Tel Aviv

»Die charmanteste Straße der Stadt«

Ein Mix aus westlichen und östlichen Elementen: Einwanderer vor und nach der Staatsgründung haben ihre Spuren im Straßenbild hinterlassen. Foto: Sabine Brandes

Für manche ist es ein Mischmasch aus Stilen, für andere die schönste Architektur der Welt. Hier geschwungene Tore aus Tausendundeinernacht, daneben ein Kachelofen, wie er in einem russischen Schtetl hätte stehen können. Tee und Kuchen werden auf der schattigen Terrasse unter einer Girlande aus östlichen Lotusblüten serviert. All das ist in der Hausnummer 22 zu finden. Nebenan lädt das Bauhaus‐Museum ein, die kühle Moderne zu entdecken, die deutsche Architekten nach Nahost importierten. Gegenüber liegt die historische Stadtverwaltung im Art‐Déco‐Design, heute Museum der Stadt. In der kleinen Rechov Bialik im Herzen von Tel Aviv findet sich Eklektizismus pur. Ein Spaziergang durch die Straße lädt ein, die Geschichte von Stadt und Land von seiner malerischen Seitee kennenzulernen.

Weltkulturerbe Der Bialik‐Komplex mit seinen restaurierten Gebäuden ist von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden. Die Stadtverwaltung hat in den vergangenen Jahren viel investiert, um der Straße zu neuem Glanz zu verhelfen. Mit Erfolg, wie Tel‐Aviv‐Reiseleiter Or Rein findet. »Der Rothschild‐Boulevard ist unsere Champs Elysees, aber die Bialik ohne Frage die charmanteste Straße der ganzen Stadt.« Fünf Museen gibt es, die Besuchern die alten Zeiten auf verschiedene Art vermitteln: das Bialik‐Haus, Beit Ha’Ir, das Museum für Bauhaus, eröffnet von Philanthrop Ron Lauder, ein Weiteres im Musik‐ zentrum, sowie Beit Rubin, das dem Maler Reuven Rubin gewidmet ist.

Das Haus mit der 22 an der Eingangstür hatte einen berühmten Bewohner. Kein Geringerer als der Nationalpoet Chaim Nachman Bialik ließ sich in diesem Gebäude nieder als er 1924 nach Israel kam und lebte hier bis zu seinem Tod im Jahre 1934. Von Architekt Joseph Minor geplant, wurde es im Stile eines kleinen nahöstlichen Palastes samt Türmchen erbaut. Schon beim Eintreten erkennt der Besucher, dass Bialik, der übrigens bei der Gestaltung voll involviert war, den Kontrast nicht scheute. Von der roten Eingangshalle geht es zunächst in den blauen Raum, ein Rausch der Farben aus bunten Kacheln, Bodenfliesen und Bildern. Im gediegenen grünen Saal hielt der Dichter seine beliebten Diskussionen ab – Ende stets offen.

Kamele Der Mix aus westlichen und östlichen Elementen verträgt sich ausgesprochen gut, meint Ayelet Bitan Schlonsky, leitende Kuratorin des Bialik‐Hauses, das pro Jahr um die 60.000 Besucher sehen möchten. »Denn er zeigt, was hier zu dieser Zeit tatsächlich war.« Die Einwanderer aus Osteuropa seien zur Zeit der osmanischen Herrscher ins Land gekommen. »Da haben sie Sand, Kamele und orientalischen Stil vorgefunden. Die westliche Kultur Europas existierte zwar nicht mehr wirklich, lebte aber in ihrer Erinnerung nach wie vor. Bialik war es wichtig, diesen Zusammenhang zu zeigen.«

Draußen geht es farbig weiter. Nebenan leuchtet das Felicja‐Blumental‐Musikzentrum in sattem Orange mit den Sonnenstrahlen um die Wette und bildet mit dem Haus des Poeten sowie der einstigen Stadtverwaltung den Bialik‐Platz, in dessen Mitte ein Seerosenteich liegt. Ein Päuschen ist hier ein Muss. Die historische Stadtverwaltung war einst der wichtigste Ort Tel Avivs. Hier saß der Bürgermeister Nummer eins, Meir Dizengoff, jahrelang und lenkte die Geschicke der schnell wachsenden Metropole. Erst im Januar dieses Jahres eröffnete das Museum Beit Ha’Ir, das Haus der Stadt, in diesem Gebäude seine Pforten. Es zeigt die Geschichte der ersten jüdischen Stadt auf außergewöhnliche Weise.

erinnerung Vor der Eröffnung waren die Einwohner aufgerufen, ihre persönlichen Fotos und Geschichten zu bringen. »Wir wollten eine kollektive Erinnerung bauen, hinter der keine Macht des Geldes oder der Regierung steht, sondern die Macht der Leute«, erläutert Bitan Schlonsky, während sie auf die Bilder von ganz normalen Menschen in Badehosen, vor dem neuen Auto oder beim Laubhüttenfest zeigt. 100 Jahre Tel Aviv werden im Beit Ha’Ir anhand von Familienfotos gefeiert. 24.000 Bilder und Geschichten sind in den Computern im Untergeschoss gespeichert, zum Anschauen und Anhören für jeden Besucher mit Zeit im Gepäck. Beweise dafür, dass auch der große Dizengoff ein normaler Mensch war, finden sich in der Schreibtischschublade seiner Amtsstube. Zwei Strafzettel belegen, dass man ihn erwischte, wie er zu schnell den Rothschild‐Boulevard hinunterraste – auf einem Pferd. An einem anderen Tag schrieb ihn ein aufmerksamer Schutzmann beim Nacktbaden am Strand auf. Er möge doch bitte die Gesetze, die er selbst gemacht hat, auch beachten, ließ ihn daraufhin der Polizeichef wissen.

tagtraum Die Bialik ist nicht groß und ein eher verstecktes Juwel, etwas abseits der lauten Allenby. In den Museen kann man leicht einen ganzen Tag lang verbringen. Gleichzeitig strahlt die entzückende Straße eine solche Ruhe aus, wie sie im Trubel von Tel Aviv heute die Ausnahme ist. »Es gibt wohl kaum einen Touristen in der Stadt, der sie bei seinem Besuch nicht mindestens einmal hinunterläuft«, ist Etti Gargir, Leiterin der Touristenvereinigung, sicher. »Und das hat sie völlig verdient.«

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