Golan: Ein Ortsbesuch

Der Sound des Nordens

Raketen und Drohnen der Hisbollah lösen auf dem Golan immer wieder schwere Brände aus – so auch am 16. Mai. Foto: Flash 90

Selbst fünf Minuten Stille irritieren einen augenblicklich. Sobald das Dröhnen der Düsentriebwerke eines Kampfjets für einen kurzen Moment aussetzt, wird man hellhörig. Denn genau dieses ist so etwas wie zur Dauergeräuschkulisse auf den Golanhöhen geworden, und zwar seit dem 7. Oktober 2023.

Rund um die Uhr sind Flugzeuge, aber auch Helikopter und Drohnen zu vernehmen, die den Luftraum über dem Hochplateau vulkanischen Ursprungs im Nordosten Israels überwachen. Und dann sind da noch die Explosionen, irgendwo in der Ferne. Mehrmals am Tag erinnern sie einen daran, dass nicht weit von hier ein unerklärter Krieg herrscht. Doch auch das wird für Besucher auf dem Golan ganz schnell zur Routine.

Schließlich sind es von Katzrin, der mit knapp 8000 Einwohnern immerhin größten jüdischen Ortschaft auf dem Golan, wo ich für einige Tage wohne, bis zur Grenzregion in Obergaliläa keine 30 Kilometer. Immer wieder werden dort die Kibbuzim und Moschawim von der schiitischen Terrormiliz Hisbollah ins Visier genommen. Dennoch herrschte im südlichen Golan, im Vergleich zu der Gegend entlang der libanesischen Grenze, weitestgehend Ruhe, zumindest bis Ende Mai.

Die Parkranger wundern sich über jeden Besucher, der überhaupt den Weg dorthin findet.

Evakuierungen wie anderswo fanden hier kaum statt. So gab es nur wenige Male Raketenalarm, so auch in der Nacht vom 13. auf den 14. April, als der Iran mit mehreren Hundert Raketen und Kamikazedrohnen Israel angegriffen hatte. Katzrin verzeichnete dabei einen Treffer, wobei aber nur geringer Sachschaden entstand.

Trotzdem ist nichts mehr so wie vor dem 7. Oktober. In normalen Zeiten ist der Golan ein beliebtes Ausflugsziel für Israelis, gerade im Frühling, wenn alles erblüht und die Nationalparks mit ihren faszinierenden Gesteinsformationen und Bachläufen zum Trekkingabenteuer einladen. Doch außer mir und meinen zwei Freunden, mit denen ich unterwegs bin, lässt sich im Moment kaum jemand dort blicken.

Gamla, das »Masada des Nordens«

In Gamla, dem »Masada des Nordens«, wo vor knapp 2000 Jahren jüdische Rebellen gegen die verhassten Römer gekämpft hatten, weshalb die Ruinen auf dem Bergrücken, der aussieht wie ein Kamelhöcker, eigentlich zum Pflichtprogramm bei Schulausflügen gehören, herrscht gähnende Leere. Die Parkranger wundern sich über jeden Besucher, der überhaupt den Weg dorthin findet, fragen uns, woher wir kommen.

Wer beispielsweise im Nahal El Al, unweit des Moschaws Avnei Eitan, die wunderschönen Wasserfälle erkundet, kann dies in ungewohnter Ruhe tun. Keine lärmenden Teenagerhorden oder Familienverbände bevölkern derzeit das Areal – außer den Kampfjets ist kaum etwas anderes zu hören. Viele Tiere, die tagsüber aufgrund der Besucher normalerweise das Weite suchen, kreuzen den Weg, auch solche, denen man lieber nicht begegnen möchte, und zwar Schlangen.

Für die Wirtschaft auf dem Golan ist die Situation eine Katastrophe. So befindet sich am Berg Hermon, unmittelbar an der syrischen Grenze, Israels einziges Skigebiet. 400.000 Besucher zählte man dort in der Saison 2022/23. Und den vergangenen Winter? Genau null. Aus Sicherheitsgründen musste der Betrieb komplett eingestellt werden – das erste Mal, seitdem dort Ski gefahren wird.

Das Gebiet ist für alle Zivilisten, die nicht im nördlichen Golan ihren Wohnsitz haben, gesperrt, weshalb auch wir nicht dorthin fahren können. Mehrere Hundert Mitarbeiter in Hotels, Gaststätten oder Sportgeschäften verloren deshalb bereits ihren Job. Zu spüren bekommt man die Krise ebenfalls in den drusischen Städtchen Madschdal Schams, Masaʼde oder Buqʼata, wo in normaleren Zeiten Scharen israelischer Ausflügler die Restaurants bevölkern.

Geschäfte wirken verwaist, viele Restaurants sind geschlossen

Aber auch im weiter südlich gelegenen Katzrin fehlen die Besucher. Die ohnehin wenigen Geschäfte wirken verwaist, viele Restaurants geschlossen. Etwas zu essen zu bekommen, erweist sich als Problem. Im weiterhin geöffneten Golan Brewery House, wo unter anderem Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wird, kommen auf jeden Gast mindestens zwei Kellner.

Die Golan Heights Winery, deren Weinkeller ansonsten Ziel von Besucherscharen sind, steht recht verlassen da.

Und die benachbarte Golan Heights Winery, deren Weinkeller ansonsten ebenfalls Ziel von Besucherscharen sind, steht gleichfalls recht verlassen da. Im Verkaufsraum freut man sich über jeden, der wie wir überhaupt noch ein paar Flaschen shoppt – ebenso fehlen viele Mitarbeiter in der Produktion, weil sie wie über 300.000 andere Israelis ebenfalls zum Reservedienst einberufen wurden.

Am 2. Juni sollte endgültig Schluss mit der relativen Ruhe auf dem südlichen Golan sein. Die Hisbollah feuerte mehrere Salven mit etwa 40 Raketen in die Region, mindestens 15 davon sollten Katzrin treffen. Auch mit Sprengstoff beladene Drohnen wurden in Marsch gesetzt. Menschen kamen glücklicherweise zwar nicht zu Schaden, dafür aber die Natur.

Rund 1000 Hektar Land in dem unmittelbar an Katzrin angrenzenden Yehudiya-Nationalpark, den wir wenige Tage zuvor noch durchwandert hatten, brannten ab, die Verwüstungen sind gewaltig. Es brauchte 15 Feuerwehrwagen sowie mehrere Löschflugzeuge, um die Brände nach knapp zwei Tagen unter Kontrolle zu bekommen. Auch sie gehören wohl jetzt verstärkt zur Geräuschkulisse auf dem Golan.

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