Wirtschaft

Der andere Boykott

EL AL will streng religiöse Männer, die ihren Platz neben Frauen nicht einnehmen und damit den Abflug verzögern, nicht mehr befördern. Einige Charedim rufen zum Gegenboykott auf. Foto: Flash 90

Jetzt reichte es ihnen. Im Internet machten sie ihrem Unmut Luft und riefen öffentlich zum Boykott von zwei großen israelischen Firmen auf: der Fluggesellschaft EL AL und der Weinkellerei Barkan. Doch hierbei ging es nicht um BDS oder Kritik an staatlicher Politik. EL AL wurde Diskriminierung von Frauen und Barkan Rassismus gegen äthiopische Juden vorgeworfen. Die Boykotteure sind Kunden, der Großteil von ihnen Israelis und Juden in der ganzen Welt.

Nachdem die Nachricht um die Welt ging, dass eine EL‐AL‐Maschine 75 Minuten auf dem New Yorker JFK‐Flughafen feststeckte, weil sich vier ultraorthodoxe Männer weigerten, neben Frauen zu sitzen, und die Fluglinie versuchte, dem Drängen der Querulanten nachzugeben, hatten viele die Nase endgültig voll. Seit Jahren kursieren immer wieder derartige Geschichten.

Und das betrifft nicht nur EL AL, wie jüngst ein Fall bei Austrian Airlines belegt. Medien berichteten, dass sich am vergangenen Freitag in Tel Aviv 26 orthodoxe Passagiere weigerten, neben Frauen Platz zu nehmen. Erst nach Intervention des Piloten und einer 40‐minütigen Verspätung konnte der Flieger Richtung Wien abheben. EL AL hatte in vielen Fällen versucht, die charedische Gemeinde nicht zu vergraulen, und derem Ansinnen nachgegeben. Oft setzten sie Frauen um, weil es streng religiöse Männer forderten.

Geschäfte »Genug damit«, meinte schließlich NICE Systems, eine der größten Softwarefirmen Israels, und erklärte ohne Umschweife, dass das gesamte Unternehmen nicht mehr EL AL fliegen werde, solange es diese Praxis gebe. Die Firma beschäftigt weltweit etwa 5000 Menschen. Der Vorsitzende von NICE, Barak Eilam, teilte im Internet mit, dass man die nationale Fluglinie nicht mehr buchen werde, denn »bei NICE machen wir keine Geschäfte mit Firmen, die wegen Rasse, Geschlecht oder Religion diskriminieren«.

Besonders der Umstand, dass es bereits ein Urteil in der Angelegenheit gibt, EL AL aber seine Politik nicht oder nicht durchgängig anpasste, verärgerte viele. Vor einem Jahr hatte Renee Rabinovitch gegen EL AL geklagt, weil sie auf einem Flug von New Jersey nach Tel Aviv in einem ähnlichen Fall dazu gedrängt wurde, sich umzusetzen. Rabinovitch ist eine 82‐jährige Schoa‐Überlebende.

Die Richter gaben ihr recht, ordneten an, dass EL AL ein anderes Prozedere für derartige Fälle ausarbeitet, und sprachen Rabinovitch rund 1800 Dollar Schadenersatz zu. Das »Israel Religious Action Center«, das sich für religiöse Gleichberechtigung einsetzt, rief Passagiere auf, ähnliche Fälle zu melden.

Sowohl Geschäftsreisende als auch die große ultraorthodoxe Gemeinde sind wichtige Kunden für EL AL. Viele Charedim fliegen ausschließlich mit der israelischen Linie, weil sie koscheres Essen garantiert, nicht am Schabbat verkehrt und auf besondere Wünsche aus religiösen Gründen eingestellt ist.

Doch EL AL hat entschieden. Nach der Ankündigung von NICE sprach die Firmenleitung vergangene Woche Klartext. Der Vorsitzende Gonen Ussishkin veröffentlichte eine offizielle Erklärung, dass Passagiere, die sich aus religiösen oder anderen Gründen weigern, neben jemandem Platz zu nehmen, sofort aus dem Flugzeug entfernt werden.

»Jeder, der Israels nationale Fluglinie fliegt, kennt die Werte, auf denen unser Unternehmen aufgebaut ist: Gleichheit von Religion, Rasse oder Geschlecht.« Auf Anfragen bestätigte EL AL, dass die Androhung des Rauswurfs auch für streng religiöse Männer gelten wird, die sich weigern, neben Frauen zu sitzen. Der Knessetabgeordnete Yisrael Eichler (Vereinigtes Tora‐Judentum) bezeichnete diese Maßnahme als »antisemitisch« und drehte den Spieß um: Er drohte der Fluglinie mit einem umfassenden charedischen Boykott.

Kaschrut In einem anderen Fall traf der Zorn der Kunden die Weinfirma Barkan. Die Kellerei im Kibbuz Hulda, eine der größten des Landes, war in die Schlagzeilen geraten, nachdem sich äthiopische Juden, die dort beschäftigt sind, beschwerten, aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert worden zu sein. Rassismus lautet der Vorwurf. Offenbar hatte die Kellerei den ultraorthodoxen Markt im Auge und ließ sich dafür auf die fragwürdigen Regeln der Eda Haredit eingelassen.

Die verleiht ein privates »super‐koscheres« Zertifikat, und die dunkelhäutigen Israelis sind ihnen offenbar nicht jüdisch genug. Der lapidare Satz des Barkan‐Chefs Gilles Assouline, den er in diesem Zusammenhang zu einem äthiopischstämmigen Beschäftigten sagte – »Geschäft ist Geschäft« –, verschärfte die Situation für Barkan zudem.

In einem investigativen Bericht des öffentlich‐rechtlichen Senders Kan äußerten sich Betroffene: »Jeder Jude, der neu eingestellt wird, arbeitet am nächsten Tag mit dem Wein. Wir nicht. Warum, bin ich nicht gut genug?«, fragte einer der Angestellten. Ein anderer, Uri Almanach, erzählte, dass er einmal den Wein berührt habe. »Da rannte der Vorarbeiter auf mich zu, nahm mir die Flasche aus den Händen und schmiss sie vor meiner Nase auf den Boden.« Nach der Ausstrahlung zeigten sich Kunden schockiert und riefen in den sozialen Netzwerken zum Boykott von Barkan auf. Viele posteten Bilder von Barkan‐Weinflaschen mit einem Stoppschild darüber. Weinhändler berichteten von einem Rückgang bei den Verkäufen von bis zu 60 Prozent.

Protest Der leitende Kaschrut‐Wächter der Barkan‐Weinkellerei, Josef Promovitch, leugnete die ungleiche Behandlung der äthiopischen Juden nicht. In einem Interview gab er zu, dass es Äthiopier gebe, die ihren religiösen Status mit einem offiziellen Übertritt zum Judentum geklärt hätten. Bei anderen sei der Status eher fragwürdig.

Also habe man eine allgemeine Regel für die äthiopischstämmigen Angestellten eingeführt. »Badatz ist nicht willens, sie zu akzeptieren.« Badatz ist die Abteilung innerhalb der Eda Haredit, die die Kaschrut überwacht. Daraufhin äußerten sich auch Politiker aus vielen Parteien entsetzt und riefen zum Konsumentenboykott auf. Knessetmitglied Tamar Zandberg (Meretz) schrieb auf Facebook: »Wir haben eine Botschaft für Herrn Assouline und Barkan: Seien Sie nicht überrascht, wenn wir uns von Ihrem Wein übergeben müssen.«

Die Tempo‐Gruppe, der Barkan angehört, erklärte einige Tage später, man sei für Gleichberechtigung und lehne jede Form von Rassismus und Diskriminierung ab. Zudem versicherte das Unternehmen, dass es die betreffenden Angestellten wieder in ihre Positionen einsetzen werde und das Koscher‐Zertifikat von Eda Haredit verloren habe.

Doch viele scheinen der Meinung zu sein: »Too little, too late«. Präsident Reuven Rivlin nannte den Vorfall eine »schreckliche Ungerechtigkeit«, und auch der sefardische Oberrabbiner Yitzhak Yosef machte klar, dass die äthiopischen Juden seit den 70er‐Jahren von den Behörden anerkannt und »in jeder Hinsicht Juden sind«. Man könne, so Yosef, diese Anweisung nicht anders erklären als mit eindeutigem Rassismus.

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