Wie erleben Menschen in Israel den Krieg und den brüchigen Alltag zwischen Sirenen, Unsicherheit sowie dauerhafter Anspannung? Eine aktuelle Studie zeigt: Die Antwort hängt stark davon ab, wer man ist – von der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe, von Bildung, Alter und nicht zuletzt vom Geschlecht.
Untersucht wurde dies von der israelischen Sozialwissenschaftlerin Liat Kulik. Die Professorin, die an einer Hochschule in Netanja unterrichtet, fragte während der Militäroperation »Roaring Lion« gegen den Iran rund 270 Menschen im ganzen Land. Die Stichprobe umfasste drei zentrale Bevölkerungsgruppen: die allgemeine jüdische sowie arabische Bevölkerung und Mitglieder der ultraorthodoxen Gemeinden.
Im Zentrum der Untersuchung steht die Annahme der Wissenschaftlerin, dass »Krieg vor allem persönliche Ressourcen wie emotionale Stabilität, soziale Bindungen und wirtschaftliche Sicherheit untergräbt«. Schwinden diese Ressourcen, steige der Stress deutlich. Gleichzeitig könne eine existenzielle Bedrohung auch gegenteilige Effekte haben: »Unter bestimmten Bedingungen sehen wir auch Formen von Wachstum – etwa eine stärkere Resilienz oder ein intensiveres Gemeinschaftsgefühl«, so Kulik.
Menschen berichten in fast allen Bereichen von Verlusten
Die Ergebnisse ihrer Untersuchung zeichnen ein differenziertes Bild der israelischen Gesellschaft in Kriegszeiten: Besonders stark seien arabische Israelis betroffen. Sie berichteten in nahezu allen Lebensbereichen von erheblichen Verlusten: wirtschaftliche Unsicherheit, brüchiger werdende soziale Netzwerke, ein Rückgang von Hoffnung und Glauben sowie eine deutlich geschwächte psychische Widerstandskraft. Auch das Gefühl, Teil einer tragenden Gemeinschaft zu sein, habe gelitten, heißt es in der Studie.
Am anderen Ende der Skala stehen die ultraorthodoxen Befragten. Sie gaben an, vergleichsweise wenig Ressourcen verloren zu haben – vor allem im sozialen und spirituellen Bereich. Enge Gemeinschaftsstrukturen und ein stark religiös geprägter Alltag scheinen hier stabilisierend zu wirken.
Kulik resümiert, dass die Unterschiede wahrscheinlich mit den Ressourcen zusammenhängen, die Gruppen bereits in eine Krise mitbringen. »In ultraorthodoxen Gemeinschaften bieten dichte soziale Netzwerke und ein fester Glaube spirituelle Ressourcen, die wie ein Treibstoff für die Bewältigung wirken.«
Die übrige jüdische Bevölkerung bewegt sich in vielen Bereichen zwischen diesen beiden Polen der arabischen und charedischen Gemeinden.
Liat Kulik: »Es könnte mit der emotionalen Verantwortung zusammenhängen, die viele Frauen in Krisen tragen, insbesondere für ihre Familien.«
Die Unterschiede spiegelten sich auch im Umgang mit der Krise wider, hat Kulik erfahren. Arabische Teilnehmer greifen häufiger zu weniger hilfreichen Strategien wie Verdrängung oder beruhigenden Medikamenten. »Wir sehen hier vermehrt weniger adaptive Bewältigungsformen, die kurzfristig entlasten, aber langfristig problematisch sein können«, erläutert sie. Gleichzeitig setzen sie, ähnlich wie viele aus der allgemeinen jüdischen Bevölkerung, auch auf praktische Bewältigungsformen: Ablenkung, Planung oder konkrete Schritte, um Stress zu reduzieren.
Ultraorthodoxe Befragte hingegen verlassen sich stärker auf religiöse Bewältigungsstrategien. Gebet, Glaube und Hoffnung spielen eine zentrale Rolle im Umgang mit der Bedrohung. Die verschiedenen Strategien gehen mit unterschiedlich stark ausgeprägtem psychischem Druck einher: »Die berichtete Belastung ist unter ultraorthodoxen Teilnehmern am geringsten, während sie unter arabischen Israelis am höchsten ist«, fasst Kulik zusammen.
Doch Krieg bedeutet nicht nur Verlust. Die Studie zeigt auch, dass manche Menschen in Extremsituationen an innerer Stärke gewinnen. Besonders deutlich ist das auch wieder bei den ultraorthodoxen Teilnehmern der Studie: Sie berichten von einer Zunahme spiritueller Ressourcen, etwa einer Vertiefung des Glaubens und größerer innerer Standfestigkeit. »Im religiösen Bereich sind deutliche Zugewinne zu erkennen«, sagt Kulik.
Auffällig sind zudem die Unterschiede zwischen Männern und Frauen – und zwar quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Frauen suchen bei Angriffen häufiger Schutzräume auf. »Das könnte mit der emotionalen Verantwortung zusammenhängen, die viele Frauen in Krisen tragen, insbesondere für ihre Familien.«
Studie zeigt »gemeinsame Geschlechterkultur«
Gleichzeitig berichten Frauen durchweg von höherem psychischen Stress als Männer. »Frauen tragen oft eine größere emotionale Last und sind zugleich eher bereit, negative Gefühle zu äußern«, berichtet Kulik. Männer hingegen geben häufiger an, auch positive Veränderungen zu erleben, beispielsweise eine gestärkte emotionale Widerstandskraft oder intensivere soziale Beziehungen.
Eine der bemerkenswertesten Beobachtungen der Studie ist das Entstehen einer Art »gemeinsamer Geschlechterkultur«. Frauen – unabhängig davon, ob sie arabisch, säkular oder ultraorthodox sind – zeigen ähnliche Muster im Umgang mit Stress, in ihrem Wohlbefinden und in ihren Bewältigungsstrategien. »Wir beobachten hier eine Art geschlechterübergreifende Gemeinsamkeit, die die sozialen Grenzen überschreitet.«
Neben Zugehörigkeit und Geschlecht spielen auch Alter und Bildung eine wichtige Rolle. Ältere Befragte berichten häufiger von Zugewinnen, möglicherweise, weil sie auf mehr Lebenserfahrung und erprobte Strategien im Umgang mit Krisen zurückgreifen können. Auch ein höheres Bildungsniveau wirkt sich offenbar stabilisierend aus: Kulik: »Bildung und Lebenserfahrung erweisen sich definitiv als zentrale Ressourcen, die helfen, die Auswirkungen der Krise abzufedern.«