Studie

Das Schoa-Paradox

Holocaust-Überlebende in Jerusalem, die im Januar 2019 ihre Barmizwa nachholten. Foto: Flash 90

Für knapp 16 Monate war er der älteste Mann der Welt: Yisrael Kristal, geboren am 16. September 1903 im heute polnischen Dörfchen Maleniec. Im März 2016, nachdem man endlich fehlende Unterlagen über seine Geburt und Herkunft entdeckt hatte, war es so weit, er erhielt seinen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Wenn Journalisten fragten, was das Geheimnis seines langen Lebens sei, lautete die Antwort stets: »Reine Glückssache!«

Aber der gelernte Konditor, der als Kind noch dem österreichischen Kaiser Franz Joseph zugewinkt hatte, trug seit Februar 2014 einen weiteren »Ehrentitel«: Er galt als der älteste bekannte Überlebende der Schoa. 1939 war Kristal in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt worden, 1944 dann die Deportation nach Auschwitz, wo er bei seiner Befreiung durch die Rote Armee nur noch 36 Kilogramm wog. Seine erste Frau sowie seine beiden Kinder waren ermordet worden. Im August 2017, fünf Wochen vor seinem 114. Geburtstag, verstarb er in Haifa.

GESUNDHEITSDATEN Dass Yisrael Kristal dieses gesegnete Alter erreichen konnte, obwohl er in seinem Leben schlimmste Entbehrungen durchleiden musste, mutet erstaunlich an. Doch er ist kein Einzelfall, wie die jüngsten Untersuchungen von Gideon Cohen, Leiter eines Teams von Wissenschaftlern am »Morris Kahn Maccabi Health Data Science Ins­titute«, belegen.

Sie hatten die Gesundheitsdaten aus dem Zeitraum von 1998 bis 2017 von 38.597 Schoa-Überlebenden, die zwischen 1911 und 1945 in Europa geboren waren, mit denen von 34.931 Juden aus denselben Jahrgängen verglichen, die im vorstaatlichen Palästina zur Welt kamen. Auch sozioökonomische Faktoren wie Haushaltseinkommen oder Bildungsgrad wurden berücksichtigt.

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist knapp sieben Jahre höher als bei Altersgenossen.

Das Resultat überrascht: Diejenigen, die im Lager waren oder Zwangsarbeit leisten mussten, hatten zwar im Durchschnitt deutlich schlechtere Gesundheitswerte als die korrespondierende Kohorte. So litten etwa 83 Prozent von ihnen unter Bluthochdruck, während es bei den anderen nur 66,7 Prozent waren.

Ähnliche Differenzen gab es bei starkem Übergewicht oder chronischen Nierenerkrankungen. Bei der Lebenserwartung aber werden die Zahlen auf den Kopf gestellt. Dann kommen Schoa-Überlebende nämlich auf durchschnittlich 84,8 Jahre, die Vergleichsgruppe auf nur 77,7 Jahre. Das sind knapp sieben Jahre mehr Lebenszeit.

KOMPETENZ »Wir haben es also mit einem Paradox zu tun«, sagt Cohen. »Wir vermuten, dass diese Widerstandsfähigkeit im Zusammenhang mit einer Kombination aus positiven genetischen, physischen und emotionalen Eigenschaften steht.« Wie diese genau aussehen, darüber lässt sich noch nichts Konkretes sagen. Der Mediziner spricht aber von einer »fast darwinistischen Fähigkeit zu überleben«, die mit dazu beigetragen habe, dass diese Menschen die Schoa überstehen konnten, was womöglich auch der Grund für die höhere Lebenserwartung sei.

Dass Schoa-Überlebende eine auffällig höhere Lebenserwartung haben, legen auch andere Studien nahe.

Es gibt aber noch weitere Erklärungsansätze, glaubt der Experte. Wer sich Schoa-bedingt in einer schlechteren psychischen und physischen Verfassung befindet, und das bereits seit vielen Jahren, verfügt über deutlich mehr Gesundheitskompetenz als andere in seiner Altersgruppe und greift deshalb auch öfter auf medizinische Vorsorgeangebote zurück, so die Beobachtungen der Wissenschaftler. Diese Aussage deckt sich mit einer weiteren Studie aus dem Jahr 2016, die zeigte, dass Schoa-Überlebende doppelt so häufig das »Aufrechterhalten einer guten Gesundheit« als beste Strategie bezeichnen, um ein »möglichst gutes Leben zu haben«.

TRAUMA Dass Schoa-Überlebende eine auffällig höhere Lebenserwartung haben, berichtete 2013 bereits Avi Sagi-Schwartz von der Universität Haifa. Der Professor für Psychologie hatte die Gesundheitsdaten von 55.000 Juden unter die Lupe genommen, die aus Polen nach Israel eingewandert waren – drei Viertel von ihnen nach 1945 und damit nach Lagerhaft oder Zwangsarbeit, ein Viertel in den Jahren vor 1939. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gekommenen polnischen Juden lebten im Durchschnitt sechseinhalb Monate länger als die früher ins Land emigrierten. Allerdings waren bei Frauen so gut wie keine Unterschiede in der Lebenserwartung zu erkennen. Bei Männern hingegen betrug die Differenz im Durchschnitt 14 Monate.

»Männer, die im Zweiten Weltkrieg zwischen zehn und 15 Jahren alt waren und damit in der wichtigen Phase zum Erwachsenwerden, zeigten eine höhere Lebenserwartung von durchschnittlich zehn Monaten im Vergleich zu denen, die vor 1939 Polen verlassen hatten«, so Sagi-Schwartz. »Wer damals schon 16 bis 20 Jahre alt war, kam sogar auf 18 Monate mehr.«

Als eine mögliche Erklärung nennt Sagi-Schwartz das »posttraumatische Wachstumsphänomen«. Diesem Modell zufolge verfügen Menschen, die schockierende Erfahrungen machen mussten, über mehr Lebenskraft. Betroffene seien nach dem Trauma einfach ausdauernder und produktiver. »Die Ergebnisse geben uns Hoffnung und lehren uns zugleich, wie stark und widerstandsfähig der menschliche Geist angesichts von Brutalität und psychischer Belastung sein kann.«

Westjordanland

Schin-Bet-Chef streitet mit Rechtsradikalen

David Zini fordert von Ministerin Orit Strock eine klare Verurteilung jüdischer Siedlergewalt – und droht mit der Rückkehr zur Verwaltungshaft

von Sabine Brandes  06.10.2026

Jahrestag

Israel warnt vor Angriffen auf Juden am 7. Oktober

Am 7. Oktober jährt sich das Massaker von Hamas-Terroristen in Israel. Bei dem Überfall 2023 wurden rund 1.200 Menschen getötet. Israel warnt nun Israelis im Ausland und Juden weltweit vor Angriffen

 06.10.2026

Gedenken

»Berlin steht fest an Israels Seite«

Regierender Bürgermeister Kai Wegner besucht zum Jahrestag des 7. Oktobers den Geiselplatz in Tel Aviv und erhält die Medaille der Stadt

von Sabine Brandes  06.10.2026

Grausamer Plan

Der Professor, der Massenmörder werden wollte

Der Akademiker plante, Hunderte Araber zu töten und viele Unterstützer zu gewinnen. Die Bar-Ilan-Universität zeigt sich »zutiefst entsetzt«

von Sabine Brandes  06.10.2026

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026