Umstellung

An der Uhr gedreht

Abenddämmerung: Mit Beginn der Winterzeit am vergangenen Sonntag wird es jetzt eine Stunde früher dunkel. Foto: Flash 90

Tageshöchsttemperaturen nicht unter 30 Grad, die Schwimmbäder sind voll, die Strände gut besucht. Dennoch ist seit dem vergangenen Sonntag Winter. Zumindest in Sachen Zeitmessung. Als erstes Land überhaupt drehte Israel an der Uhr, sechs Wochen vor der Europäischen Union ist hier Schluss mit Sommerzeit.

Trotz einer riesigen Protestwelle von Bürgern, Geschäftsleuten und Politikern, die in einer Internet-Petition nahezu eine Viertel Million Unterschriften sammelten, wurden die Zeiger eine Stunde zurückgedreht. Die Eingabe von Initiator Schimon Eckhouse, Chef eines medizinischen Geräteherstellers, verlangte nach einem Boykott der Standardzeit bis zu dem Datum, an dem die meisten Länder umstellen. »Schulen, Geschäfte, öffentliche Einrichtungen, Familien und sonstige Organisationen: Bitte verhaltet euch so, als wäre die Uhr nicht zurückgedreht worden«, stand da geschrieben.

Dauer Die Sommerzeit in Israel ist die kürzeste überhaupt. Während die Mitgliedstaaten der EU 218 Tage haben und die USA sogar noch mehr, variiert die Länge hierzulande von 150 bis 170 Tagen. Die unterschiedliche Dauer entsteht, da sie entsprechend des zivilen Kalenders beginnt, das Ende hingegen nach dem jüdischen festgelegt wird. 2005 ist von der Knesset ein Gesetz erlassen worden, das besagt, die Sommerzeit startet am Freitag vor dem 2. April, am letzten Sonntag vor Jom Kippur ist Ende. Angeblich sei die Regelung eingeführt worden, um den Menschen das Fasten zu erleichtern. Doch wie die Zeiger auch stehen, am höchsten aller jüdischen Feiertage verzichten Juden in aller Welt 25 Stunden lang auf Speis und Trank. Da Jom Kippur in diesem Jahr entsprechend des weltlichen Kalenders auf ein recht frühes Datum fällt, ist die Sommerzeit also noch im Sommer vorbei.

»Völliger Schwachsinn«, findet Yael Abramovicz, die sich gerade am Strand von Habonim sonnt. Mitten im Hochsommer haben wir nun Winterzeit. Dabei könnten wir jetzt, wo die Temperaturen etwas angenehmer werden, endlich draußen sitzen und die hellen Abende genießen. Aber so ist es schon kurz nach sechs Uhr dunkel. Die Politiker haben einmal mehr gegen das Volk entschieden. Außerdem hält Abramovicz es für peinlich, dass Israel die Uhr im Alleingang umstellt und sich nicht der EU anschließt. »Und das alles ohne ersichtlichen Grund. Es ist wirklich ärgerlich.«

Kosten Wirtschaftsexperten ärgert die frühe Umstellung nicht nur, sie wissen, dass sie zudem extrem kostspielig ist. Jedes Jahr zahlt die Wirtschaft etwa zehn Millionen Schekel, umgerechnet zwei Millionen Euro, weil die Geschäfte Lichter, Werbungen und ähnliches früher einschalten müssen. Finanzminister Yuval Steinitz hält diesen Betrag für nicht bedeutend. »Eine totale Vergeudung von Geldern«, indes lautet der Kommentar im Internet. Sogar gefährlich sei das Ende der Sommerzeit, steht dort geschrieben, denn die Menschen müssten dadurch eine Stunde länger im Dunkeln mit dem Auto fahren, und da passierten bekanntlich mehr Unfälle.

Trotz Petition und Verärgerung in der Bevölkerung haben sich mittlerweile die meisten Israelis auf die neue Uhrzeit eingestellt. Die Mobilfunkanbieter schickten die neue Zeit per SMS an ihre Kunden, zusammen mit der Neujahrsbotschaft »Shana Tova!«. Die Supermärkte bekommen ihre frische Ware eine Stunde später, an den Schulen klingelt es zur Winterzeit, und zwischen Israel und Deutschland gibt es in den kommenden sechs Wochen keine Minute Zeitunterschied.

Einige jedoch wollen nicht mitziehen: Bei einer Handvoll Hightech-Firmen und Dienstleistern, darunter der landesweite Internetanbieter »012 Smile«, ist es nach wie vor eine Stunde früher. »Und damit belassen wir es bis Ende Oktober«, kündigten sie an.

Gesetzesentwurf Der Knessetabgeordnete Nitzan Horowitz (Meretz) hat ebenfalls nicht vor, sich abzufinden. Er kündigte an, einen Gesetzesentwurf einzureichen, der die Sommerzeit stets bis zum letzten Sonntag vor Beginn des Novembers verlängert. »Diese Uhrzeit ist korrekt für die
meiste Zeit des Jahres«, sagte er. »Sie passt zu unseren Gewohnheiten, spart Strom und erhöht die wirtschaftliche Produktivität.« Es sei betrüblich, dass sie auch in diesem Jahr, aufgrund von religiösen Zwängen, endet, bevor der Herbst beginnt. Dabei sei die Verbindung zwischen Zeitumstellung und Religion überhaupt nicht zu verstehen.

Das Ratsmitglied des Tel Aviver Vorortes Givatayim, Yoram Pomerantz, schlug sogar vor, dass seine Stadt eine ganz eigene Uhrzeit einführt. Jedes Jahr vom 1. März bis zum 1. November solle, wenn es nach dem Chef der Grünen geht, künftig auf allen Chronografen Sommer in Givatayim sein. »Und wenn die anderen dann mitziehen wollen, bitteschön, sehr gern«, frohlockte er.

Soweit will Innenminister Eli Yischai von der orthodoxen Schass-Partei nicht gehen. Für seinen Kompromiss, die Uhr nach Ende von Jom Kippur wieder auf Sommerzeit umzustellen, erntete er jedoch lediglich irritierte Blicke. Technologieminis-ter Daniel Herschkovitz, selbst frommer Jude, betonte, dass der Streit um die Uhrenumstellung nichts mit Meinungsverschiedenheiten zwischen Religiösen und Säkularen zu tun habe. »Die andere Zeit hilft keinem Gläubigen. Ich sehe keinen Grund, warum die Uhr nicht auf Sommerzeit stehen bleiben und die Wirtschaft dadurch sparen kann. Für alle Juden, denen Fasten an Jom Kippur wichtig ist, ist es wichtig – egal, wie spät es ist.«

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