Ich traf Shachar Tzuk, eine Frau, die zur israelischen LGBTQ+-Gemeinde gehört, zum ersten Mal einige Wochen nach dem 7. Oktober. Damals erzählte sie mir von den verzweifelten Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe ihrer Heimatgemeinde Kfar Aza, die von Menschen während des Massakers geschrieben wurden. Einige Monate darauf besuchte ich sie in einem Hotel in Tel Aviv, wo sie als Geflüchtete im eigenen Land lebte. Am 6. Oktober sprach ich mit ihr darüber, wie es ihr heute geht, drei Jahre nach dem verheerenden Anschlag der Terrororganisation.
Shachar, wie fühlst du dich?
Nicht besonders gut, ich habe schlecht geschlafen und hatte ziemlich viele Alpträume letzte Nacht. Es ist diese Zeit im Jahr, in der alles wieder hochkommt. Natürlich ist der 7. Oktober besonders schwer.
Du kommst aus dem Kibbuz Kfar Aza. Wie hast du den 7. Oktober vor drei Jahren überlebt?
Als die Terroristen unseren Kibbuz überrannten, Familienangehörige, Freunde und Bekannte ermordeten und Geiseln nahmen, war ich mit meiner damaligen Frau, meinen Eltern und meinem Bruder und seiner Frau zu einem Wochenendausflug in einem anderen Kibbuz. Die Eltern meiner Schwägerin waren zu Hause geblieben und wurden von Terroristen getötet. Als der Anruf kam, hat meine Schwägerin nur noch geschrien. Ich selbst war dann pausenlos über eine Whatsapp-Gruppe mit Menschen in Kontakt, die in ihren Schutzräumen waren, während draußen die Terroristen mordeten und Häuser der Gemeinde in Brand steckten. Ich sprach ihnen Mut zu und weinte mit ihnen. Ich wusste schon damals, dass sie auch mich ermordet hätten, wäre ich zu Hause gewesen. Vor meinem Haus in Kfar Aza wehte eine Regenbogenfarbe der LGBTQ+-Gemeinde.
Vor nicht allzu langer Zeit musstest du alle diese traumatischen Nachrichten noch einmal durchlesen. Warum?
Weil ich eine Anerkennung meiner Ansprüche erreichen wollte und vor Gericht gezogen bin. Wir haben den Staat verklagt und rund 900 Seiten mit Screenshots eingereicht. In den Nachrichten von diesem verfluchten Tag sieht man Menschen, die um ihr Leben flehen – »Bitte helft uns!« – und sterben. Sie verschwinden langsam aus der Gruppe. Als ich die Nachrichten damals live verfolgte, kannte ich nicht alle Nummern, aber als ich sie nun wieder las, wusste ich, wer die Leute waren und auch, was mit ihnen geschehen ist. Das hat mir ganz und gar das Herz zerrissen.
Und trotzdem musstest du selbst lange darum kämpfen, überhaupt als Überlebende anerkannt zu werden.
Ja. Ich bin zwar inzwischen anerkannt, aber der Prozess war lang und schwierig. Und ich kenne Angehörige von Ermordeten, die den Horror live auf Facebook mitverfolgt haben. Und auch sie sind oft nicht anerkannt, obwohl sie direkt betroffen sind.
Was hat das mit dir gemacht?
Es war sehr unfair. Und es war unglaublich schwer, diese Nachrichten noch einmal zu sehen. Der Konflikt zwischen den mutigen Menschen, die gekommen sind, um zu helfen, und dem Gefühl, dass der Staat und die Bürokratie uns im Stich gelassen haben, war in diesen Nachrichten sehr deutlich. Auch vom Militär haben wir auf einige unserer Fragen bis heute keine klaren Antworten.
Nach dem 7. Oktober hast du anderthalb Jahre in einem Hotel gelebt. Wann konntest du dort ausziehen?
Anfang Mai 2025. Es war viel zu lange.
Wo wohnst du jetzt?
Ich lebe im Kibbuz Ruhama, der uns aus Kfar Aza Geflüchtete vorübergehend aufgenommen hat. Er liegt auch im Süden Israels. Dort gibt es verschiedene Wohnbereiche für uns. Ich merke den Unterschied zwischen einem eigenen Zuhause und dem Leben im Hotel bei den banalsten Dingen wie dem Akkustand meines Handys oder daran, dass ich meine Medikamente nehmen kann, ohne ständig alles bei mir haben zu müssen.
Du hast also wieder etwas mehr Normalität?
Ja. Aber es gibt weiterhin Unsicherheit. Meine Familie ist inzwischen wieder nach Kfar Aza zurückgekehrt. Ich habe mich entschieden, noch ein weiteres Jahr in Ruhama zu bleiben, auch wegen einer Verletzung an meinem Bein. Kfar Aza ist derzeit eine riesige Baustelle, und ich wollte nicht mit einem Stock dadurch laufen müssen.
Aber auch dein jetziges Zuhause ist nicht ganz sicher. Wieso?
Nein, ist es nicht. Es gibt die Angst, dass die Regierung die Mittel wieder streicht oder Geld umleitet. Ich hoffe sehr, dass sie ihr Versprechen hält und ich noch ein weiteres Jahr hierbleiben kann.
Deine Ex-Frau hatte dich wenige Tage nach dem 7. Oktober verlassen, weil sie, wie du sagtest, »den ganzen Horror nicht aushielt«. Aber jetzt gibt es schöne Nachrichten: Du bist verlobt.
Das stimmt. Aber es war eine Menge Arbeit, überhaupt an einen Punkt zu kommen, an dem ich mich auf eine neue Beziehung einlassen konnte. Ich bin meinem gesamten Team aus Psychologen und Psychiatern sehr dankbar, dass sie mir dabei geholfen haben. Meine Verlobte heißt Tirtzha. Sie war nicht direkt vom 7. Oktober betroffen, aber hat sich entschieden, Teil dieser Gemeinschaft zu sein und mit einem Menschen zusammenzuleben, der betroffen war. Das hat jeden Tag Auswirkungen, und ich nehme das nicht als selbstverständlich hin.
Tirtzha engagiert sich inzwischen selbst in Kfar Aza?
Ja, sie engagiert sich ehrenamtlich in der Gemeinschaft und koordiniert als Rettungssanitäterin das neue medizinische Notfallteam. Sie übernimmt auch den Teil von uns als Paar, der aktiv in der Gemeinschaft ist. Ich bin eher zurückhaltend und neige dazu, mich zu isolieren und nicht rauszugehen, es sei denn, es ist unbedingt nötig für die Arbeit oder Dinge, die Teil meiner Rehabilitation sind. Denn die Realität ist schließlich immer noch ziemlich chaotisch. Wir merken in Ruhama die Schockwellen aus Gaza. Wir hören die Bomben und spüren, wie die Fenster vibrieren.
Das muss für jemanden mit posttraumatischer Belastungsstörung extrem schwierig sein.
Ja. Es hält den Kopf in einem Kriegszustand. Man muss immer ein bisschen auf der Hut sein. Manchmal ist das nicht zu bewältigen.
Was hilft dir in solchen Momenten?
Ich versuche, es nicht an anderen auszulassen. Aber dadurch internalisiere ich alles und habe dann Angst, die Kontrolle zu verlieren, jemanden anzuschreien oder jemandem wehzutun. Deshalb vermeide ich manchmal auch, ins Büro zu gehen. Mein Arbeitgeber ist dabei allerdings unglaublich verständnisvoll. Sie akzeptieren die verschiedenen Phasen meiner PTBS und sind sehr flexibel mit mir.
Wie behandelst du deine PTBS?
Ich nehme an verschiedenen Gruppen teil, die sich mit Menschen beschäftigen, die vom 7. Oktober betroffen sind. Ich schreibe auch, arbeite an einem Gedichtband und an einem Manuskript. Ich habe eine Geschichte über eine Person geschrieben, die mit PTBS lebt. Schreiben hilft mir, meine Gefühle auszudrücken, sie aus mir herauszubekommen und mich ein Stück weit davon zu lösen. Seit Mai bin ich auch in einer Gruppe von Musikern mit der Belastungsstörung. Ich spiele E-Bass. Das hilft mir auf zwei Arten: Musik ist therapeutisch. Die anderen haben ebenfalls PTBS, also muss ich dort nicht so tun, als wäre ich eine normale Person. Ich muss keine Maske tragen.
Du engagierst dich auch selbst in einer Organisation für Menschen mit PTBS.
Ja, im »Helem Club«. Jeder ist dort willkommen, unabhängig davon, wodurch die PTBS ausgelöst wurde. Wir haben Schreibgruppen und Gesprächsrunden zu verschiedenen Themen. Ich war zum Beispiel Gast bei Veranstaltungen darüber, wie man mit PTBS am Arbeitsplatz umgeht oder wie sich die Krankheit auf andere Menschen auswirkt. Der Club ist großartig, weil man dort eine Perspektive erhält, wie man damit leben und trotz der Schwierigkeiten eine gute Lebensqualität haben kann.
Gibt es bestimmte Dinge, die dich sagen lassen: Es geht mir besser?
Auf jeden Fall. Ich habe wieder ein Zuhause, auch wenn es noch kein endgültig stabiles Heim ist. Ich habe Arbeit, meine Musik, ich schreibe. Und ich habe Tirtzha. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass ich jemals wieder die innere Ruhe haben werde, ein Zuhause zu besitzen, von dem ich keine Angst haben muss, dass es mir weggenommen wird.
Was gibt dir trotzdem Hoffnung?
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass alle Geiseln wieder zu Hause sind. Viele Monate lang war die Wohnung in Ruhama über mir für Geiseln reserviert. Sie stand leer, weil jemand entführt worden war. Das war eine ständige Erinnerung daran, dass sie noch in Gaza festgehalten wurden. Die gesamte Gemeinschaft von Kfar Aza stand still, wir konnten erst anfangen zu heilen, als die letzte Person nach Hause gebracht wurde – die Lebenden und die Toten.
Als ich dich früher traf, hattest du immer diesen großen, schweren Rucksack dabei, in dem du deine Ausweispapiere, Geld in verschiedenen Währungen, Medikamente und persönliche Gegenstände permanent dabeihattest. Du nanntest ihn deine »Fluchttasche«. Trägst du die noch immer ständig mit dir?
Ja, die Angst steckt immer noch im Rucksack. Er ist permanent bei mir und heißt weiter »Fluchttasche«. Weil die Sorge wirklich immer da ist, dass ich, sobald ich mein Zuhause verlasse, vielleicht nicht mehr zurückkommen kann. Ich versuche, mit einer psychologischen Übung dagegen anzugehen. Manchmal gehe ich ohne meine Tasche raus, für eine halbe oder eine Stunde. Zwei Stunden waren einmal das Maximum. Manchmal funktioniert es gut und manchmal leider überhaupt nicht.
Das Gespräch führte Sabine Brandes.
