Nachruf

Der Quasi-Israeli

Ulrich Sahm (1950 - 2024) Foto: (privat)

In Israel kannte ihn jeder Journalist, an Israel interessierte deutsche Zeitungsleser sowieso: Von 1970 bis 2022 war Ulrich Sahm Israel-Korrespondent für Blätter, Radio- und Fernsehsender. Doch nach 52 Jahren begannen sich vor einiger Zeit gesundheitliche Probleme bemerkbar zu machen. Gerade als es wieder besser aussah, verletzte sich Sahm bei einem Treppensturz. Er kam in die Bundesrepublik zurück. Ein Jahr später, am Mittwochabend, ist Ulrich Sahm nun in seiner letzten Heimat Bremen gestorben. Er war 73 Jahre alt.

Als Diplomatensohn sah und erlebte Ulrich Sahm bereits im Kindesalter viel. Mit vier Jahren fand er sich in London wieder, mit zwölf in Paris. Freundschaften, die er in einem französischen Lycée mit israelischen Klassenkameraden schloss, brachten ihn mit einer Kultur und einer Sprache in Berührung, die sein Leben stark beeinflussen würde.

»Heute ist es vielleicht unvorstellbar, aber damals wurde dem einzigen Deutschen von den Franzosen dort immer wieder eine Hand ins Gesicht gestreckt, mit einem lauten Heil Hitler!«, schrieb Sahm einst in dieser Zeitung. »Der Hass auf alles Deutsche war groß und teilweise unerträglich.«

Beste Freunde

»Interessanterweise wurden ausgerechnet die Israelis, ebenfalls Diplomatenkinder oder Kinder von Geheimdienstleuten, schnell meine besten Freunde«, erinnerte er sich im Jahr 2000. »Die gluckten in den Schulpausen immer zusammen und redeten miteinander nur Hebräisch. Weil ich aber eben zu ihrer Clique gehörte, blieb mir nichts anderes übrig, als umgehend in den Schulpausen Hebräisch zu lernen.«

Zunächst ging es für Ulrich Sahm zurück in die Bundesrepublik. Nach einigen Jahren an der Odenwaldschule, begann er, Theologie, Judaistik und Linguistik zu studieren. Sein Plan: In Israel wollte er sein Studium abschließen, als er im Jahr 1970 auf dem Ben Gurion-Flughafen in Tel Aviv landete.

Überall zu hören

Aus einem Aufenthalt, der ursprünglich lediglich für sein Studium der Hebräischen Literatur - also ein paar Jahre lang - andauern sollte, wurde weitaus mehr. Gut ein halbes Jahrhundert verbrachte Sahm im jüdischen Staat.

Ulrich Sahm, der Mann mit dem ansteckenden Lachen, der als Nicht-Jude in gewisser Hinsicht israelischer war, als so mancher Israeli, wurde durch einen Zufall Korrespondent. Er hielt Vorträge vor deutschen Journalisten, die Israel besuchten. Sie inspirierten ihn. Aus den Vorträgen wurden Zeitungsartikel. Eins kam zum Anderen.

Während seiner Zeit in Israel arbeitete Sahm für etwa so viele Medien wie er Jahre dort verbrachte, darunter auch n-tv und den früheren Berliner Radiosender Hundert,6. Sahms tiefe Stimme, mit der er sein Wissen und aktuelle Entwicklungen transportierte, war überall zu hören. Über viele Jahre hinweg schrieb er auch für die Jüdische Allgemeine.

Unvollendete Pläne

Als Israel-Korrespondent war er nicht nur Experte für Politik und die jüngere Geschichte, die er dort zum Teil selbst mitbekam, sondern auch für das Altertum und Archäologie. Letztere lag ihm besonders am Herzen.

Zurück in der Bundesrepublik wohnte Ulrich Sahm zunächst bei seinem »kleinen Bruder« in seiner Geburtsstadt Bonn. Dann wollte er in der Nähe seiner Freundin sein, weshalb er Wahl-Bremer wurde. Er wollte dort noch schriftstellerisch tätig sein. Einige seiner Pläne blieben unvollendet.

Ulrich Sahm wird bereits jetzt vermisst. Er wird unvergessen bleiben - bei seinen Liebsten, aber auch bei seinen Kollegen, Hörern, Lesern und Zuschauern.

Gadi Eisenkot spricht an einem Rednerpult vor einer israelischen Flagge

Israel

Eisenkot will Israel aus der Krise führen

Nach dem Auftrag zur Regierungsbildung ruft der frühere Generalstabschef zu einer Notstandsregierung auf und streckt allen Parteien die Hand aus

 08.11.2026

Kuscheltiere und Puppen auf dem Rabin-Platz, eine Puppe ist mit einem Seil gefesselt

Ariel

Kinderkrippe des Grauens

Drei Betreuerinnen wird systematische Gewalt an Babys und Kleinkindern vorgeworfen. Die Polizei spricht von einem der schwerwiegendsten Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre

von Sabine Brandes  08.11.2026

Krieg gegen den Iran

Die Mullahs schossen Raketen – Bat Yam schickt die Rechnung

Die israelische Stadt will Schadensersatz in Millionenhöhe von Teheran. Für die Zustellung der Klage musste der Bürgermeister einen iranischen Vertreter durch die Straßen von Manhattan verfolgen

von Sabine Brandes  08.11.2026

Israels Präsident Izchak Herzog

Nach der Parlamentswahl

Israels Präsident beauftragt Eisenkot mit Regierungsbildung

Dem Oppositionspolitiker Eisenkot fehlen 13 Mandate für eine eigene Regierungsmehrheit. Arabische oder ultraorthodoxe Parteien könnten ihm helfen. Doch beide Optionen bergen großes Konfliktpotenzial

 08.11.2026 Aktualisiert

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Berlin

Merz fordert Ausreise bei Judenhass unter Muslimen

Bei einem Empfang jüdischer Sportler äußert sich der Kanzler deutlich zum Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern

 07.11.2026

Nach den Wahlen

Streit um Regierungsbildung in Israel eskaliert

Israels amtierender Ministerpräsident Netanjahu fordert eine breite Koalition unter Einschluss der Rechtsextremisten. Oppositionspolitiker Eisenkot weist das Angebot umgehend als PR-Manöver zurück

 07.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  07.11.2026

Jerusalem

Israels Präsident vergibt Auftrag zur Regierungsbildung

In Israel beginnt der Countdown zur Regierungsbildung. Präsident Herzog vergibt den Auftrag wahrscheinlich an den Oppositionspolitiker Eisenkot

 07.11.2026