Mahane Yehuda

Der Fleischer und sein Schuk

Salatblätter am Boden, von Hunderten Füßen zertrampelt, rot leuchtende, aufgeschnittene Wassermelonen auf den Auslagen, vor einem bleibt eine amerikanische Touristin plötzlich stehen, um ein Foto zu machen, in die Hacken drückt der Rollwagen einer mit 13 Tüten bepackten Familienmutter, und überall wird gerufen, beworben, gefeilscht. Es geht zu wie an einem typischen Freitagmittag auf dem Mahane-Yehuda-Markt: besonders eng, voll und laut. Der Unterschied: es ist Montagabend.

Meir Abuhazira schüttelt noch am nächsten Morgen den Kopf. »Da war was los gestern«, sagt der 44-Jährige mit den kurzen Haaren und dem breiten Lächeln. Er steht hinter seiner kleinen Fleischtheke in einer Seitengasse des Marktes, in der es etwas ruhiger zugeht als auf der überdachten Hauptgasse des Marktes. Denn dies war kein normaler Montagabend. Kleine Kinder mit Zuckerwatte und Popcorn in den Händen rannten auch abends um halb zehn noch durch die Gänge, moderne Klesmermusik tönte vom Dach eines der Häuser an der Hauptstraße des Marktes, junge Menschen machten zu rhythmischem Trommeln und dem Klatschen des Publikums Capoeira-Bewegungen. Es war laut wie immer. Und doch anders, denn der Mahane-Yehuda-Markt feierte sein 100-jähriges Bestehen, mit Showeinlagen, Theater, Musik und Gästen aus Jerusalem, den umliegenden Vororten und sogar Tel Aviv.

Entwicklung Dieser Abend, die Feierlichkeiten, für Metzger Abuhazira war das typisch für die Entwicklung des Mahane- Yehuda-Marktes über die letzten Jahre. »Die Leute laufen, schauen, essen vielleicht was. Aber kaufen?« Das ist nicht mehr der Hauptgrund, auf den Markt zu kommen. Das Publikum ist mehr geworden und hat sich verändert. Wo früher Hausfrauen für den Schabbat einkauften, und vor den Feiertagen beinahe Tumulte um günstiges Gemüse ausbrachen, wird heute Englisch gesprochen, beim kleinen Italiener ein Mittagssnack eingenommen oder Modeschmuck gekauft. Vor allem Touristen und viele junge Leute seien es mittlerweile, die den Markt bevölkern, sagt Abuhazira.

Und er muss es wissen. Seit 35 Jahren ist er auf dem Markt. Schon als ganz kleiner Junge hat er seinem Vater geholfen, ist durch die Gassen geflitzt und hat Besorgungen gemacht. Sein Vater, 1961 aus Marokko eingewandert, hat einst den Stand auf dem Markt gekauft. Heute sind es zwei kleine Räume mit großen, silbern glänzenden Kühlschränken, davor zwei Theken, gefüllt mit Hähnchenschenkeln und Filets. Hinter der linken Theke steht Meirs Vater, hinter der rechten Meir selbst.

Seit er klein ist, sind diese paar Quadratmeter, weiß gekachelt und mit Neonlicht beleuchtet, sein Alltag. Vor über 30 Jahren hat Meir Abuhazira von seinem Vater alles gelernt, was zum Metzgerhandwerk ge-hört: die Auswahl des Fleisches auf dem Gut in Ramat Hagolan im Norden des Landes, wie man es richtig schneidet, welches Fleisch wie lange lagern sollte. Dass er das Geschäft übernehmen würde, eines Tages, war immer klar. »Wir waren stets Metzger in unserer Familie, schon damals in Marokko.«

Seine Arbeit macht Meir Abuhazira Spaß, bis heute. Das ist auch daran zu sehen, wie er mit routinierten Bewegungen die Leber auf dem kleinen Grill um sie möglichst weitgehend vom Blut zu be-
freien und somit koscher zu machen. »Ich genieße alles daran«, sagt er. »Nicht nur das Schneiden, auch das Verkaufen, das Verhandeln mit den Kunden.« Die Abuhaziras haben viele Stammkunden, weil sie seit mehr als vier Jahrzehnten am gleichen Ort stehen und frisches Hackfleisch, Hühnchen und Steaks verkaufen.

Händler Metzger, Bäcker, Gemüsehändler und Bauersfrauen, die Kräuter verkaufen; die sich daraus ergebende einzigartige Geruchs- und Geräuschkulisse macht schon seit Jahrzehnten den Mahane-Yehuda-Markt aus. Unter Jerusalemern nur bekannt als der Schuk, der Markt, ist er wohl das berühmteste Wahrzeichen der Stadt außerhalb der Altstadtmauern – und steht wie kein anderer Abschnitt der Stadt für das jüdische Jerusalem. Seine Geschichte reicht ins 19. Jahrhundert zurück, damals hieß er noch nach der angrenzenden Nachbarschaft Beit Jakov (Haus Jakobs). Den heutigen Namen hat er von den drei Begründern der angrenzenden Nachbarschaft, einer von ihnen benannte den Markt nach seinem Bruder Yehuda Navon.

Diese Geschichte erzählt Meir Abuhazira gern. Er ist stolz, zum Markt zu gehören. So geht es wohl auch seinem Vater. Bis heute kommt der jeden Tag auf den Markt. Für ihn ist es eine Art Therapie. »Das ist doch viel besser, wenn er in seiner gewohnten Umgebung ist, als wenn ich ihn daheim lasse und er nichts macht:« Dass die gewohnte Umgebung mittlerweile anders aussieht als zu der Zeit, als sein Vater begonnen hat, findet Abuhazira nicht gut, aber auch nicht so wichtig.

Angebot Wo früher Pekannüsse, Minze und frische Feigen das Bild bestimmten, gibt es heute viele kleine Bistros, Gourmetshops für Käse und Olivenöl, Designerboutiquen und Schmuckläden. »Ich weiß noch, früher saßen hier überall arabische Frauen und haben Trauben und Minze verkauft, erinnert sich Meir an seine Jugend. Die sind längst nicht mehr da.«

Das Publikum sei einfach anders geworden. »Heute kommen die Leute zum Gucken, zum Vorbeilaufen.« Der Markt ist so sehr Wahrzeichen geworden, dass er an Authentizität zu verlieren beginnt. Gentrifizierung nennt man das bei Stadtteilen. Abuhazira findet es schade, dass es nicht mehr um das geht, was er als das Wesentliche des Schuks betrachtet, das Essen. »Früher war es so: ich gehe auf den Markt, weil ich Lebensmittel brauche. Heute laufen die Leute rum und sitzen anschließend im Bistro und schauen anderen Leuten beim Herumlaufen zu«, sagt er, und zeigt auf eine Gruppe junger Amerikaner, die vorbeizieht. »Wir sind doch kein Museum.«

Dass sich das Publikum und die Struktur des Marktes verändert haben, dass Events wie die Konzerte zum 100-jährigen Jubiläum nun zum Marktprogramm gehören, das liegt nicht nur am lobenden Eintrag im Reiseführer Lonely Planet, sondern auch an der Kultivierung des Marktes durch die Jerusalemer Tourismusbeauftragten.

Zukunft Händler wie Abuhazira haben dennoch oder gerade deshalb letztes Jahr besonders wenig verkauft. Seine Familie kann der Metzger längst nicht mehr nur von den Einkünften aus dem Fleischhandel ernähren. Fünf Schwestern hat er, und fünf Töchter. Das macht es unwahrscheinlich, dass der Stand im Familienbesitz bleibt. Bis er seinen Laden aufgeben wird, wird es allerdings noch dauern, da ist sich Abuhazira sicher. Er schaut herüber zu seinem Vater, der gedankenverloren die Hähnchen in der Theke neu sortiert. »Wir gehören hierher, das ist doch klar«, sagt er.

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