Israel

Der Hölle entkommen

Ralph Levinson Foto: Detlef David Kauschke

Israel

Der Hölle entkommen

Ralph Levinson hat das Massaker vom 7. Oktober überlebt. Wie geht es nun weiter?

von Detlef David Kauschke  11.11.2023 20:06 Uhr

Am 7. Oktober sind in Kfar Aza 61 Menschen ermordet worden, 17 sollen in den Gazastreifen entführt worden sein. Kinder und Alte, Frauen und Männer. Viele Überlebende des Massakers sind nun im Gästehaus des Kibbuz Shefayim nördlich von Tel Aviv untergebracht.

Auch Ralph Levinson gehört zu den Überlebenden. Er hat mit seiner Frau Barbara über Bekannte eine Wohnung im nahen Ra’anana gefunden. Vor wenigen Tagen war er abends in Shefayim, bei einer Gedenkfeier einen Monat nach dem Massaker. »Es war furchtbar. Und es war unfassbar, diese 61 Kerzen zu sehen. Für jedes Opfer eine. Jedes von ihnen ist eine Welt, eine ganze Welt.«

Zurück in Ra’anana: Ralph Levinson sitzt im Wohnzimmer. In kurzärmeligem Hemd, kurzen Hosen, barfuß. Er spricht Deutsch, wurde vor 71 Jahren in Namibia geboren. Dorthin waren seine Eltern 1938 vor den Nazis geflohen. Seine Mutter stammte aus Halle/Saale, sein Vater aus Gera.

Terroristen im Kibbuz

Vor 40 Jahren kam er nach Israel, zog in den Kibbuz, gründete eine Familie. Seine Tochter und auch sein Sohn mit Frau und drei Kindern sind in Kfar Aza zu Hause.

Lange Zeit arbeitete Ralph Levinson in der Landwirtschaft. Vor etwa 20 Jahren machte er dann noch eine Ausbildung als Reiseleiter. »Seitdem mache ich Reisen mit Israels nach Namibia oder führe Touristen durch Israel.«

Bis zum 7. Oktober. »Wir hatten ja schon 22 Jahre Raketenangriffe, und so haben wir auch an diesem Tag zunächst gedacht, dass dies wieder eine normale Attacke sei.« Doch dann hörten sie Schüsse, direkt neben der Wohnung. »Da haben wir verstanden, dass etwas anders ist: Es waren Terroristen im Kibbuz.«

Versteck im Schrank

Stundenlang hatten sich die Levinsons im Schutzraum verschanzt, fast ohne zu wissen, was draußen vor sich ging. »Die Internetverbindung funktionierte kaum, das Telefon ging auch nicht mehr. Doch wir haben gewusst, dass es Verletzte und Tote gab.« Eine enge Bekannte hatte sie noch telefonisch erreicht. Sie war gerade im Ausland und berichtete, dass ihr achtjähriger Enkelsohn sie angerufen habe, und gesagt habe, dass die Eltern tot seien.

»Sie hat ihm gesagt, dass er Unsinn redet. Doch dann hat er das Handy umgedreht und sie fotografiert. Die Eltern lagen tot auf dem Boden.« Daraufhin habe ihm die Großmutter gesagt, sich mit der Schwester im Schrank zu verstecken und die Tür zu schließen. Etwa 20 Stunden müssen sie dort ausgeharrt haben. Bis morgens um 2 Uhr endlich das Militär kam.

Ralph Levinson, seine Frau und ihr Hund, ein Golden Retriever, waren im Schutzraum, als ihnen Soldaten zuriefen, sofort mitzukommen. »Alle folgten ihnen, mit dem, was sie am Leib trugen, manche ohne Schuhe, manche ohne Brille, viele ältere Leute ohne Medikamente, einfach ohne alles.« Als die Schießereien anhielten, mussten sie zunächst noch in einem Bunker bleiben.

Panzerabwehrraketen und Granaten

Und dann ging es weiter: »Wir nennen das den Todesmarsch. Wir liefen mit dem Militär ungefähr zwei Kilometer. Um uns herum andauernde Schießereien. Es ging entlang ausgebrannter Autos, Panzerabwehrraketen und Granaten. Und überall Tote.«

Seine Tochter lebte allein in dem Viertel der Siedlung, das vor allem von den jungen Leuten bewohnt wurde, in der Nähe des Zauns, in Sichtweite zum Gazastreifen. »Dort sah es aus wie in Hiroshima. Da ist fast keiner lebend herausgekommen. Auch ihre Wohnung ist voll mit Einschusslöchern. Aber die Terroristen sind nicht eingedrungen.«

Wie er sich erklärt, dass er und seine Familie dieser Hölle entkommen konnte? »Es gibt Familien, die getötet worden sind. Und es gibt andere, die überlebt haben. Ich bin nicht so ein gläubiger Mensch. Ich meine: Es war Glückssache.«

Auf einem Friedhof leben?

Wie es nun weitergehen kann? »Es ist noch zu früh, diese Frage zu stellen«, meint Ralph Levinson. Es existieren Pläne, noch ungefähr sechs Monate im derzeitigen Provisorium zu bleiben. Unterdessen soll ein Caravan-Park im Süden Israels, in der Region Shaar Hanegev, gebaut werden.

»Wir wollen nicht, dass der eine dahin- und der andere dorthingeht. Wir wollen das Gefühl und die Unterstützung der Gemeinde behalten. Das ist für uns ganz wichtig.« Etwa zwei Jahre sollen sie dann in den Mobilwohnungen bleiben. »Und das mit der Hoffnung, dass die, die es wollen, nach Kfar Aza zurück können. Aber ob das so hinhaut, wissen wir nicht.«

Und wer dann wirklich von den Überlebenden zurückkehren will, sei völlig offen. »Mein Sohn zum Beispiel möchte zurück, seine Frau nicht.« Viele ihrer Bekannten möchten wieder nach Kfar Aza, andere bestimmt nicht, vermutet Ralph Levinson und fügt dann hinzu: »Die Frage ist: Möchten wir auf einem Friedhof leben? Möchten wir dort leben, wo an jedem zweiten Haus ein Gedenkschild ist?«

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