Arbeitsmarkt

Aufschwung und Abstieg

Auch wenn die meisten nicht betteln müssen, ist die Angst vor dem sozialen Aus da. Foto: Flash 90

Lior nimmt seine Frau in den Arm. Die beiden sitzen auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Haifa und schauen auf die gepackten Kisten. Schon bald werden sie mit der gemeinsamen Tochter nach Deutschland ziehen. Zum Geldverdienen. Die Zahl derjenigen, die trotz regelmäßiger Arbeit nicht über die Runden kommen, steigt in Israel stetig. Die neuen Zahlen des Zentralen Statistikamtes belegen, dass 40 Prozent aller Kinder mit dem Risiko leben, unter die Armutsgrenze zu rutschen. Das sind doppelt so viele wie im EU-Durchschnitt.

»In der Tat eine erschreckende Zahl«, bestätigt Asher Ben-Arieh, Professor für Sozialarbeit an der Hebräischen Universität in Jerusalem. »Doch ich finde es noch viel schlimmer, dass bereits 35 Prozent der israelischen Kinder tatsächlich arm sind.« In den vergangenen zehn Jahren sei diese Zahl immer weiter gestiegen, mehr als in jedem anderen OECD-Land. Vor einem Jahrzehnt lag die Zahl bei 26 Prozent.

kindergeld »In vielen anderen Ländern, etwa in England, haben die Regierungen eine Menge dagegen unternommen, hier war genau das Gegenteil der Fall. Es wurde mehr und mehr zusammengestrichen.« Der Grund? »Die Regierung schert sich ganz offensichtlich nicht um die Armut der Menschen, sonst wären nicht Maßnahmen wie die Mehrwertsteuererhöhung oder die Kürzung des Kindergeldes durchgesetzt worden«, glaubt der Experte.

Bei den Erwachsenen sehen die Zahlen nicht viel rosiger aus. 31 Prozent laufen hier Gefahr, in den Teufelskreis der Armut zu gelangen. Der EU-Durchschnitt ist 17 Prozent. Nur in Spanien und Griechenland ist die Wahrscheinlichkeit höher als in Israel, finanziell unter die Räder zu geraten.

working poor Dabei ist die hiesige Wirtschaft in keiner Weise mit den beiden südlichen Ländern Europas zu vergleichen. Den Angaben der Regierung zufolge geht es dem Markt blendend. Eine Arbeitslosenquote von sechs Prozent grenzt schon fast an Vollbeschäftigung. Jährlich entstehen 100.000 bis 120.000 neue Jobs.

Darüber, keine Arbeit zu finden, muss sich eigentlich kein Israeli Sorgen machen. »Aber darüber, dass er trotz Arbeit arm ist, schon«, weiß Ben-Arieh. »Denn die Zahl der ›Working poor‹, der Menschen, die trotz eines regelmäßigen Einkommens unterhalb der Armutsgrenze leben, ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel.« Viele der Jobs liegen unter einem akzeptablen Standard, sind schlecht bezahlt oder befristet. Das Durchschnittsgehalt ist in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, selbst mit zwei Einkommen ist es für viele Familien fast unmöglich, über die Runden zu kommen.

schere Vor allem die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich sowie die geringen sozialen Leistungen würden zu dieser katastrophalen Bilanz führen, so der Sozialexperte. »Es gibt ein trauriges Fazit in Israel: Arbeit schützt vor Armut nicht!«

Auch wenn man nicht gleich unter die Armutsgrenze rutscht, ist die Wahrscheinlichkeit, durch Anstrengung einen gewissen Wohlstand zu erreichen, in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken. Diese trüben Aussichten sind der Hauptgrund, dass 29 von 100 ausgebildeten israelischen Akademikern dem Gelobten Land »Lehitraot« sagen und ins Ausland gehen – der Großteil in die USA.

Ben-Arieh ist sicher, dass sich die Diskussion im Land aus diesen Gründen schon bald ändern wird. »Die Menschen hier sind zwar extrem beschäftigt mit Arbeit und Kindererziehung, doch lange machen sie das nicht mehr mit.« Obwohl es derzeit nicht so scheint, als würden viele gegen die Sozialkürzungen auf die Barrikaden gehen, ist er überzeugt, dass sehr wohl neue Proteste gegen die Ungerechtigkeit kommen werden. »Doch dann«, prophezeit er, »wird das nicht mit netten Liedern und lächelnden Demonstranten über die Bühne gehen.«

Mindestlohn Die Statistik zeigt, dass der Median (Mittelwert) des israelischen Gehaltes 6000 Schekel beträgt, umgerechnet 1200 Euro. Die Hälfte der Bevölkerung bringt also weniger nach Hause als diese Summe. Ben-Arieh: »Und unser Mindestlohn von 5000 Schekeln steht in keiner Relation zu den Lebenshaltungskosten. Arm trotz Arbeit – das ist die Realität der Menschen hier.«

Der Elektroingenieur Lior und seine Frau spüren das am eigenen Leib. Jahrelang rackerten sich die beiden ab, um die Rechnungen zu bezahlen und sich etwas aufzubauen. »Es gab keine Zeit, in der wir nicht beide gearbeitet haben, einer von uns natürlich immer Vollzeit. Nicht nur, dass wir uns keine Wohnung kaufen konnten, wir kamen einfach auf keinen grünen Zweig, standen am Monatsende immer mit einem Minus auf dem Konto da und mussten unsere Eltern um Geld anbetteln. Es gab keine Lösung und keine Hoffnung, dass es besser wird.«

Gerechnet Als die beiden erfuhren, dass sie zum zweiten Mal Nachwuchs erwarten, stand für sie fest: So geht es nicht weiter. Da Liors Ehefrau aus Deutschland stammt, lag die Entscheidung nahe. »Wir haben ganz nüchtern durchgerechnet«, erzählt sie. »Die niedrigen Kindergartenkosten, die soziale Absicherung, das hohe Kindergeld haben die Entscheidung schließlich leicht gemacht.« Lior bewarb sich bei mehreren deutschen Firmen und bekam zwei Zusagen.

Obwohl das Gehalt mehr als doppelt so hoch ist wie sein derzeitiges in der Heimat, wirkt der 36-Jährige nicht sonderlich glücklich darüber. Ein Leben außerhalb Israels war nicht das, was er sich für seine Zukunft ausgemalt hatte. »Aber ein Leben in Armut noch weniger.«

Das Ehepaar empfindet es als Boshaftigkeit, dass ausgerechnet Finanzminister Yair Lapid, aus dessen Ministerium die meisten Sozialkürzungen stammen, Israelis, die ins Ausland gehen, als »Jordim« beschimpft hat – ein abfälliger Begriff, der so viel heißt wie »die Herabsteigenden«. Lior schüttelt den Kopf: »Wir sind keine Jordim, uns wird einfach keine andere Wahl gelassen.«

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