Digital

Die Bitcoin-Botschafter

Bitcoin-Nutzer bleiben gerne anonym. Foto: Sabine Brandes

Es begann mit einem Witz. Eines Tages vor etwa drei Jahren hing der Architekt Ayal Segev »aus einer Laune heraus« das Schild »Bitcoin-Botschaft« an sein Tel Aviver Büro. Mit der Reaktion hatte der Nutzer der virtuellen Währung im Internet allerdings nicht gerechnet. »Auf einmal kamen immer mehr Leute herein. An manchen Tagen hingen hier 20 und mehr herum. Ich musste schließlich den Platz räumen«, erinnert er sich schmunzelnd. Segev suchte sich ein neues Büro, und heute ist in der Achusat-Bait-Straße Nummer eins die erste Bitcoin-Botschaft Israels untergebracht.

Hier treffen sich die Enthusiasten, meist junge Männer in Jeans, Sweatshirt und Sneakers, und reden über Bitcoins. Vielleicht ist es nicht für jeden nachvollziehbar, wie man sich von einer Währung – noch dazu einer virtuellen – zu leidenschaftlichen Ausbrüchen hinreißen lassen kann. Doch an jedem Sonntagabend um 19 Uhr, wenn die Bitcoin-Botschafter und Interessierte zusammenkommen, geht es hoch her.

»Denn Geld ist eben nicht nur Währung, sondern ein ganzes Werte- und Glaubenssystem«, meint Segev. »Es ist bedeutsam und fragil, auch weil es viele Irrtümer gibt, die mit Geld zusammenhängen.« Während Länder und Großunternehmen das Geld kontrollierten, gehöre die digitale Währung niemandem. »Bitcoin ist eine Revolution im Bewusstsein.«

Gerechtigkeit Bitcoin ist heute längst nicht mehr die einzige Kryptowährung im Internet. Neben der ältesten gibt es rund 100 andere. Für den Nutzer Assaf geht es dabei auch um soziale Gerechtigkeit. »Es herrscht eine unglaubliche Ungleichheit auf der Welt in Sachen Geld. Weil wir alle verrückt danach sind, wird mehr und mehr gedruckt und vergeben. Es ist nicht mehr an die Goldreserven gebunden, und dadurch sind immer mehr Menschen hoch verschuldet. Genau das ist bei Bitcoin nicht möglich«, argumentiert Assaf. »Es wurde so entwickelt, dass es niemals mehr als 21 Millionen geben wird. Derzeit sind rund 14 Millionen im Umlauf, kommen noch sieben hinzu, ist Schluss.«

Erfunden wurde Bitcoin 2009 von Satoshi Nakamoto. Doch Insider sind sicher, dass es sich hierbei lediglich um ein Pseudonym handelt. Wer genau dahinter steckt, ist bis heute ein Mysterium. Bei der Verwaltung des Zahlungsmittels gibt es keine zentrale Autorität wie Banken. Auch muss weder Name noch Adresse beim Erwerb angegeben werden.

In Umlauf gebracht werden die Bitcoins von sogenannten Miners durch eine spezielle Software und elektronische Ausrüstung. Mittlerweile sind Miners meist große Firmen. Dass dadurch doch Missbrauch entstehen kann, glauben die Botschafter nicht. »Denn Bitcoin ist so entwickelt, dass im Falle eines Missbrauchs die User das ganze System zusammenbrechen lassen können«, ist Assaf überzeugt.

umrechnungskurs Die Bitcoin-Gemeinde in Israel gilt als eine der aktivsten weltweit. Während eine Gruppe von Enthusiasten draußen vor der Botschaft steht und unter dem rot leuchtenden Schild mit dem Umrechnungskurs von Bitcoin zu Schekel diskutiert, schauen sich andere im Innenraum einen Hollywood-Film über den Crash an der Wall Street an.

Auf einem Regal an der Wand steht ein schlichter weißer Automat, an dem man für Geldscheine aus Papier digitale Bitcoins gutgeschrieben bekommt. Sarah Wiesner steckt einen Schein in den Schlitz. »Ich mag keine Banken, habe Angst vor Korruption, und wenn ich an die Verschuldung in der Welt denke, wird mir ganz schlecht. Deshalb benutze ich Bitcoins, wo es nur geht. Auch, um eine gerechtere Welt zu schaffen.«

Dass man damit auch harte Drogen oder kriminelle Dienste in der anonymen Parallelwelt des Internets, dem sogenannten Darknet, kaufen kann, stört die Aktivisten wenig. Im Gegenteil, meint Assaf: »Dass der herkömmliche Krieg gegen den organisierten Drogenhandel gescheitert ist, ist kein Geheimnis mehr. Vielleicht gelingt es ja so, die Drogenbosse auszuschalten.«

idealismus Doch das Bezahlen mit Bitcoins ist nicht nur Ideologie und Idealismus. Für einige geht es dabei auch um profane Dinge wie das Sparen von Gebühren. »Ich habe mir neulich so auf der Webseite Expedia ein Hotel gebucht«, erzählt Assaf. »Ganz normal wie mit einer Kreditkarte. Allerdings ohne die lästigen drei Prozent obendrauf. Das ist klasse.« Die Vorteile liegen für die Nutzer auf der Hand: Es fallen weder Umrechnungskosten von Fremdwährungen noch Kreditkartengebühren an. Außerdem ist bei einer Buchung oder dem Kauf von Dingen nicht nachvollziehbar, wer gekauft hat – die Transaktion ist anonym.

Trotz der offensichtlichen Vorzüge wird es sicher noch dauern, bis Bitcoin und Co. Mainstream werden. Heute sind es vor allem Computerprogrammierer, Insider und Technikfreaks, die statt zu herkömmlichen Zahlungsmitteln zu den digitalen Dollars greifen. Obwohl Ayal, Assaf, Sarah und die anderen sicher sind, dass Bitcoin die Währung der Zukunft ist, haben sie ganz normale Bankkonten und Geldbörsen voller Münzen in der Tasche. »Weil wir«, wie Sarah lakonisch bemerkt, »schließlich in der realen Welt leben.«

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