hat Politik nichts zu suchen, und ich fühle, dass wir wirklich Brüder sind.« Lior Kushmaro pflichtet ihm bei. Die Firma, für die er arbeitet, TeleMessage in Petach Tikwa, schickt Angestellte, die nicht in der Armee dienen, zum Helfen. »Es macht mich stolz, auf diese Weise etwas für die Armee und das israelische Volk tun zu können.«

Eyal Naveh ist einer der Leiter der »Waffenbrüder«. Er sagt: »15.000 Freiwillige – ich glaube nicht, dass es das schon einmal gegeben hat.« Es habe sich für ihn sofort richtig angefühlt, in dem Moment »den Gang zu wechseln«, als das Land angegriffen wurde: »Neun Monate lang haben wir für unser Land gekämpft, bevor das alles passierte. Das Natürlichste ist es jetzt, wieder dasselbe zu tun: weiter für unser Land zu kämpfen.«

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