Redezeit

»Der Logik der Figuren folgen«

Nir Baram über die israelische Literaturszene, Missverständnisse und Globalisierung

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  25.11.2016 13:30 Uhr

Nir Baram Foto: Hanser Verlag

Nir Baram über die israelische Literaturszene, Missverständnisse und Globalisierung

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  25.11.2016 13:30 Uhr

Herr Baram, im Oktober waren Sie zum deutsch-israelischen Autorentreffen »Im Neuland« in Berlin. Wie hat Ihnen der Austausch gefallen?
Es war sehr interessant. Ich war 2010 schon einmal dabei, seitdem hat es sich, denke ich, sehr verbessert. Denn es waren verschiedene israelische Stimmen eingeladen, die die deutschen Leser noch nicht kannten, wie etwa Yonatan Berg oder Roy Arad. Die Diskussionen waren daher neu und interessant.

Worüber haben Sie mit Ihren deutschen und israelischen Schriftstellerkollegen diskutiert?
Es war eine Kombination aus literarischen und politischen Themen. Literarisch, um herauszufinden, welche Art von Romanen deutsche und israelische Autoren in unserer Generation schreiben wollen. Politische Themen waren zum Beispiel Flüchtlinge, Israel, deutsch-israelische Beziehungen. Und es gab eine sehr ehrliche Diskussion über politische Themen – die ehrlichste seit vielen Jahren.

Inwiefern?
Nun ja, wir Israelis verabschieden uns allmählich von der Illusion, dass Europa uns dabei hilft, den Nahostkonflikt zu lösen. Europa wiederum muss sich von der Illusion verabschieden, Ideen zu seiner Lösung vorzubringen, so wie es das lange getan hat. Wir sind an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen, auch im israelisch-europäischen Verhältnis.

Die moderne israelische Literatur boomt. Worin unterscheiden sich israelische Autoren voneinander?
Die Unterschiede sind enorm. Es gibt in unserer Generation eine Vielzahl von Genres, ganz im Unterschied zu früher. Die Literatur Israels war seit der Staatsgründung stark beeinflusst vom Sozialistischen Realismus aus Sowjetzeiten. Sozialromane dominierten. Dann ging der Trend immer mehr zur Abbildung der israelischen Wirklichkeit. Romane kreisten um israelische Geschichten. Die Funktion eines Schriftstellers war die eines »Beobachters des israelischen Hauses« – als solcher war seine Stellung herausragend. Genres wie Krimi, Science-Fiction oder Magischer Realismus gab es jedoch so gut wie gar nicht.

Das Spiel mit Genres hat also zunehmend an Bedeutung gewonnen?
So ist es. In unserer Generation nun haben wir plötzlich viele experimentelle Romane in verschiedenen Genres. Beispiele dafür sind etwa Anat Einhar oder Tomer Gardi.

Haben junge Autoren nun dem Realismus den Kampf angesagt?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Wenn wir heute Politik verstehen und die Welt begreifen wollen, ist Realismus eben nur einer von vielen möglichen Wegen.

Welche Realität beschreiben Sie in Ihrem neuen Roman »Weltschatten«?
Wenn man so viele gegensätzliche Charaktere hat wie in Weltschatten, dann muss man sich gewissermaßen für jeden Einzelnen eine Maske aufsetzen: Man muss beim Schreiben an seine jeweilige Idee glauben. Einen Roman wie diesen kann man nur schreiben, wenn man der inneren Logik der Figuren folgt, ohne ihnen seine eigenen Vorstellungen aufzuzwingen. Denn die Komplexität der Motive ist keineswegs schwarz-weiß.

Ihr aktueller Roman berührt viele politische Ebenen. Kritiker loben ihn unter anderem als »Politthriller« …
Das ist richtig. Aber deshalb ist er noch lange kein »Manifest gegen den Kapitalismus« oder gegen Globalisierung – das wäre eine komplett falsche Lesart. Vielmehr beschreibt das Buch, wie wir heute als Individuen leben und wie wir Einflüssen begegnen, die uns von außen treffen. Einer dieser Einflüsse der Außenwelt ist natürlich die Globalisierung – man kann sie nicht ignorieren. Das ist es, was mich interessiert: wie Menschen individuell der Welt begegnen.

Würden Sie sich selbst als politischen Schriftsteller bezeichnen?
Nein. Ich bin ein politischer Mensch – so wie viele andere Schriftsteller vor mir es waren und heute auch sind.

Einige Kritiker haben behauptet, Sie würden mit antisemitischen Klischees provozieren. Was sagen Sie dazu?
Das ist ein Witz. Einfach lächerlich. Damit, wie das Buch angelegt ist, hat das rein gar nichts zu tun. Offenbar greift hier eine vom Antisemitismus faszinierte Schablone, mit der manche Leute Literatur lesen, eine Tendenz und bestimmte Mechanismen, die dazu führen, danach zu suchen, was man erwartet. Das ist ein deutscher Komplex, denn diese Lesart ist mir interessanterweise weder in Israel noch sonst wo in Europa begegnet. Es gibt einen israelischen, einen britischen und einen globalen Erzählstrang, und wenn man das Buch liest, weiß man, dass es die amerikanische Beraterfirma MSV ist, die im Buch für das korrupte globale System steht – und dort arbeitet kein einziger Jude.

Wird israelische Literatur manchmal missverstanden?
Die israelische Literatur hat weltweit das Problem, dass Israel als exotischer Ort wahrgenommen wird. Und von uns Schriftstellern wird dann erwartet, dass wir diese exotische Atmosphäre beschreiben: Krieg, Tel Aviv, bourgeoises Leben, Nahostkonflikt.

In einem Kapitel trifft Gabriel, eine der Hauptfiguren, in Israel die Erkenntnis, dass er bislang in einer Art Dämmerzustand gelebt hat. Wie sieht die Realität aus, die er wahrnimmt?
Gabriel kommt aus einer Familie abseits der Jerusalemer Gesellschaft. Als er Zugang zum illustren Kreis der Prominenten und Mächtigen erhält, beginnt er plötzlich zu verstehen, wie Kapitalismus funktioniert, aber auch, dass es nicht auf brillante Ideen ankommt, sondern auf Macht. Dieser Reifeprozess ist ein Puzzlestück, um zu verstehen, wie die Welt funktioniert.

Es geht also um verschiedene Bemühungen, um das größere Bild zu begreifen?
Ja, und darum, was es für unsere Generation – also die der 70er- und 80er-Jahre – bedeutet, heute in dieser Welt zu leben.

Welche Fragen sind es, die diese Generation sich stellen sollte?
Kann man heute unpolitisch sein? Was bedeutet es, sich all diesen Kräften zu unterwerfen, an die man nicht glaubt? Denn es gibt einen Widerspruch zwischen der eigenen Kreativität und den Kräften, denen man seine Talente gibt, etwa dem Arbeitsplatz. Heute leben wir diese Widersprüche oft unhinterfragt, das wäre eine Generation früher undenkbar gewesen, etwa zugleich in der Gewerkschaft engagiert zu sein und bei IBM zu arbeiten. Davon haben wir uns in unserer Generation völlig abgespalten. Nehmen Sie nur die sozialen Proteste in Israel 2011: Viele Leute haben tagsüber für genau die Firmen gearbeitet, gegen die sie abends protestiert haben.

In Ihrem Roman klingt ein gewisser Pessimismus an, dass man ohnehin nicht viel bewirken kann …
Das stimmt. Aber selbst im Scheitern setzen beispielsweise die Anarchisten ihre Themen gewissermaßen doch auf die Tagesordnung. Wer sagt, dass das System davon unbeeinflusst bleibt? Also gibt es auch Hoffnung. Aber diese Interpretation überlasse ich den Lesern.

Mit dem israelischen Autor sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

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