Corona

Charedische Selbstkritik

Als Leiter von ZAKA ist er täglich mit dem Tod konfrontiert: Yehuda Meshi-Zahav Foto: Flash 90

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Charedische Selbstkritik

ZAKA-Chef Yehuda Meshi-Zahav kritisiert den laxen Umgang mit der Pandemie

von Sabine Brandes  28.01.2021 12:30 Uhr

Mit zerrissenem Hemd sitzt er da, das Gesicht versteinert, die Haut fahl. Er habe in der Nacht nicht geschlafen, spricht Yehuda Meshi-Zahav in die Kamera des Fernsehkanals 12. Wie auch? Der ultraorthodoxe Mann sitzt Schiwa. Nicht zum ersten oder zweiten Mal. Es ist das dritte Mal innerhalb weniger Wochen, dass er ein Familienmitglied zu Grabe tragen musste. Nach seinem 59-jährigen Bruder starben seine Mutter und sein Vater innerhalb weniger Tage an den Folgen einer Erkrankung mit Covid-19.

»Ich fühle mich wie in einer dunklen Höhle und habe kaum Worte für diesen Schmerz.« Es sind Schicksalsschläge, die kaum zu ertragen sind. Doch die Tragödie spielt sich nicht nur in seiner Familie ab, macht der Gründer und Vorsitzende der Rettungsorganisation ZAKA deutlich: »Es existiert kein Viertel, kaum ein Haus in unserer Gemeinde, in dem es nicht Todesopfer zu beklagen gibt.«

Er sage es schweren Herzens, »aber dies ist der Fehler unserer Anführer. Ich glaube, sie sind schlimmer als Holocaustleugner.« Diese würden die Geschichte verleugnen, aber jene verleugneten die Gegenwart. »Was ist mit ihnen los? Wie können sie sagen, dass ›unsere Hände dieses Blut nicht vergossen haben‹? An den Händen mancher Rabbis klebt Blut.«

NORMALITÄT Immer wieder beteuert Meshi-Zahav, dass sein Bruder Mosche und er die Eltern fast ein Jahr lang abgeschottet hätten. »Sie leben in Mea Schearim, wir haben sie beschützt wie einen Etrog. Mein Bruder zog sogar bei ihnen ein, damit sich ihnen niemand näherte.«

Doch an Chanukka, als der Bruder im Ausland war, geschah es. Die Eltern wollten endlich ihre Enkel und Urenkel – mehr als 300 – sehen und öffneten ihr Haus. Der Wunsch nach ein wenig Normalität während der Pandemie.
Doch Sara Zeisel Meshi-Zahav und Menahem Meshi-Zahav bezahlten die Erfüllung des Wunsches mit ihrem Leben. »Alle, die auf der Chanukkafeier waren, haben sich angesteckt«, erzählt Meshi-Zahav und schüttelt ungläubig den Kopf.

Als Leiter von ZAKA ist er täglich mit dem Tod konfrontiert, doch angesichts der Umgangsweise mit dem Virus in großen Teilen seiner Gemeinde ist er ratlos: »Ich kann diese Missachtung des Lebens nicht verstehen. Es geht ja nicht nur um das eigene, sondern auch das Leben der anderen. Das ist keine Wissenschaft, die nicht zu verstehen ist. Wir tragen das Virus weiter und weiter, und die Menschen sterben daran.«

todesrate Die Stimmung in Israel ist angespannt. Während die Zahlen der Impfungen rasant steigen, ist die Todesrate so hoch wie noch nie. Die Regierung sorgt sich, dass noch mehr Mutationen ins Land gelangen, und riegelte den Flughafen bis zum 31. Januar vollständig ab. Seit dem Beginn des Monats starben mehr als 1000 Menschen an den Folgen einer Erkrankung mit Covid-19, die höchste Zahl seit dem Ausbruch der Pandemie im Land, gab das Gesundheitsministerium an.

Zahlreiche Schulen in orthodoxen Vierteln bleiben geöffnet.

Währenddessen halten sich einige ultraorthodoxe Gruppen partout nicht an die Regeln zur Eindämmung des Virus. Mehrere Rabbiner riefen ihre Anhänger auf, die Schulen und Jeschiwot zu öffnen. Nach Angaben von israelischen Medien würden mindestens 15 Prozent der Bildungseinrichtungen in charedischen Orten regelmäßig betrieben.

Es handelt sich dabei hauptsächlich um die extremen Strömungen der Charedim, die sich den Regierungsvorgaben widersetzen. Doch nicht nur diese. Das weiß Sara Zalcberg, Dozentin für Religionsangelegenheiten an der Universität Tel Aviv. »Wir sprechen heute nicht mehr von einer ultraorthodoxen Gemeinde, sondern von Gemeinden. Denn es gibt viele Stimmen, verschiedene Ideen und Ansichten.«

GEWALT Rückt die Polizei an, um die Regeln durchzusetzen, kommt es immer häufiger zu Gewalt. Am Sonntagabend zündeten junge charedische Männer bei Protesten gegen die Schließung ihrer Einrichtungen in Bnei Brak einen Linienbus an, attackierten den Busfahrer und verletzten ihn. Besonders eskalierten die Auseinandersetzungen außerdem in Jerusalem, Aschdod und Beit Schemesch. In Aschdod wurden vier Beamte verletzt, als sie mit Steinen beworfen wurden. Auch mehrere Journalisten wurden bei der Ausübung ihrer Arbeit angegriffen. Es gab mehrere Festnahmen.

»Die auf den Straßen kämpfen, sind vor allem radikale Gruppen wie die Jerusalem-Fraktion oder die Gruppe des ›alten Jischuws‹«, sagt Zalcberg. Allerdings, räumt sie ein, würden sich auch einige Rabbiner des charedischen Mainstreams für das Brechen der Corona-Beschränkungen aussprechen. »Das hat sehr für Verwunderung gesorgt, auch innerhalb der Gemeinde.« Besonders habe sich dabei der Rabbiner der Litauer-Strömung, Chaim Kanievsky, hervorgetan. Mehrfach rief er öffentlich dazu auf, die Schulen zu öffnen.

Doch auch, wenn die Anhänger wüssten, dass es falsch sei und sogar Menschenleben gefährde, würden sie sich nicht widersetzen, sondern tun, »was der Rabbi sagt«, erläutert Zalcberg. Dieses blinde Folgen sei charakteristisch für viele charedische Gruppierungen. »Einmal erklärte es mir jemand so: ›Wenn der Rabbi sagt, es sei Nacht, obwohl ich weiß, es ist Tag, dann glaube ich, dass es Nacht ist.‹ Das Wort ihrer Rabbiner ist für viele absolut heilig.«

Warum die Regeln nicht eingehalten werden, habe vor allem zwei Gründe, meint die Expertin. Zum einen liege es an der mangelnden Informiertheit der Rabbiner. Kanievsky beispielsweise würde jeden Tag von morgens bis abends in seinem Zimmer Gemara studieren. Anfangs habe ihn niemand aus dem Gesundheitsministerium informiert, so Zalcberg, »und Neuigkeiten erhält er nicht aus den Nachrichten, sondern über seine Enkel, die ihm Dinge ins Ohr flüstern«. Natürlich sei alles extrem gefiltert. »Und so trifft der Rabbi seine Entscheidungen.«

ANGST Auch spiele die Angst in der Gemeinschaft, die jungen Leute zu verlieren, eine Hauptrolle in diesem Dilemma. »Wenn sie draußen herumlaufen, ohne den Rahmen der Schule oder Jeschiwa, kann niemand sie kontrollieren. Und das bedeutet Gefahr.«

All das erklärt die Reaktion einiger ultraorthodoxe Politiker. Die geben den Sicherheitskräften die Schuld an der Eskalation. »In Tel Aviv werden die Corona-Regeln auch gebrochen«, sagte der Vorsitzende der ultraorthodoxen Partei Vereinigtes Tora-Judentum, Yaakov Litzman, und meinte, dass die Polizei dort nicht eingreife. Der Haus- und Bauminister erwähnte jedoch nicht, dass in Tel Aviv und allen anderen Teilen des Landes weder Schulen noch Kindergärten oder Geschäfte geöffnet sind.

Meshi-Zahav überzeugt das alles nicht. Für ihn ist es die Verantwortung der Rabbiner, Leben zu schützen. Man müsse nicht einmal weit gehen, um es zu verstehen. Nur bis zu den Wartezimmern der Corona-Abteilungen in den Krankenhäusern. »Die Menschen sterben hier wie die Fliegen – und die Leute beschäftigen sich mit Politik? Was interessiert es mich, was am Strand passiert«, wettert er. »Wenn jemand vom Dach springt, springe ich doch nicht hinterher.« Die Menschen müssten endlich aufhören, ihr Verhalten zu rechtfertigen. »Ruft endlich um Hilfe!«

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