Rockefeller-Museum

Blick ins Paradies

In den Gassen der Jerusalemer Altstadt, beim Gebet in der armenischen St.-Jakobus-Kathedrale, der Hesed-Verachamim-Synagoge, der Naqshbandi-Moschee oder einfach bei einem Kaffee in einem der namhaften Hotels wie dem American Colony: Immer wieder fällt der Blick auf das charakteristische Blau-Grün armenischer Keramik.

Ihr widmet sich nun bis September 2020 eine Ausstellung im Ostjerusalemer Rockefeller-Museum. Unter dem Titel Ein Blick ins Paradies nimmt sie den Besucher mit durch die überraschende Geschichte einer jungen Kunstform.

»Armenische Keramik gehört zu Jerusalem wie der typische helle Kalkstein«, sagt Kurator Fauzi Ibrahim. Dabei sind sie sogar eine genuine Jerusalemer Erfindung, gerade mal 100 Jahre alt und eigentlich ein Zufallsprodukt.

SYRIEN An ihrem Anfang steht der in Anatolien geborene armenische Töpfer David Ohanessian, dessen Name sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht. Im Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Syrien exiliert, traf Ohanessian in Aleppo auf den britischen Diplomaten Sir Mark Sykes.

Teller für das Sedermahl gehören zum Angebot ebenso wie Kreuze, Heiligendarstellungen und kalligrafierte islamische Gottesnamen.

Sykes lud Ohanessian ein, seine Residenz in Yorkshire zu gestalten. 1918 brachte er den damals 34-Jährigen nach Jerusalem, um die dekorativen Fliesen am Felsendom zu renovieren. Der Armenier Ohanessian gründete ein Töpferatelier auf der Via Dolorosa - und begründete die Schule Jerusalemer armenischer Keramik. Ohne die Briten sähe die Jerusalemer Kachelwelt heute wohl anders aus, sagt Kurator Ibrahim. »In Armenien selbst gibt es keine armenischen Keramiken.«

ZYPRESSEN In Jerusalem hingegen entwickelten sich die glasierten Keramiken osmanischer Tradition auch dank der Arts-and-Crafts-Bewegung in der Mandatszeit schnell zu einer lokalen Kunstform. »Alle armenischen Künstler ließen sich von den Motiven des Landes inspirieren und wurden so Teil des Landes und seiner Geschichte«, so Fauzi Ibrahim.

Zu den traditionell türkischen Motiven wie Tulpen und Zypressen kamen Heiliglandmotive wie Palmen und Vögel, und »besonders beliebt«, so Ibrahim: das berühmt gewordene Mosaik aus Hischams Palast in Jericho, das einen früchtetragenden Baum mit drei Gazellen und einem angreifenden Löwen zeigt.

»Armenische Keramik gehört zu Jerusalem wie der typische helle Kalkstein«, sagt Kurator Fauzi Ibrahim.

Über die Herkunft der ins 16. Jahrhundert zurückgehenden Technik wird der Besucher informiert, ebenso wie über Details der Herstellung und die wichtigsten Künstlerfamilien. Aus dem Gemeinschaftsunternehmen »Palestine Pottery« entwickelten sich die Ateliers der Balians und der Karkaschians, zwei der acht heute noch aktiven Keramikateliers in Jerusalem.

ZIONSBERG Eine Übersicht der typischen Jerusalemer Altstadt-Straßenschilder - auf bemalten Kacheln – zeigt die wandelnden Herren der Stadt: Mit den Briten hielten englisch-arabisch-hebräische Straßenschilder Einzug in die Stadt, die unter den Jordaniern durch arabisch-englische Schilder ersetzt wurden – bis es durch das Hebräische abgelöst wurde.

Kacheln des Felsendoms sind in der Ausstellung ebenso zu sehen wie Fragmente der Kacheln, die einst das Davidsgrab auf dem Zionsberg zierten - bis Vandalen sie 2013 zerstörten. Weitere Stücke zeigen die rege Nutzung der armenischen Kunst durch alle drei Religionen: Teller für das Sedermahl gehörten zum Angebot ebenso wie Kreuze, Heiligendarstellungen und kalligrafierte islamische Gottesnamen.

Taucht der Besucher wieder ins Jerusalemer Leben ein, begleiten ihn die armenischen Kacheln weiter durch die Stadt.

Spielerisch nimmt die letzte Sektion der Ausstellung diese paradiesische Vision des multireligiösen Miteinanders auf: »Die Straße der Koexistenz« heißt es da in allen drei Sprachen auf einem eigens entworfenen Straßenschild von Studierenden der renommierten Jerusalemer Kunsthochschule Bezalel. Gazelle und Löwe mäandern friedlich um die Buchstaben.

MOSAIKE Verlässt der Besucher anschließend den Blick ins Paradies, um wieder ins Jerusalemer Leben einzutauchen, begleiten ihn die armenischen Kacheln durch die Stadt. Und vielleicht wird er bei seinem Spaziergang durch die Westjerusalemer Koreschstraße einen Moment länger als üblich innehalten, um das Kachelmosaik der armenischen Keramikkünstlerin Marie Balian zu bewundern.

Die monumentale Paradiesszene aus 1000 handbemalten Kacheln an einer Hauswand unweit der Altstadt gab der Ausstellung ihren Namen: A Glimpse of Paradise.

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