Jerusalem

Der Kafka-Krimi

Wie Originalmanuskripte des Autors aus Schweizer Tresoren in die Nationalbibliothek gelangten

von Sabine Brandes  03.06.2024 09:58 Uhr

Historiker Stefan Litt holte Kafkas Manuskripte persönlich aus der Schweiz ab. Foto: Sabine Brandes

Wie Originalmanuskripte des Autors aus Schweizer Tresoren in die Nationalbibliothek gelangten

von Sabine Brandes  03.06.2024 09:58 Uhr

Sie sollen in einem alten Koffer gewesen sein, in einer Tel Aviver Wohnung voller Katzen und schließlich verplombt in Schweizer Banktresoren. Um den Brod’schen Nachlass der Originalmanuskripte des bedeutenden jüdischen Schriftstellers Franz Kafka ranken sich viele Geschichten. Heute werden die Papiere sicher in den klimatisierten Räumen von Israels Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt.

Doch der Weg dorthin war eine Odyssee, die Jahrzehnte dauerte und mehrere Länder umspannte. »Das Drehbuch für diesen Krimi hätte Franz Kafka nicht besser schreiben können«, ist der Historiker Stefan Litt überzeugt, Kurator für Geisteswissenschaften an der Nationalbibliothek. »Das war der reale Prozess zu Kafka«, sagt er und holt ein Buch mit Zeichnungen aus dem Regal seines Büros. Viele der Zeichnungen, die dort abgedruckt sind, waren lange unbekannt. »Wir wussten vorher von etwa 30, doch zu dem Nachlass gehörten viel mehr. Das war eine große Überraschung.«

Bis 2007 lagen Teile von Kafkas Nachlass in einer Tel Aviver Wohnung.

Im Juli 2019 wurde die Spannung endlich aufgelöst, als Litt persönlich Kafkas Manuskripte in der Schweiz entgegennehmen durfte, nachdem es zuvor einen langjährigen Rechtsstreit darum gegeben hatte, wem sie gehören. Es sei ein »sehr bewegender Moment gewesen, als sich schließlich die Türen der Banktresore in Zürich öffneten«, erinnert er sich.

Um das Eigentum gestritten hatten sich die Töchter von Ester Hoffe und Bibliotheken in verschiedenen Ländern, die die Manuskripte haben wollten. Hoffe war einst die Sekretärin von Kafkas engstem Freund Max Brod, der selbst Schriftsteller war. Kafka hatte Brod gebeten, seine Schriften nach seinem Tod zu verbrennen. Doch statt den letzten Willen des großen Schriftstellers zu erfüllen, veröffentlichte Brod die Werke. Er habe »gute Gründe dafür gehabt«, erklärte er später.

Max Brod hinterließ Ester Hoffe das gesamte Archiv

Brod hinterließ Hoffe das gesamte Archiv, einschließlich der Papiere von Kafka, mit dem Auftrag, es der israelischen Nationalbibliothek zu übergeben. Doch auch die Sekretärin hielt sich nicht an die Abmachung: Bis zu ihrem Tod im Jahr 2007 war das Archiv in ihrem Besitz. Einen Teil davon bewahrte sie in ihrer Tel Aviver Wohnung auf – jene Wohnung mit den vielen Katzen, so will es die Geschichte –, das meiste jedoch schaffte sie in deutsche und Schweizer Banktresore. Danach kam es vor Gerichten in Israel, Deutschland und der Schweiz zu einem erbitterten Streit um Brods Nachlass. Der Oberste Gerichtshof in Jerusalem entschied letztlich, dass die Papiere der Israelischen Nationalbibliothek gehören.

Doch damit war der Kafka-Krimi noch nicht ganz gelöst. Ein Schweizer Gericht musste das Urteil bestätigen. Allerdings durfte das gesamte Material gesichtet werden und wurde anschließend in Aluminiumboxen verplombt. »Beim Durchschauen wurde schnell klar, dass nur ein winziger Teil der Manuskripte in Privatbesitz gehörte«, erklärt Litt. Danach habe man gewusst, was der Nachlass der Kafka-Schätze größtenteils umfasste. »Und doch gab es einige aufregende Joker.« Zu den Dokumenten, die nach der Schweizer Bestätigung per Flugzeug nach Israel gebracht wurden, gehörten drei verschiedene Entwurfsfassungen von Kafkas Erzählung »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Land«, Reisetagebücher, Briefe, Zeichnungen und ein Büchlein mit bisher unveröffentlichten Gedanken.

Und dann war da Kafkas »Blaues Notizbuch«. Darin schrieb er seine Hebräisch-Übungen, »auf einem erstaunlich hohen Niveau«, weiß Litt. Der Prager Schriftsteller hatte sich offenbar viel mit seinem Jüdischsein und einer möglichen Auswanderung ins damalige Palästina beschäftigt. Er träumte davon, dort ein Restaurant zu eröffnen, vertraute er dem Büchlein an. »Kafka hatte jahrelang gelernt und war in der Lage, komplexe zusammenhängende Sätze zu schreiben.« An seine Hebräischlehrerin Pua Ben Tovim in Palästina schrieb der Schriftsteller dennoch: »Bitte seien Sie mir nicht böse wegen der ganzen Rechtsschreibfehler. Ich bin schon böse genug für uns beide.«

Multimediale Kafka-Ausstellung

Litt freut sich, alles bald der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ende des Jahres wird in der Nationalbibliothek eine multimediale Kafka-Ausstellung eröffnet, kuriert von Litt, in Zusammenarbeit mit dem Performance-Künstler Hadass Ophrat. »Der Name Kafka ist heute immer noch enorm, auch wenn seine Werke vielleicht keine Bestseller mehr sind, weil er auf völlig andere Weise geschrieben hat. Seine Sprache war ein Quantensprung, er hat damit Vorlagen für andere geliefert.«

Mittlerweile sind sämtliche Manuskripte digitalisiert, »und damit sind wir allen voraus«, freut sich der Kurator. Es sei die Philosophie der Bibliothek, »unsere Schätze mit der Öffentlichkeit zu teilen«. Damit, hofft er, könnte der Zugang zu Kafkas Werken auch für jüngere Menschen geebnet werden. Es sei nicht nur ein Angebot für Forschende, sondern für Neugierige allen Alters. Denn Litt ist überzeugt: »Kafka ist cool.«

Der Weg dorthin war eine Odyssee, die mehrere Jahrzehnte dauerte und viele Länder umspannte.

Der größte Teil von Kafkas erhaltenen Handschriften wird heute in der Bodleian Library in Oxford verwahrt, darunter Das Schloss und sämtliche Tagebücher. Weitere Manuskripte befinden sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, unter anderem Der Process und Brief an den Vater.

Derzeit unbekannt ist der Verbleib der mehr als 500 Briefe und Postkarten Kafkas an seine einstige Geliebte Felice Bauer. Der Schocken-Verlag in New York ließ sie 1987 versteigern, seitdem sind sie verschollen. »Leider haben wir keine Ahnung, wo sie sind«, sagt Litt und fügt hinzu, wie wundervoll es wäre, wenn auch diese Schriften auftauchen würden. Stoff für den nächsten Kafka-Krimi.

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